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  16.01.2012   03:45   +Feedback

“The Iron Lady”

Gerade eben habe ich im Kino „The Iron Lady“ gesehen – und bin immer noch hin und weg. Meryl Streep spielt in diesem Film Margaret Thatcher; und wenn sie für diese Leistung keinen Oscar bekommt, dann soll bitte irgendwer Hollywood zusperren und den Schlüssel wegwerfen. Mit dieser Leistung zeigt Meryl Streep exemplarisch, was den Beruf des Schauspielers ausmacht: Der Schauspieler soll uns nicht mit seinen Marotten behelligen, er möge bitte nicht in 1001 eitlen Varianten sich selbst darstellen – statt dessen soll er uns seine Rolle so überzeugend zeigen, dass er möglichst komplett hinter ihr verschwindet. Meryl Streep, die Margaret Thatcher ja nichtmal ähnlich sieht, verkörpert die ehemalige britische Premierministerin dermaßen überzeugend, dass wir über weite Strecken vergessen, wem wir da gerade zuschauen. Vielleicht ist Meryl Streep sogar eine Spur überzeugender als das Original. Auf Englisch könnte man sagen: she out-Thatchers Thatcher.

Regie in „The Iron Lady“ hat Phyllida Lloyd geführt, eine Engländerin, die bisher vor allem als Opernregisseurin hervorgetreten ist. Das Drehbuch stammt von Abi Morgan. Ich bilde mir ein, dass diesem Film etwas Erstaunliches gelingt: ein Porträt der konservativen (in Wahrheit: erzliberalen) „eisernen Lady“, das auch Linke ergreifend finden könnten, für die Margaret Thatcher immer noch eine weibliche Variante des Gottseibeiuns ist. (Klarstellung: Ich gehöre nicht zu diesen Linken. Dass die Zechen in Großbritannien nicht mehr wirtschaftlich gearbeitet haben, also geschlossen werden mussten, war doch nicht Margaret Thatchers Schuld. Und ich finde im Rückblick großartig, dass sie die britische Navy losgeschickt hat, um die Falkland-Inseln von der argentinischen Junta zu befreien – ein klassischer antifaschistischer Krieg.)

Aber es geht in diesem Film in der Hauptsache gar nicht um Politik. Es handelt sich vielmehr um das berührende Porträt einer alten Frau, die ihren Mann verloren hat; und nun erscheint er ihr als Gespenst, als Halluzination. Es geht in „The Iron Lady“ um eine Frau, die in bester (oder schlimmster?) britischer Tradition gelernt hat, dass man über Gefühle gefälligst nicht redet. Also versucht sie ganz allein, mit ihrem Schmerz klarzukommen – und mit ihrer Altershinfälligkeit. Dazwischen sehen wir in unordentlichen Rückblenden: ihren Aufstieg von der kleinen blonden Ladentochter zur mächtigen Chefin der konservativen Partei. Wunderbar wird gezeigt, wie sie dabei durch mehrere Decken gleichzeitig bricht: Die eiserne Lady schafft den Aufstieg von der kleinen Ladenbesitzertochter in die oberen Ränge; sie setzt sich als Frau in einer Männerwelt durch; und sie vertritt Tugenden der Tories in einer Umwelt, in der rosarote Parolen viel besser ankommen.

Herrliche Szenen. Schon der Anfang, wo die geistig verwirrte Margaret Thatcher mit Kopftuch in einen Laden geht und eine Gallone Milch kauft; kein Mensch erkennt sie, und sie passt deutlich nicht mehr in diese Welt. Oder später, wenn sie Alexander Haig gegenübersitzt, der ihr den Falklandkrieg mit den Worten auszureden versucht, es handle sich hier doch um sehrobskure Inseln, die tausende Meilen von Großbritannien entfernt liegen. Margaret Thatchers Antwort: „Sie meinen, wie Hawaii.“ Dann erinnert sie ihn an den Überfall auf Pearl Harbor und meint, es werde den argentinischen Generälen noch leid tun. Anschließend gießt sie ihm zuckersüß lächelnd eine Kanne Tee ein.

Hat außer Meryl Streep eigentlich noch jemand in dem Film mitgespielt? Gewiss doch. (Etwa Jim Broadbent als Dennis Thatcher; oder Alexandra Roach als junge Margaret, die damals mit Nachnamen noch Roberts hieß.) Aber alle anderen schauspielerischen Leistungen werden überstrahlt, werden in den Schatten gestellt von Meryl Streep. Und wenngleich dieser Film, wie schon gesagt, hauptsächlich nicht von Politik handelt – es bleibt doch ein Wunder, dass hier ein Film entstanden ist, in dem Margaret Thatcher nicht als kaltes Monster dargestellt wird, sondern als prinzipienfeste Dame, die unter ihrer eisenharten Schale das Herz einer Liebenden verbirgt. „The Iron Lady“ zeigt Margaret Thatcher als Frau voller Würde, die viel gewagt und viel gewonnen hat: für sich selbst und für ihr Land. Und am Ende steht sie doch ganz allein da. Denn so ist das Leben.

(Hannes Stein)


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Kategorie(n): Kultur 

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