Silvia Meixner 13.06.2012 00:03 +Feedback
Silvis Culture Club (9) Incrrrrrredible India!
1,2 Milliarden Menschen leben in Indien – und der Werbespruch der Tourismusindustrie, „Incredible India“, verfolgt den Reisenden bei jedem Schritt: wirklich unglaublich, dieses Land. Von entsetzlicher Armut bis zu atemberaubendem Reichtum bietet Indien alles, was es auf diesem Planeten gibt. Das Land befindet sich in rasantem Wandel, und wenn mal etwas nicht funktioniert, haben die Inder eine angeborene Wunderwaffe: Lächeln. Und wenn es länger dauern sollte, kann man immer einen Chai trinken, Tee gehört zum Erbe der britischen Kolonialzeit.
Doch das Leben ist kein Bollywood-Film. Es gibt in Indien atemberaubend schöne Orte wie zum Beispiel Udaipur mit seinem imposanten Maharadschapalast und dem Sommerpalast mitten im Wasser des Lake Picola (hier wurde in den 70er-Jahren ein James Bond-Film gedreht). Es gibt in Indien auch atemberaubend schreckliche Orte; in Mumbai, der faszinierenden Bollywood-Metropole, schlafen tausende Mütter mit ihren Kindern nachts in den Straßen. Kinder werden, weil das Leben es ihnen abringt, zu kleinen Artisten, weil die Autofahrer lieber Geld spenden, wenn sie an der Straßenkreuzung lustige kleine Vorstellungen sehen. Armut allein reißt in Indien niemanden vom Hocker. Schon beim nächtlichen Landeanflug auf Mumbai stockt der Atem: Was vom Himmel aus entlang der Landebahn wie hübsche Lichter aussieht, sind Slums. In den Millionenmetropolen Indiens ist jeder Quadratmeter kostbar.
Viele indische Kinder und Jugendliche ziehen auf der Suche nach einem besseren Leben, oft nach einem Streit mit ihren Eltern, allein in die Großstädte. Sie wachsen mit Bollywood-Schnulzen auf, in denen die Helden jede Hürde scheinbar mühelos mit Gesang und Tanz überwinden und es am Ende immer ein Happy-End und sogar einen Kuss gibt. Sie haben Filme wie den Welterfolg „Slumdog Millionaire“ gesehen und glauben, dass auch sie über Nacht reich und glücklich werden können. In der Großstadt landen dann viele sofort auf der Straße- und wenn sie Glück haben, treffen sie Nilima. Die 29-Jährige leitet das „Kuhushi Rainbow Home for girls“, ein Heim für Mädchen mitten in Delhi. Das NGO-Projekt wurde vor sieben Jahren gegründet, 70 Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren leben hier.
Wer immer schon mal Geld spenden wollte, aber Bedenken hatte, ob es auch tatsächlich ankommt – hier kann man sicher sein, dass jeder Euro verantwortungsbewusst eingesetzt wird (Infos unter und wenn Sie mal in Delhi sind, besuchen Sie die Mädchen, sie freuen sich). Alle Mädchen eint das selbe Schicksal, sie sind auf der Straße gelandet und das bedeutet in den chaotischen Straßen Indiens Armut, Hunger, Gefahr der sexuellen Ausbeutung. Nur wenige der Kinder werden von ihren Eltern besucht, die meisten haben den Kontakt zur Familie längst verloren. Doch ihr Lächeln nicht, denn sie haben eine neue, große Familie gefunden. Wenn Nilima den Hof der ehemaligen Schule betritt, kommen die Mädchen herbeigelaufen, umarmen sie: „Sie sind alle meine Kinder“, sagt Nilima. Jedes Mädchen kommt als Sorgenkind und vollzieht einen wunderbaren Wandel. Noch nie wollte ein Kind zurück auf die Straße, denn alle spüren, dass dies hier ein guter Ort ist.
Es gibt zwei große Schlafräume mit Stockbetten, ein Klassenzimmer, einen Computerraum. Jedes Mädchen hat einen kleinen blauen Blechschrank, in dem es seine Habseligkeiten aufbewahrt. Die Betten sind ordentlich gemacht, gegessen wird im Hof, alles ist einfach, aus westlicher Sicht ärmlich, aber liebevoll dekoriert, ein friedliches, kunterbuntes Zuhause. Eines Tages werden aus diesen Mädchen vielleicht erfolgreiche Frauen. Und sie werden anderen vom Glück erzählen, das sie gehabt haben, möglicherweise ein wenig Geld spenden, denn vielleicht gibt es in 10, 20 Jahren ganz viele dieser Heime. Noch schöner wäre natürlich, wenn Indien diese Orte nicht mehr brauchte, aber selbst Optimisten fällt es schwer, das zu glauben. Es gibt seit der wirtschaftlichen Öffnung Anfang der 90er-Jahre eine wachsende Mittelschicht, aber auch Millionen Menschen, die arm sind, hungern oder einfach das Pech haben, am falschen Ort zu leben.
