05.09.2012   19:30   +Feedback

Tief verletzt, als Jüdin in Deutschland

Bevor die große Postfeministin, Poststrukturalistin und Posttheoretikerin Judith Butler nächste Woche den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt erhält, lohnt es, sich zu vergegenwärtigen, warum dies geschieht. Seit Jahren schreibt Frau Butler hochkomplexe Texte, deren hohe Komplexheit der Sache geschuldet ist. Sie vertieft sich in die Winkel und Feinheiten menschlichen Denkens, für die andere Denker entweder zu faul oder zu beschränkt sind, um sie zu Ende zu denken. Sie macht die intellektuelle Drecksarbeit, die aber doch gemacht werden muss. Heraus kommen Gedanken, wie diese, aus dem Aufsatz mit dem Titel: “Further Reflections on the Conversations of Our Time.”

“The move from a structuralist account in which capital is understood to structure social relations in relatively homologous ways to a view of hegemony in which power relations are subject to repetition, convergence, and rearticulation brought the question of temporality into the thinking of structure, and marked a shift from a form of Althusserian theory that takes structural totalities as theoretical objects to one in which the insights into the contingent possibility of structure inaugurate a renewed conception of hegemony as bound up with the contingent sites and strategies of the rearticulation of power.”

Wow, das fetzt. Der Autor dieser Zeilen kapituliert vor der Bedeutung dieses sehr langen Butlersatzes und überlässt die Übersetzung dem Google- Übersetzer:

„Der Übergang von einem strukturalistischen Konto, in denen das Kapital zu verstehen, die sozialen Beziehungen in relativ homologe Weise zu strukturieren, um einen Blick auf Hegemonie in welcher Machtverhältnisse unterliegen Wiederholung brachte Konvergenz und Reartikulation die Frage der Zeitlichkeit in das Denken von Struktur und markierte eine Abkehr von einer Form von Althussers Theorie, die strukturelle Ganzheiten als theoretische Objekte braucht, um ein, in denen die Einblicke in die bedingte Möglichkeit der Struktur eröffnet eine erneute Vorstellung von Hegemonie als mit den bedingten Websites und Strategien der Reartikulation der Macht gebunden.”

Frau Butler würde jetzt wahrscheinlich sagen, sie fühle sich missverstanden, ihr Zitat sei entstellt und aus dem Zusammenhang gerissen. Zu Recht! Denn die Beschränktheit des Übersetzers von Google entstammt sicherlich seinem Mangel an posttheoretischem Denken.

Es gibt aber auch Menschen, die meinen, dass Butlers Satz an sich unverständlich ist. Zum Beispiel Dennis Dutton, der Veranstalter des „Bad Writing Contest“, dessen Gewinner der Butlersatz 1998 war. Er sagte: „dem Satz Butlers einen Sinn zuzuschreiben bedeutet, das Thema zu verfehlen. Der Satz zwingt den Leser in Unterwerfung und instruiert ihn darüber, dass er sich in der Gegenwart eines großen, tiefgründigen Geistes befindet.“

So fühlen bestimmt auch die Damen und Herren Adornoexperten in Frankfurt. Bevor sie jemand zwingt, für den Satz eine verständliche Übersetzung zu liefern, verleihen sie lieber ihren Preis. Und sie wissen: große Geister sind verletzlich, wegen der Feinheit ihres Denkens. Wie Mädchen, die auf dem Spielplatz von bösen Jungs einen Tritt vors Schienbein bekommen haben, weil sie halt ein wenig schlauer waren als diese, rufen sie: Aua, Gemeinheit, Mama!

Frau Butler ist tief verletzt, so heißt es in der deutschen Presse. Ob der Anschuldigungen, ihrer Art und ihres Inhaltes. Sie wirft ihren Kritikern Böswilligkeit vor. Dies soll hier an dem Beispiel überprüft werden, das im Mittelpunkt der Anschuldigungen steht, von dem Frau Butler sagt, es wäre sinnentstellend aus dem Kontext gerissen worden. Der Originaltext ihrer kritisierten Aussagen zu Hamas und Hisbollah war eine kumulative Antwort zu mehreren Fragen auf der Veranstaltung der Universität Berkeley aus dem Jahr 2006 mit dem Titel „Teach-in against War.“ Es ging um den Krieg Israel- Libanon 2005.

