Dr. Oliver Marc Hartwich 01.10.2009 05:14 +Feedback
To iSnack or not to iSnack, das ist in Australien die Frage
Eigentlich ist Australien nicht nur ein sehr sympathisches Land, sondern auch ein Land, das sich ziemlich leicht verstehen lässt. Der gemeine Australier ist unkompliziert, sportbegeistert und liebt eiskaltes Bier zu halbverkohltem Fleisch. Die Einheimischen nennen das dann ein “Barbie”.
Wenn man diese kulturellen Grundlagen einmal verinnerlicht hat, findet man sich als Zugewanderter in Down Under ohne größere Probleme zurecht. Aber dann gibt es da noch eine australische Eigenart, die ich niemals nachvollziehen werde.
Die Rede ist vom Kult, der in Australien um Vegemite veranstaltet wird.
“Vege-Was?” höre ich da schon so manchen deutschen Leser fragen, also sei das Phänomen kurz erklärt. Wenn man Bier braut, dann fallen dabei Hefeextrakte als Nebenprodukt an. Eigentlich könnte man diesen Abfall auch getrost entsorgen, aber in Australien wird daraus seit Urzeiten der Brotaufstrich Vegemite hergestellt.
Vegemite muss man sich als eine äußerst zähflüssige, dunkelbraune Paste vorstellen, bei der die Geschmacksrezeptoren für Salzig und Bitter in unvergleichlicher Art und Weise stimuliert werden. Mit anderen Worten: Es schmeckt zum Davonlaufen. Im Zweifelsfall würde ich mein Butterbrot lieber mit Schuhcreme oder Scheuermilch bestreichen. Selbst faule Eier sind neben einem Vegemite-Brötchen immer noch das kleinere Übel.
Die Australier sehen das freilich ganz anders. Eine Kollegin von mir, der ich ansonsten keinerlei Geschmacksverirrungen attestieren würde, streicht sich jeden Morgen die “gute Vegemite” daumendick aufs Brot. Manchmal legt sie sich auch noch etwas Avocado darauf, wobei mir die arme Frucht jedesmal Leid tut.
Vegemite ist für Australien mindestens so typisch wie das Opernhaus von Sydney oder das Great Barrier Reef. In der inoffiziellen Nationalhymne ‘Down Under’ von ‘Men at Work’ wird von einem Australier auf Besuch in Brüssel berichtet, der einen Brotverkäufer fragt, ob er seine Sprache spräche - “and he just smiled and gave me a Vegemite sandwich”. Noch besser: Die Redewendung “to be a happy little Vegemite” bedeutet in Australien soviel wie mit sich und der Welt zufrieden zu sein.
Doch mit den “happy little Vegemites” ist es nun erst einmal vorbei. Und schuld ist ausgerechnet der Hersteller von Vegemite, der US-Lebensmittelkonzern Kraft Foods. In der fernen Konzernzentrale war man nämlich auf den Gedanken gekommen, dass die Australier immer noch nicht genug Vegemite verzehren. Also brauchte es eine neue Idee. Wie wäre es, wenn man Vegemite mit Doppelrahmkäse vermischen würde? Das würde dann nicht gar so garstig schmecken wie das Original. Und vielleicht könnte man auf diese Art und Weise doch noch den einen oder anderen Zugewanderten für den Genuss von Brauereiabfällen gewinnen.
Gesagt, getan. Seit Juni standen die neuen Vegemite-Kreationen in australischen Supermärkten. Es fehlte nur noch ein Name für die nunmehr hellbraune Paste. Über 30.000 Vorschläge aus der Bevölkerung hatte Kraft Foods dafür erhalten. Doch als dann endlich am vergangenen Wochenende der neue Name enthüllt wurde, waren die ‘little Vegemites’ überhaupt nicht mehr happy.
iSnack 2.0 sollte das neue Produkt allen Ernstes heißen. Eingesandt wurde die Idee von einem 27-jährigen IT-Designer aus Perth, der wohl kaum ahnte, in welchen Kulturkampf er Australien damit stürzen würde. Prompt hieß es, die dummen Amerikaner von Kraft Foods ruinierten einen australischen Mythos, verhöhnten ein nationales Heiligtum und hätten schlichtweg keine Ahnung von Australien. Und überhaupt: Hätte man sich vorstellen können, dass Men at Work jemals die Zeile “and he just smiled and gave me an iSnack 2.0 sandwich” gesungen hätte?
Bei Kraft Foods versicherte man eilig, dass es sich weder um einen Marketing-Scherz, noch um eine gezielte Beleidigung der australischen Nation gehandelt habe. Um Schadensbegrenzung bemüht, versprach die Firma, einen neuerlichen Wettbewerb durchzuführen, um einen für alle akzeptablen Namen zu finden. Man kann nur von Glück sprechen, dass sich Kraft Foods selbst der Affäre annahm, bevor Premierminister Kevin Rudd die Angelegenheit zur Chefsache erklärte.
Persönlich hätte ich es allerdings noch besser gefunden, wenn Kraft Foods gleich nach einem neuen Rezept für seine komische Pampe gesucht hätte. Oder wenn sie das bei der Vegemite-Herstellung anfallende Bier einfach mir überließen. Überhaupt würde meiner Meinung nach Vegemite sowieso besser schmecken, wenn man es schlichtweg durch Nutella ersetzte.
Solange es aber nur um einen neuen Namen für ein geschmackloses Produkt geht, hätte ich schon eine Idee für die Manager von Kraft Foods. Wie wäre es mit iSnack 2.1? Es ist schließlich nur ein kleines Update.
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Kategorie(n): Ausland Bunte Welt


