Gastautor 20.04.2012 17:58 +Feedback
Tims Straßenansichten: “It´s strictly physical”.
von Tim Maxeiner
In loser Folge stelle ich hier alltägliche Orte in Kalifornien vor - und kleine Geschichten, die hinter der Fassade spielen. Wer möchte, kann den Schauplatz des Geschehens jeweils auch hier per Google-Street View aufsuchen.
24 hour Cafe
Die Anaheim-Street durchquert das Industrieviertel rund um den Hafen von Los Angeles. Zwischen Wilmington und Longbeach reihen sich Industrieschlote, Öltanks und Lagerhallen aneinander. Stacheldrahtzäune sichern die Areale, außer Truck-Fahrern stoppt hier niemand. Die Gegend liegt gewissermaßen wie eine Wüste in der Großstadt. Mitten in diesem Niemandsland leuchtet das Schild des „24 hour Cafe“ . In blau und Pink bröckelt die Fassade. Die Belegschaft wartet auf einsame Gäste die sich hierher verirren.
Meine gute Freundin Angel gehört zu den wenigen, die freiwillig hierher kommen, denn sie hat einen Faible fürs Skurrile: In den Nächten durchstreift sie koreanische Karaokebars, bei Tageslicht jagt sie nach Schnäppchen in den “Pawnshops” (Pfandleihen) von LA. Wer das Cafe betritt, passiert erst einmal die so genannten “Wanding-Mashines”. Das sind Automaten die Dosengetränke und Schokoriegel, aber auch Seife und Shampoo enthalten. Ein Schild an der Decke weist den Weg zu den “Trucker-Duschen” im Hinterhof.
Wir lassen uns in eine der dunkelgelben “American-Diner”-Sitzecken fallen. Über allem scheint eine dünne Staubschicht zu schweben - auch über den Besuchern - einige sehen aus, als würden Sie schon seit Jahren hier sitzen. Barbara, die reizende Bedienung, meint, wir seien die jüngsten Gäste seit “sehr, sehr langer Zeit”. Von den anderen Tischen ernten wir entgeisterte Blicke. Doch dann wenden sich die Gäste wieder den TV-Shows “Dr. Phil” und “Two and a half men” zu, die synchron auf zwei Fernsehern laufen. Barbara nimmt unsere Bestellung auf. Angel nimmt die Kartoffelsuppe, ich bestelle ein Frühstück, das es hier auch mitten in der Nacht gibt.
“Sagt mir Bescheid, wenn euch der Wahnsinnige am Nebentisch auf die Nerven geht”, warnt uns Barbara so laut, dass es jeder hören kann, bevor Sie in die Küche verschwindet. “Thanks Barby!” lässt der uns mit dem Rücken zu gewendete Mann verlauten. In Zeitlupe dreht er seinen Körper ein wenig in unsere Richtung bis er mit seinem rechten Auge Blickkontakt aufnehmen kann. „Nennt mich Captain Keez”. Dann brummt er mit einem tiefen Bass: „Sorry dass ich so steif bin”. “Erzähle ihnen warum!”, kommentiert Barbara im Vorübergehen. “Kürzlich habe ich mich von meiner Frau getrennt und die war damit nicht ganz einverstanden”, erzählt der Mann. “Sie hat mich überfahren“. Dann spezifziert er: “Erst hat Sie mich angefahren, dann hat sie zurückgesetzt und ist komplett über mich drüber”. Barbara ruft vom hinteren Teil des Restaurants: “Jetzt seit ihr quitt”. Wenn er nicht gerade von seiner Frau überfahren wird, führt Captain Keez ein Bootszubehör-Geschäft in der Nachbarschaft und besucht das 24hour Cafe dreimal täglich. Seit zwanzig Jahren kann man im Cafe die Uhr nach ihm stellen.
Eine halbnackte junge Frau, nur mit Bikini und High-Heels bekleidet, betritt den Raum. Die Konversation im Raum erstirbt. Die Gäste schweigen und starren. Nur Dr.Phil und Charly Sheen plappern weiter aus den Fernsehern. “Das ist Jessie, sie arbeitet in der Bikini-Bar,“ stellt uns Barbara die junge Frau vor. Die Bikinibar ist dem Cafe angeschlossen und gewissermaßen seine Amüsiermeile.
Jessie lässt meine Begleiterin Angel höflich wissen: “Wir suchen noch Mitarbeiter”. Sie erzählt uns von ihrem “Boyfriend”, der auch Deutscher sei. Sie schaut mich an und sagt: “Er ist so groß wie du, aber ein bisschen fetter”. Eigentlich sei es auch nicht wirklich ihr „Boyfriend“. Jessie erläutert ihre Beziehung so: “It´s strictly physical”. Es sei gerade nichts los in der Bikinibar. Ihre Kollegin hält nebenan einsam Wacht und spielt seit einer Stunde alleine Billiard. “Just another night in Los Angeles”, sagt Angel später beim rausgehen, “kein Wunder dass in dieser Stadt so viel Filme produziert werden“.
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Kategorie(n): Ausland Kultur Bunte Welt