Wer den Eröffnungsvortrag auf Youtube ansieht, wird schnell das gewohnte Weltbild der Social Studies- Seminare in den USA erkennen: die Welt ist geteilt in Unterdrücker (Israel, USA) und Unterdrückte (Libanon, Gaza, Hisbollah, Hamas, Palästinenser, Araber). Frau Butler scherzt am Anfang ihres Vortrages darüber,  dass sie schlaflose Nächte hatte, weil sie das Thema „bezüglich Israel“ erörtern sollte. Dann ihr Vorwort: „Es gibt verschiedene Dimensionen bezüglich der Darstellung der Ereignisse, die wir kritisch überdenken müssen, deswege will ich kurz innehalten und zu bedenken geben, dass es nicht dasselbe ist, eine Reihe von Ereignissen denkbar zu machen, wie eine starke normative Haltung bezüglich dieser Ereignisse einzunehmen, und gleichzeitig will ich darauf hinweisen, dass die Art und Weise, wie wir diese Ereignisse darstellen unausweichlich normativen Charakter hat.“ Was so viel heißt, wie: passt gut auf, ich bin mir meiner Worte sehr bewusst.

Nachdem Frau Butler bewiesen hat, dass sie sich methodisch voll auf der Höhe ihrer eigenen Konstrukte befindet, springt sie mit dem Vortrag in die Niederungen der anti- israelischen Realpolitik: Die ‚Selbstverteidigung der eigenen Grenzen’ nennt sie eine haltlose Behauptung israelischer Militärpropaganda, der Krieg war ein „Overkill“, ein „Gemetzel“, ein „Kriegsverbrechen“, es gab „maximale Zerstörung“ (…) ohne Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen“, es war vielleicht nur ein Testlauf für einen Krieg gegen einen größeren Gegner, z.B. Iran, und so weiter.

Später gibt es dann aus dem Publikum folgende Fragen: Sollte Widerstand, weil Israel ein imperialistisches, kolonialistisches Projekt ist, durch soziale Bewegungen oder auf Staatenebene passieren? Schadet es der Solidarität mit den Palästinensern, dass die Linke zögert, Hamas und Hisbollah zu unterstützen, „nur“ weil sie Gewalt anwenden? Gefährden Hamas und Hisbollah wirklich die Existenz Israels, wie es in einigen Medien dargestellt wird?
Darauf gab Frau Butler später eine Art Sammelantwort, und dies ist die Passage, um die sich alles dreht: „Ja, ich glaube, es ist extrem wichtig, Hamas und Hisbollah als soziale, progressive Bewegungen zu verstehen, die zur Linken gehören, die Teil der globalen Linken sind. Dies verhindert nicht, dass wir kritisch bezüglich gewisser Dimensionen dieser Bewegungen sind. Es hält diejenigen von uns, die an gewaltloser Politik interessiert sind, nicht davon ab, die Frage aufzuwerfen, ob es neben der Gewalt noch andere Optionen gibt. Also, nochmals, (dies ist) eine kritische wichtige Auseinandersetzung. Ich denke fest, dass dies in die Konversation innerhalb der Linken eingeführt werden sollte.“ (im Original, mit den Fragen)

Sechs Jahre später meint sie dazu: „Mein erster Punkt war rein deskriptiv: Die genannten politischen Organisationen verstünden sich als antiimperialistisch, und Antiimperialismus sei ein Merkmal der globalen Linken, sodass man sie vor diesem Hintergrund als Teil der globalen Linken beschreiben könnte. Mein zweiter Punkt war kritischer Natur: Wie bei jeder linken Gruppierung müsse man sich entscheiden, ob man für oder gegen diese Gruppe sei, und man müsse ihre Positionen kritisch überprüfen. Ich akzeptiere oder befürworte nicht alle Gruppierungen der globalen Linken.“