Eine Fahrradtour durch Old Delhi ist eine der besten Arten, als Tourist mit wenig Zeit einen kleinen Einblick in das indische Leben zu bekommen. Nach sieben Uhr morgens sollte man nicht starten, wenn man noch ein wenig Platz für sich, sein Rad und seine Beine haben möchte. Danach startet der ganz normale Verkehrswahnsinn. Augen auf und durch! Wer durch die verwinkelten Gässchen der indischen Hauptstadt strampelt, wird von Fremden begrüßt, die es sehr ulkig finden, dass man als Freizeitvergnügen ausgerechnet durch ihr enges, stickiges, gerade erwachendes Viertel radelt, während sie ihren Morgentee trinken. Die Tour ist magisch. Jeder, wirklich jeder, schenkt Dir ein Lächeln. Der Radfahrer sieht Reichtum, Gläubige auf dem Weg zum Gebet, Frauen in kunterbunten, fröhlichen Saris, lachende Kinder auf dem Weg zur Schule, aber auch die Ausgabestelle für Essen und Medikamente für Leprakranke, die geduldig auf Hilfe warten.
Szenenwechsel. Im „The Leela Palace New Delhi“ in der „Diplomatic enclave“, einem Luxushotel im Diplomatenviertel, wird der Gast von Prunk umrauscht. Das Luxushotel könnte glatt als Museum durchgehen, die Kunstsammlung ist rund fünf Millionen US-Dollar wert und wird diskret bewacht. Zu sehen sind beeindruckende Werke indischer Künstler, beim Flanieren erlebt der Gast sozusagen „The Best of“ moderner Kunst. Wenn es perfekte Hotels gibt, dann hier, in Indien! Im Leela New Delhi gibt es herrliche Zimmer mit Butlerservice, wer mag, kann einen Kochkurs buchen, die Restaurants sind einfach paradiesisch-perfekt (http://www.theleela.com, http://www.tischler-reisen.de). In vielen Hotels ist der Gast, wenn er Glück hat, König. In den “Leela”-Hotels betrachtet man ihn als Gott.
Der Gründer der expandierenden Kette ist Captain C.P. Nair. Der 90Jährige erzählt: „Im Jahr 1957 war ich in der ersten indischen Wirtschaftsdelegation, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland reiste.“ Nicht als Hotelier, damals verkaufte er unter anderem Pfeffer und Kaffee, später auch T-Shirts, en gros. Nach der wirtschaftlichen Öffnung seiner Heimat stellte Captain C.P. Nair fest, dass Indien zu wenig Luxushotels hatte – und fügte seiner erfolgreichen Firma „Leela Laces“ im Alter von 65 Jahren kurzerhand noch ein zweites Standbein hinzu, heute hat er Hotels in Bombay, New Delhi, Goa, Kerala, Bangalore, Gurgaon, Udaipur, demnächst wird in Chennai eröffnet. C.P. Nair wurde 1922 im südindischen Kerala geboren, als er 13 war, schloss er sich dem Unabhängigkeitskampf gegen die Briten an. Er wurde Hauptmann der neuen Armee des nun unabhängigen Indien, seine Berufsbezeichnung „Captain“ hat die Jahrzehnte überdauert. Seine Lebensphilosophie: „Jeder kann jederzeit einen neuen Beruf beginnen, auch noch mit 85.“ Diesen Herrn sollten deutsche Rentenexperten mal unverbindlich zum Gespräch treffen!
Ein guter Freund des Captains ist Satish Gupta, begnadeter Multikünstler, er malt, fertigt sensationelle Skulpturen und wunderbare Gedichte. Im Garten des „Leela“ steht eine wunderschöne Skulptur Guptas. Als er vier Jahre alt war, kam sein Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. „Ich war sehr traurig und habe damals angefangen zu malen“, erzählt er. Heute ist er einer der besten Künstler Indiens, seine Werke zieren Flughäfen, zum Beispiel in Neu Delhi, viele Privatsammler gehören zu seinen Kunden. Nair und Gupta, diese beiden Männer stehen, obwohl sie keine smarten Jungunternehmer sind, für das „neue Indien“. Die beiden lächeln auch sehr gern und oft.
Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von http://www.good-stories.de
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Kategorie(n): Ausland Kultur Bunte Welt

