Silvia Meixner 04.06.2012 19:46 +Feedback
Silvis Culture Club (7) Reisenotizen: OE! Fahrtwind!
Normalerweise schaut der Mensch gern aus dem Zugfenster. Beim „Orient-Express“ ist es umgekehrt: Die Menschen gucken von draußen rein, überall, wo der alte Zug hält, ist er eine kleine Sensation. Seufzende Gesichter. Die Welt draußen? Zu vernachlässigen. Bäume, Wiesen, Felder, Nebenstrecken natürlich, die großen Schienen sind für die Flitzer des 21. Jahrhunderts reserviert. Uns doch egal. Wie haben heute keine Eile. Die Route: Berlin-Hamburg-Venedig.
Unter Zugspezialisten gilt der OE als „König der Züge“ und „Zug der Könige“. Das Herz des Zuges ist der Salonwagen. Ein charmanter italienischer Pianist spielt Schnulzen. So muss das sein. Ein Cocktail schon am Vormittag? Im OE geht das. Weil man steigt ja frühestens in eineinhalb Tagen wieder aus. Wer weiß, was bis dahin noch alles passiert. Que sera, sera. Der OE ist ein Paradies für weibliche Reisende, die Herren in Uniform mögen, hier gibt es nämlich nur männliche Mitarbeiter, die meisten sehen aus wie aus dem „Katalog für gutaussehende Mitarbeiter, die dann doch nicht Model werden wollten“. Es sind hauptsächlich Italiener (die Homebase alle Orient-Express-Züge ist Venedig, http://www.windrose.de) und Franzosen. Alle in Charme gebadet. Wer in Berlin lebt, sollte so eine Reise als Kur abrechnen dürfen. Als medizinische Entschädigung für alle Schnauze-Icke-Berliner.
Alles so schön alt hier. Holztüren mit Intarsien, Lalique-Lampen, ein ganzer Speisewagon voll mit Lalique-Wanddekor. Atemberaubend schön. Lunch in einem der Speisewagons, nette Tischgesellschaften ergeben sich hier. Die Küche an Bord ist mini-mini, der Küchenchef ein Zauberer. Hier sollten sich die Deutsche Bahn-Speisewagen-Experten ein Scheibchen abschneiden. Zum zweiten Dessert gibt’s Macarones, serviert auf kleinen Tellerchen, die mit den schwarzen Lackpaneelen im Stil der 20er-Jahre korrespondieren. Nach dem Lunch noch ein bisschen Plaudern über Gott und die Welt, dies und das, der Steward Jean-Baptiste aus Marseille erzählt: „Die meisten unserer Gäste sind ab 50 Jahre alt, viele Paare sind darunter, die etwas zu feiern haben, Hochzeitstag oder einen runden Geburtstag.“ Und wie in jedem guten Hotel, ob stabil oder beweglich, nehmen die Gäste gern ein kostenloses Souvenir mit.
An Bord des OE sind es die kleinen Salzstreuer, allerliebst, wie aus der Puppenküche. „Wir wissen immer genau, wer einen mitgenommen hat“, sagt Jean-Baptiste. Aber niemals würde man einen Gast darauf ansprechen. Jedenfalls sind immer genügend Reserve-Salzstreuer an Bord. Früher waren sie aus Silber, das geht aus Kostengründen im 21. Jahrhundert nicht mehr. Zu viele Souvenirs sind verschwunden. Ein Hauch von Silber ist noch drauf, mehr nicht. Ach ja, das Böse reist mit, wie konnten wir das nur vergessen. Draußen zieht die Welt vorbei und noch immer ist es drinnen viel schöner. Die Kabinen sind klein, aber gemütlich und am Fenster ist ein riesiger goldener Hebel installiert: Man kann die Fenster öffnen! Den Fahrtwind zu genießen, das gehört zu einer perfekten Bahnfahrt einfach dazu. In einem Orient-Express wird niemals Panik ausbrechen, weil der Zug im Hochsommer liegenbleibt und die Passagiere Angst bekommen, weil sie kein Fenster öffnen können.
Da erscheint der Steward und empfiehlt, eine Karte zu schreiben: „Wir haben einen besonders schönen Stempel!“ Der moderne Mensch indes hat schon längst kein Büchlein mit Postadressen mehr dabei. Da rät der Steward: „Dann schreiben Sie sich doch selbst eine Karte!“ und unterschreibt lächelnd. Das ist Service! Dann ist Teatime mit selbstgebackenem Apfelstrudel und kleinen Kuchen, allerliebst und schon naht Hamburg. Und obwohl der alte Zug fast doppelt so lange für die Strecke gebraucht hat, war die Fahrt viel zu kurz. Die Deutsche Bahn, auf deren Gleisen die Züge des OE verkehren (müssen), macht ihrem schlechten Ruf als Serviceunternehmen wieder einmal alle Ehre: Kurz vor Hamburg-Altona muss der schöne alte Zug für fast eine halbe Stunde die Fahrt unterbrechen, denn der Deutschen Bahn gefiel es, die in Hannover geplante Wasseraufnahme kurzerhand umzudisponieren. Getankt wird in Hamburg, basta.
Dumm nur, dass in Altona bibbernd Fahrgäste stehen, die zusteigen wollen. Für die gibt’s zwar Erdbeerbowle, aber das ist nur ein kleiner Trost. Wenig später sind auch sie an Bord, bekommen ein Gläschen Alkoholisches zum Trost und bald ist der Verdruss vergessen. In so einem schönen Zug sitzend, verzeiht der Mensch fast alles. Die Fahrt geht weiter, Venedig ist noch fern, aber jeder Schienenkilometer bringt den guten, alten Zug näher an die Traumstadt. Die Rückreise? Geht schnell und schnöde. Mit dem Flugzeug. Man hat im 21. Jahrhundert ja doch allerhand vor und wenig Zeit.
Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von http://www.good-stories.de
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Kategorie(n): Kultur Bunte Welt

