Alan Posener (Gastautor) 27.12.2008 12:42 +Feedback
Solidarische Kritik
Erst jetzt werde ich auf diesen Artikel meines Freundes, Kollegen und Mitstreiters Henryk Broder aufmerksam gemacht, in dem er meinen Gebrauch des Begriffspaars “solidarische Kritik” als stalinistisch kritisiert. Man kann ja nicht alles lesen. Nun finde ich es persönlich einen geradezu epochalen Fortschriftt auf AchGut, wenn man sich und anderen nicht mehr Antisemitismus an den Kopf wirft, sondern Stalinismus. Insofern empfinde ich Henryks Kritik als, nun ja, solidarisch.
Henryk erklärt, wie das früher so war bei denen, die mit der Sowjetunion sympathisierten; da weiß er sicher besser bescheid als ich, der ich zu unseren gemeinsamen radikalen Zeiten einer maoistischen Truppe angehörte, die der Sowjetunion Sozialfaschismus unterstellte und der Meinung war, im Kampf der beiden Supermächte müsse man eher die USA stützen, da sie wenigstens demokratisch seien. Bekanntlich waren wir für den Sturz des SED-Regimes und die Wiedervereinigung Deutschlands. Die gesamte Linke, von den St. Pauli Nachrichten über die DKP bis hin zu den Frankfurter Spontis, warf uns deshalb die Spaltung eben jener Linken vor, und wenn ich mir das jetzt überlege, war das wahrscheinlich auch unser Hauptverdienst.
Aber natürlich waren wir gleichzeitig stalinistische Ultra-Sektierer, bei denen übrigens auch solidarische Kritik an Mao oder den chinesischen Genossen nicht gestattet war. Solidarische Kritik empfanden wir nicht als stalinistisch, sondern als dekadent. But you get the idea. Den Tonfall kenne ich gut.
Ob nun “solidarische Kritik” Unsinn ist oder nicht, lasse ich dahingestellt. Nicht jeder Begriff, den ein Stalinist missbrauchte, ist deshalb an sich Blödsinn. Wenn ich meiner Frau (Henryk hat sie ins Spiel gebracht) sage, dass ihre Bluse nicht zu ihrer Jacke passt, dann ist das Kritik an ihrem Geschmack, die dem Zweck dient, dass sie eine bessere Figur macht. Wenn ich bei uns in der Redaktion Kritik an einem Artikel übe, soll sie in der Regel dazu dienen, den Artikel und die Zeitung besser zu machen. Wenn ich bestimmte Beiträge auf AchGut kritisiere, dann geht es mir darum, die Glaubwürdigkeit dieser Website zu erhalten.
Was ich also an Henryks Einwurf interessant finde, ist nicht die Geschichtslektion über frühere Befindlichkeiten im Dunstkreis der DKP, sondern der Tonfall, in dem Henryk die aktuelle Diskussion kommentiert: “Was die Auseinandersetzung zwischen unseren Freunden Matthias Küntzel und Alan Posener angeht, stand ich Küntzel näher, fand aber auch, dass Posner (sic) legitime Positionen vertritt, die zur Debatte gehören.” Oh, vielen Dank. Das beruhigt mich, dass ich “legitime Positionen” vertrete, die “zur Debatte gehören”. Ich hatte schon Angst, ich würde “illegitime Positionen” vertreten, die mich “von der Debatte ausschließen”.
Ich weiß zwar nicht, wer auf diesem publizistischen Netzwerk, dessen Mitglied zu werden ich eingeladen wurde, das Legitimitätsentscheidungsmonopol besitzt, und auch nicht, wer das “Wir” ist, das hier von “unseren” Freunden spricht. Aber das hört sich doch verdammt bekannt an; als ob jemand sagen wollte: “Nun ja, Genosse Posener hat zwar heftige Kritik am Genossen Küntzel geübt, aber wir von der Leitungsebene wollen das für heute unter solidarischer Kritik verbuchen und ihm einstweilen gestatten, weiter Parteimitglied zu sein, so lange er nicht von der Generallinie abweicht.” Uff, noch einmal davon gekommen.
Trotzdem gehört es aber zu einer stilechten Kritik-Selbstkritik-Sitzung dazu, dass man sich auch selbst ein wenig kritisiert. Guten Willen zeigt. Die Bereitschaft, fortan ein besserer Mensch zu werden und sich des Vertrauens würdig zu erweisen, das in einen gelegt wurde ("fand aber, dass der Genosse legitime Positionen vertritt"). Also, diese Kritik akzeptiere ich: “Aber Antisemitismus in einem Atemzug mit Islamophobie zu nennen, ist so daneben wie das Gerede von “Hühner-KZs” im Zusammenhang mit artgerechter Hühnerhaltung.” Ich werde also auch künftig nicht von Hühner-KZs reden, und zwischen den Worten “Antisemitismus” und - Pause - “Islamophobie” werde ich auf jeden Fall ein- und ausatmen. Damit hoffe ich untertänigst, weiterhin legitim zu sein und zur Debatte zugelassen zu werden.
Zu einer Debatte, Genossen, die ohne mich auf AchGut jedenfalls nicht stattfinden würde.
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