10.08.2012   11:47   +Feedback

Still no satisfaction

In einem Jahr, als ich noch kein Auto besaß und erst recht keinen Führerschein, sang ein Typ darüber, wie er mit seinem Wagen fuhr und sich den ganzen Müll aus dem Autoradio anhören musste: And that man comes on the radio, he´s tellin´me more and more, about some useless information, supposed to fire my imagination, I can´t get no, I can´t get no, no no no.

Seither ist etwas Zeit verstrichen. Verändert hat sich nicht allzu viel. Im Auto sitzen und über die Wellen scannen vermittelt Jaggersche Wutgefühle. No satisfaction. Nur brabbeln und blöken, jammern und zagen, mit dem Finger auf andere zeigen, deren Kohle man haben will und zwar sofort. Nicht der private Dudelfunk oder das öffentlich-rechtliche Regionalradio ist der Gau, sondern die so genannten Qualitätsprogramme, die allen Beladenen und Beleidigten des Universums ein Forum geben, 24 Stunden am Tag.

Also, in Jakarta gibt es das Problem, dass man in dieser Stadt als Radfahrer praktisch aufgeschmissen ist. Eine Initiative hat sich dort gebildet, welche für das Radeln kämpft, der deutsche Rundfunk ist dabei. Ich kenne Jakarta nur flüchtig, aber gut genug, um fragen zu dürfen - ja, geht´s noch? Wer versendet solchen Quatsch? (Der DLF, glaube ich zu erinnern.)

Vegetarier und Veganer wollen endlich ganz genau wissen, was in den Lebensmittelpackungen steckt und ob einzelne Inhaltsstoffe womöglich mit ihrem Glauben kollidieren (vom selben Sender, mutmaßlich). Ein neues Gesetz müsste das regeln. Eine Frau im Norden betreibt einen Kräutergarten, in dem sie Pflanzen nach dem Mondkalender düngt, mit Brennesseljauche. Das sollte die Regel werden, findet sie, wegen der Umwelt und so.

Hauptsache gesund, oder?

Schwule möchten laut NDR Info irgendeine Gleichstellung, Frauen erst recht. Neue Quoten müssten her, für alle, per Rechtsanspruch. Behinderte benötigen „Inklusion“, was immer das ist; Betreuungsgelder und Fördermittel aller Art werden von dem und der eingefordert. Ein Diakon klagt über den Reichssozialfunk an: Eltern mit kleinen schulpflichtigen Kindern droht der Ruin! Die Lehrmittelfreiheit muss her. Finanzielle Aufstockungen werden verlangt für Menschen, die von den eigens für sie geschaffenen Jobs, welche keiner außer ihnen braucht, letztendlich doch nicht leben können, sagen sie. Wie aus der Sozialindustrie verlautet, steigen Kinderarmut, Altersarmut, Migrantenarmut und speziell die Armut alter Migranten, welche arme Enkel haben, die hierzulande diskriminiert werden und ihrerseits aus der Armut vielleicht nie mehr rauskommen, aufs Dramatischste an.

Gibt es einen letzten Menschen in diesem Land, der nicht ausgegrenzt, benachteiligt und/oder verelendet ist? Er melde sich bitte sofort beim Norddeutschen Rundfunk mit seinen vielen Spartensendern! Exoten werden da immer gesucht.

Unerbittlich geht´s weiter. Ein Funk-Korrespondent berichtet aus dem Studio Kairo, was er so über die Vorgänge in Syrien denkt. Verstehe ja, dass es derzeit ungemütlich in Syrien ist, möchte da auch nicht rumlaufen. Aber warum hält dieser Mensch nicht einfach die Klappe und überlässt irgendeinem Schwafler von irgendeinem deutschen Orient-Institut, der sich gerade ein paar Youtube-Videos runtergeladen hat, die „Analyse der Krise“ (Hanns Dieter Hüsch)?

„He´s tellin´me more and more.“ No satisfaction.

Liegt es am Sommerloch, oder was? Debatten scheinen auf, die mich null interessieren. Sollte Hermann Hesse wiederentdeckt werden? Ist Facebook eine Gefahr für die junge Menschheit?  Übernehmen Neonazis bald die Macht in Deutschland? Schmelzen die Polkappen, stirbt der Minkwal aus? Couldn´t care less. Und, ehrlich gesagt, was Glaubensgemeinschaften mit den Schniedelwutz ihrer männlichen Nachkommen anstellen, juckt mich nicht. Noch weniger, ob Frauen beschnittene oder unbeschnittene Pimmel besser finden. Will die Details gar nicht wissen, törnt mich ab. Steuer-CDs, Kita-Gebühren, das Elend von Schauspielerinnen, die nach Anfangserfolgen keine Rollen mehr kriegen – bin ich sehr herzlos, wenn ich gestehe, dass mir das alles am Arsch vorbei geht?

Was mich interessiert, ist eher dies: wie will sich ein Land, das in Zukunft ganz erheblich für die südliche Hälfte Europas mit aufzukommen haben wird, dessen Politiker aber gleichzeitig die eigene De-Industrialisierung beschlossen haben („Energiewende“), wie will sich so ein Gemeinwesen für die Zukunft präparieren? Könnte darüber nicht mal was im Radio kommen?

Viel Befriedigendes würde dabei aber nicht raus kommen, fürchte ich.

 

 

 

 

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Kategorie(n): Kultur 

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