Gastautor 11.09.2009 22:00 +Feedback
Sinnleere auf Marmorklippen
Von Jan Fleischhauer
Der Kollege Matussek hat dieser Tage entdeckt, dass sein Herz doch für die Grünen schlägt und darüber einen Essay für den “Spiegel” verfasst. “Von einem, der aus versehen links wurde”, ist der Text überschrieben, was zunächst einmal eine parodistische Verbeugung vor dem Neocon-Besteller ist, der seit Mai in den Buchhandlungen liegt ("Unter Linken - Von einem, der aus versehen konservativ wurde") und insofern vom Autor desselben mit Wohlwollen gelesen wurde. In der Sache selber habe ich etwas Mühe zu folgen. Wenn ich Matussek richtig verstanden habe, dann war er erst rechts (Deutscher Süden, Kirchgang, CDU-Vater), dann links (WG, Indien, Drogen, Deutscher Herbst), dann wieder rechts (Fußball-WM, Kulturleiter im “Spiegel)” und nun wieder links (Klimawandel, Hartz IV, Finanzkrise).
Es ist nicht ganz klar, was ihn zur letzten Wendung bewogen hat. Ich vermute, dass ihm während der Krise ein paar Aktiendepots zu viel um die Ohren geflogen sind, was ihn nun am Wert der ganzen Veranstaltung zweifeln lässt – so lese ich jedenfalls die drängend-dräuenden Zeilen über die “zunehmende Sinnleere” und den „grundlegenden Kulturwandel” im Kapitalismus, in denen dann passenderweise auch noch Ernst Jünger auf den Mamorklippen auftaucht (Zitat: “Die Vergötterung des Geldes hat uns seelisch verarmt. Unüberhörbar ist das Summen der Angst"). Den Ärger über die Finanzjoungleure, die man viel zu lange unbeaufsichtigt hat agieren lassen, kann ich gut nachvollziehen. Wen erfasste nicht unbändige Wut, wenn er in der Zeitung lesen muss, dass sich dieselben Banker, die mit ihren Transaktionen die Finanzwelt an den Rand des Ruins geführt haben, trotzdem Auszahlungen aus dem Boni-Topf erklagen. Man sollte ihnen eine ordentliche Tracht Prügel verabreichen, finde ich, oder besser noch: ein paar amerikanische F16 anfordern, die dann nachts um halb zwei Uhr den Jungs beim Geldabzapfen ein paar 200-Kilo-Bomben auf den Automaten werfen. Ich käme nur nicht auf die Idee, mich deshalb auf die “Suche nach Selbstranzendenz” zu machen, wie der geschätzte Kollege, oder gar den Übertritt zu den Grünen zu erwägen.
Beim zweiten Nachdenken muss ich allerdings zugeben: keine ganz unplausible Wahl. Jeder, der Matussek näher kennt, weiß, dass er ein großer Kindskopf sein kann, das macht ihn ja auch so liebenswert. Insofern passt er gut zu einer Partei, die stolz darauf ist, nie wirklich erwachsen geworden zu sein. Er ist auch ein sehr emotionaler Mensch, das scheint mir ebenfalls eine gute Voraussetzung für sein zukünftiges Engagement. “Wie soll ich zum Beispiel Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde”, hat Claudia Roth neulich in einem Interview im “Spiegel” auf die Frage erklärt, warum sie immer so schnell gerührt sei. Keine Frage, die beiden werden sich wunderbar verstehen.
“Neue Apo” nennt Matussek die Grünen, was dem Ganzen diesen Glanz des Unangepassten verleiht, den Gestus der Revolte. Und tatsächlich: Geht es bei diesem ganzen Linksgeschwenke der Generation 40 plus nicht genau darum? Noch einmal das Blut in den Schläfen pochen zu spüren und am nächsten Morgen den trockenen Rausch der Gerechtigkeit auszuschlafen? Die Grünen finden ihre Anhänger vor allem unter Leuten, die Probleme mit dem Älterwerden haben und sich mit der Stimmabgabe ihrer Jugendlichkeit versichern wollen. Ich will mich hier nicht wiederholen, aber eine Partei, die 100 Euro mehr Hartz IV vorschlägt und eine sogenannte “grüne Grundsicherung” für überschlägig 60 Milliarden, kann sich nicht von dem Gedanken verabschiedet haben, dass Papi am Ende schon alles bezahlt.
Leider geht mit der Linkswerdung auch immer eine merkwürdige Sprachverkleisterung und Verkitschung einher. Wer der großen Sache, der er sich nun verschrieben hat, einen besonderen Dienst erweisen will, verliert darüber schnell den leichten Ton, das scheint systemimmanent zu sein. Ich hätte nie geglaubt, dass ich jemals in einem Matussek-Text Aufrufe zu „Partizipationen” (eine allein reicht hier offenbar noch nicht) und “neuem Empowerment” lesen würde, oder gar die Bitte um “Stärkung der Zivilgesellschaft”, was immer das sein mag. Da erscheint mir der “Schwebezustand der Ironie” doch deutlich anziehender, ich kann’s nicht ändern.
Ach, übrigens: Demnächt nur noch Juist, mein Lieber! Und Schluss mit den Abendrunden im Adnan! Nur wir Konservativen dürfen Freude an einfachen Lebensgenüssen haben, an schnellen Autos und dekadenten Umgang; der Reaktionär gilt eh als von der Welt verdorben, weshalb ja nach dem Sieg der guten Sache das Umerziehungslager auf ihn wartet. Aber diesen Preis zahle ich gerne, auch wenn das wahrscheinlich jetzt wieder als Beleg für die Süffisanz und schreckliche Blasiertheit des Konservativen gilt.
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Kategorie(n): Kultur


