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  13.01.2012   14:19   +Feedback

SPIEGEL-Wind-Ei der Woche: Trotz “harter Fakten” keine Substanz

Von Rainer Schulze

SPIEGEL-Wind-Ei der Woche: Trotz “harter Fakten” keine Substanz

Sobald führende deutsche Publikumszeitschriften bei politisch umstrittenen Themen Zahlenwerte bemühen, ist Vorsicht geboten. Hier werden gerne aus für sich gesehen korrekten Einzelfakten Botschaften generiert, die so falsch sind, dass noch nicht einmal das Gegenteil stimmt.

Zu handwerklicher Meisterschaft hat diese Vorgehensweise die SPIEGEL-Wirtschaftsredaktion auf Seite 63 der Print-Ausgabe dieser Woche geführt.
Auf 24 Quadratzentimetern und mit knapp 20 Worten sicher rekordverdächtig komprimiert liest man hier bei der “Zahl der Woche”:

“8 Mrd. Kilowattstunden Strom haben deutsche Windräder im Dezember (2011; Anm. des Autors) erzeugt. Der Rekord entspricht fast der monatlichen Leistung aller deutschen Atomkraftwerke.”

Wer es noch nicht gemerkt hat - die Botschaft lautet: dank der deutschen Windkraftwerke können wir den Verzicht auf Kernkraft locker wegstecken.

Faktencheck:
- im Dezember 2011 lag die Windstromerzeugung in der Tat bei knapp 8 Mrd. kWh
- damit war dieser Monat auch wirklich der mit Abstand ertragreichste des Jahres 2011 (insges. wurden etwa 44,3 Mrd. kWh erzeugt - eine Auslastung von satten 18% der installierten Leistung)
- laut Wikipedia waren in Deutschland acht Kernkraftwerke mit neun Reaktorblöcken und einer installierten Bruttogesamtleistung von 12.676 MW am Netz (bzw. hätten am Netz sein können). Mulipliziert man dies mit den 744 Stunden des Monats Dezember, landet man etwas oberhalb von 8 Mrd. kWh. Das lassen wir mal durchgehen.

Warum die SPIEGEL-Meldung trotzdem unsinnig ist, erläutert Wilfried Heck http://wilfriedheck.de/ im Blog-Beitrag vom 10. Januar im Detail

Nicht nur war der “Rekord"-Dezember 2011 der einzige Monat mit einer vergleichsweise “steitigen” Windstromerzeugung - in zehn von zwölf Monaten des vergangenen Jahres lag die minimale Tages-Erzeugung bei zum Teil deutlich weniger als 250 Mio. kWh.
Da für eine einigermaßen sichere Energieversorgung immer eine sofortige Deckung des aktuellen Bedarf nötig ist, können wir also gar nichts abschalten. Außer ein paar Klein(st)kraftwerken.

Auf derselben Webseite stellt Herr Heck in einem Beitrag vom 3. Januar die Windstromerzeugung der aus konventionellen Quellen gegenüber.

Wie leicht ersichtlich ist, erzwingt jede Leistungsspitze bei der Windkrafterezeugung einen entsprechenden Einbruch bei der konventionellen Stromproduktion. Dies bedeutet nicht etwa, dass konventionelle Kraftwerke abgeschaltet werden können, wenn der Wind nur ausreichend weht. Sie müssen als Backup natürlich weiterhin mitlaufen, allerdings mit gedrosseltem Output - und damit einem oft drastisch reduziertem Nutzungsgrad des eingesetzten Brennstoffs.

Warum dies in Summe sogar dazu führen kann, dass CO2-Emissionen gerade wegen der Einspeisung von Windenergie höher ausfallen, als ohne diese, erklärt Klaus-Dieter Humpich hier. Ein konkretes Beispiel aus den Niederlanden wird hier beschrieben.

Für solche Feinheiten bieten 24 Quadratzentimeter im Print-SPIEGEL natürlich nicht ausreichend Raum.

Fazit: die “Zahl der Woche” im SPIEGEL grenzt an Desinformation. Von welcher Seite, mag der Leser selbst entscheiden.

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Kategorie(n): Klima-Debatte  Wissen  Wirtschaft 

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