Nun der erste Punkt wäre, dass das Wort antiimperialistisch in ihrer ursprünglichen Antwort fehlt, auch im Vortrag. Unangenehm ist ihr demnach die Verwendung von „progressive“, fortschrittlich. Was sie an Hamas und Hisbollah fortschrittlich findet, bleibt noch genauer zu erkunden. Der zweite Punkt ist das alte Problem mit dem Rosinenpicken. Die Gewalt ignorieren und alles nur mit sozialen, linken Begriffen benennen, heißt oft eben auch den Kern verfehlen. Es kondensiert zu der Frage, ob man bei Hamas und Hisbollah ihre sozialpolitische Wirkung für bedeutungsvoller hält als ihren Terror. Und da hat sich Frau Butler entschieden. Sie ist zwar gegen Gewalt, aber kein einziges Mal kritisiert sie Hamas und Hisbollah, im Gegenteil, sie kritisiert deren Bezeichnungen als „Terrororganisationen.“ Sie sagt, sie sei gegen Gewalt, aber sie ist auch unter Leuten, von denen manche Gewalt gutheißen. Diejenigen (wie sie), die es nicht tun, sollen kritisch sein und es Hamas und Hisbollah schmackhaft machen, „ob es neben der Gewalt noch andere Optionen gibt“ Niemals hat sie sich derart zu Hamas und Hisbollah geäußert, dass sie die Gruppen ablehnt, weil sie Gewalt als ein Mittel des politischen Kampfes betrachten. Auffällig ist, dass Butler, anders als bei der Darstellung der israelischen Militäraktionen, bezüglich Hamas und Hisbollah keine „starke normative Haltung bezüglich dieser Ereignisse“ einnimmt, sondern eher eine Boutique- Normativität predigt: die einen von uns Linken lehnen die Gewalt ab, die anderen nicht. Und immer schön kritisch bleiben.

„Deskriptiv“ soll nun heißen: ich habe es ja nur ganz unschuldig beschrieben. Doch weil „die Art und Weise, wie wir diese Ereignisse darstellen, unausweichlich normativen Charakter hat,“ geht das eigentlich gar nicht. Bzw. es enttarnt sich als eine methodische Plapperwand, hinter dem man sich verstecken kann. Butlers eigene Performativitätstheorie besagt, dass die Bedeutung und die Wirkungsmacht von Sprechakten wenig bis nichts mit der Intention des Sprechers zu tun haben, sondern vor allem mit Kontexten. „Hände hoch!“ hat zum Beispiel in einer Bank eine anderen Effekt als im Turnunterricht. Die schöne Theorie soll hier vergessen sein. Denn während der ganzen Konferenz waren die Guten und die Bösen klar benannt, und zu ersteren gehörte Hamas und Hisbollah. Diese dann „soziale, progressive Bewegungen“ zu nennen, hieß also ganz klar, sich auf ihre Seite zu stellen. Von „aus dem Kontext gerissen“ kann also keine Rede sein, im Gegenteil, der Kontext war geradezu plump eindeutig.

„Ich habe es eigentlich ganz anders gemeint“ - das ist wahrscheinlich der peinlichste Satz eines Sprachwissenschaftlers.

Wer nun ihren Nachinterpretationen immer noch nicht folgt, bekommt es mit der ganzen Macht ihrer verletzten Gefühle zu tun. Und verletzt ist sie auch als Jüdin. Ein Verletztsein, das in Deutschland ziemlich gut funktioniert, und von Frau Butler deswegen wiederholt gebraucht wird. Schon vor zwei Jahren sagte sie der Jungle World: „Ich habe mich auch gefragt, ob die Verwendung meiner gekürzten Bemerkungen über Hamas und Hisbollah nicht selbst eine Art antisemitischer Angriff war. Ich spüre in der Tat wieder meine Verletzbarkeit als Jüdin in Deutschland, wenn ich auf diese Art und Weise in den Medien diskreditiert werde.“

Als Jüdin in Deutschland, wieder. Frau Butler, Jahrgang 1956, heftet sich virtuell mal kurz den Nazi-Judenstern an, um ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen. Und überhaupt: „Ich bin tief verletzt“ - das ist sicherlich der peinlichste Satz einer Genderpionierin. Mit Verletztsein zu beeindrucken, das tun nur Kinder und manche Frauen.

Ich bin eine Jüdin, und ich bin eine Frau - beide Identitäten hat Judith Butler ihr ganzes akademisches Leben lang einer poststrukturalistischen Kritik unterworfen – selbstverständlich ganz im Geiste Adornos. Sie hat über Jahrzehnte alle Begrifflichkeit von Jüdin und Frau dekonstruiert, als soziale Konstrukte entlarvt, ihren imperialistischen Charakter angeklagt und für deren postfeministischen Ersatz gekämpft. In Erwartung eines Preises und 50.000€ hat sie sich, unter dem Druck einer „reaktionären“ Kritik, dann doch irgendwie anders besonnen. Ein weiter Weg und ein schwerer Weg. Für Frau Butler selbst am allerschwersten. Die 50.000 € aus Frankfurt sind das Schmerzensgeld für die Verleugnung ihrer eigenen Wissenschaft.

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Kategorie(n): Kultur 

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