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  19.01.2010   11:42   +Feedback

Wohlige Leere am Bebelplatz

Der Bebelplatz in Berlin, Ort der nationalsozialistischen Bücherverbrennung, ist schön, erhaben – und normalerweise ziemlich leer. Er gehört ganz den versprengten Reisegruppen auf ihren History-Touren. Meist zumindest. Einmal im Jahr aber wird die gepflegte Ernsthaftigkeit des Gedenkens empfindlich gestört. Ausgerechnet die eitelste, postmodernste, oberflächlichste aller Industrien macht sich dann dort breit: die Modebranche.

Bald allerdings wohl nicht mehr. Nächstes Jahr will die „Berlin Fashion Week“ vom Bebelplatz wegziehen. Der Grund: Berliner Lokalpolitiker machen seit Neuestem Stimmung gegen die böse Welt des „Halligalli“. Wo gedacht wird, da braucht man Ruhe und Leere, finden sie. Und weil die PR-Entscheider der Fashion Week den Grundkurs „Krisen-Kommunikation“ aus der letzten Fortbildung noch im Kopf haben – wenn sich eine öffentliche Diskussion zusammenbraut, diskutier nicht lang rum, mach Dich aus dem Staub – tun sie genau dies.

PR-mäßig ist das richtig gedacht. Die Argumentation „eitle Modebranche hat kein Geschichtsbewusstsein“ ist in ihrer Einfachheit für Lokalpolitiker und ihre journalistischen Pendants zu verführerisch, um sich nicht durchzusetzen. Das ist ja das Schöne an solchen Aufgeregtheitsthemen: Dass sich hier jeder ohne kompliziertes Nachdenken als geschichtsbewusster Mensch profilieren kann.

Dennoch unterliegen die Gedenkpuristen einem grundlegenden Missverständnis. Dieses bezieht sich weniger auf die historische Bedeutung des Bebelplatzes noch auf den Modezirkus. Sondern auf den Stadtraum. Die Mode-Basher halten urbane Segregation für politisch sensibel. Für sie teilt sich Stadt in klar unterscheidbare Zonen auf: Hier wird gefeiert, da diniert, und am Bebelplatz eben gedacht. Sie verstehen nicht, dass Stadt von der Mischung lebt und – ja – auch von der Konfrontation „ernster“ oder “problematischer” Orte mit der „Unernstheit“ des Modezirkus. Diese Konfrontation nimmt dem Bebelplatz keineswegs seine „Würde“. Sie unterstreicht sie. Es ist eine Stärke Berlins, unterschiedliche kulturelle und historische Sphären immer wieder miteinander zu konfrontieren. Darin liegt das Sperrige, das Unbequeme – und das Vitale dieser Stadt. Dass Berlins Lokalpolitiker von dieser Vitalität nicht viel mitbekommen, war schon immer ihr Problem und hat zu dem Eindruck einer dramatischen Berliner Politprovinzialität geführt.

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Kategorie(n): Kultur 

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