Rainer Bonhorst 14.04.2012 16:10 +Feedback
Sonne aus Griechenland
Kann sich Griechenland sanieren, indem es das nördliche Europa mit Sonnenenergie versorgt? Dieser vielversprechende Plan ist schwieriger zu verwirklichen als gedacht.
Offenbar hat Griechenland seit Jahren über seine Sonnenverhältnisse gelebt. Wie es heißt, hat das Land den Brüsseler Behörden regelmäßig eine Sonnenscheinquote von 24 Stunden pro Tag gemeldet. Erst ein kürzlich nach Griechenland entsandter Sonnenkommissar hat festgestellt, dass Griechenland in Wahrheit über höchstens acht Stunden täglichen Sonnenschein verfügt. Die griechischen Falschmeldungen blieben in Brüssel so lange unentdeckt, weil der für Griechenland zuständige Norweger jahrelang die Mitternachtssonne einkalkuliert und darum keinen Verdacht geschöpft hat.
Die so entstandenen Fehlbuchungen haben sämtliche Kalkulationen über künftige Sonnenenergielieferungen Griechenlands über den Haufen geworfen. Statt eines Sonnenüberschusses, der nach Nordeuropa geleitet werden könnte, hat das Land einen riesigen Sonnenschuldenberg angehäuft, der erst einmal abgetragen werden muss.
Die Griechen weisen den Vorwurf, falsch gerechnet zu haben, energisch zurück. Sie hätten nie behauptet, dass bei ihnen eine Mitternachtssonne scheint. Vielmehr hätten sie bei ihrer Kalkulation neben der Dauer auch die Intensität des Sonnenscheins berücksichtigt. Dabei habe man festgestellt, dass eine griechische Sonnenstunde bis zu sechs norwegischen Sonnenstunden entspreche. So gesehen habe man noch vergleichsweise zurückhaltend kalkuliert.
Für die Europäische Union ist dies ein Anlass, die Sonnenstunden innerhalb der EU endlich zu harmonisieren. Das sei jahrelang verschleppt worden, heißt es in Brüssel. Dabei gebe es schon lange entsprechende Pläne. Sie sehen vor, dass Griechenland seine Sonneneinstrahlung um 50 Prozent reduziert, während Norwegen zu einer 50prozentigen Erhöhung verpflichtet wird. Angela Merkel, die sich federführend dieser Angelegenheit angenommen hat, denkt daran, in ganz Europa eine einheitliche Sonnenquote einzuführen, die etwa der von Mecklenburg-Vorpommern entspricht.
Die Griechen wenden ein, dass sie Nordeuropa nicht mit zusätzlicher Sonnenenergie beliefern können, wenn ihre Sonnenquote derart massiv reduziert wird. Brüssel will darum ein Punktesystem einführen, das den Griechen auf Antrag erlaubt, mehr Sonne zu empfangen als die europaweit harmonisierte Quote eigentlich zulässt. Im Gegenzug soll Griechenland eine entsprechende Portion Regen aus Norwegen akzeptieren. Auch das stößt in Athen auf Bedenken. Man sei außer Stande, den großen Sonnenschuldenberg abzutragen, wenn man zusätzlich mit norwegischem Regen belastet werde. Die Europäische Union nimmt diesen Einwand ernst und plant, einen gigantischen Regenschirm über Griechenland aufzuspannen. Der Schirm behindere zwar auch den dringend notwendigen Sonnenschein, er sei aber alternativlos, heißt es dazu in Berlin.
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Kategorie(n): Satire

