Dr. Wolfram Weimer 19.05.2012 21:16 +Feedback
Sieben Gründe für die Drachme
Griechenland taumelt am Abgrund, die Menschen plündern ihre Bankkonten, das Finanzsystem kollabiert, die Neuneu-Wahlen spitzen sich auf die Frage “Euro oder Drachme” zu. Dabei wäre die Rückkehr zur Drachme nicht nur aus linksradikaler Sicht die beste Lösung des Problems
Griechenland wird seine Neuneuwahlen womöglich gar nicht mehr geordnet erreichen. Die Banken melden panikartige Bargeldabhebungen, Ratingagenturen haben Griechenlandanleihen auf Kollapsniveau herabgestuft, jeder versucht sein Erspartes noch irgendwie zu retten, die Zentralbank in Athen schlägt Alarm. Inzwischen sind die politischen Eliten Europas mehrheitlich der Meinung, Griechenland sollte aus dem Euro austreten – offiziell sagen sie das nur in behutsamen Hinweisen, aber hinter den Kulissen formiert sich ein klarer Trend. Die Notfallpläne für den Euro-Austritt werden ausgearbeitet.
Was vor einigen Monaten noch als Schreckgespenst durch Europa geisterte – inzwischen wäre es die Erlösung. Die rasche Wiedereinführung der Drachme wäre aus sieben Gründen die beste Lösung:
1. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Die Griechenlandkrise dauert immer länger, wird immer teurer, drückt das Land in immer verzweifeltere Situationen. Es braucht einen Befreiungsschlag. Die Rückkehr zur eigenen Währung wäre das.
2. Griechenland bekäme schlagartig die Möglichkeit, seine Schuldenlast über einen Währungsschnitt zu reduzieren. Da das Land offensichtlich weder die Kraft noch den Willen hat, seine Schulden zu bedienen, wäre der Austritt aus dem Euro wie ein finanzieller Neuanfang.
3. Griechenland bekäme endlich wieder ein Instrument in die Hand, sich über Abwertungen der Drachme und eine flexible Wechselkurspolitik Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Das Land ist im festen Euro-Korsett viel zu teuer und unflexibel, um sich auf den Weltmärkten je zu behaupten.
4. Europa würde seinen Problemfall los. Das Risiko, dass durch die wilden Verhaltensweisen der Griechen andere, größere Länder wie Spanien oder Italien in Bedrängnis gebracht werden, wäre endlich gebannt. Zugleich würde der Austritt die verbleibenden Länder unter Druck setzen, ihren Soliditätskurs entschiedener anzugehen als bislang, da doch in Wahrheit kein einziges Land einen ausgeglichenen Haushalt vorlegt, also keiner spart, obwohl alle davon reden.
5. Für Europa würde die Exitstrategie wahrscheinlich billiger als die Durchhaltepolitik. Es ist besser, die ausstehenden Schulden weitgehend abzuschreiben und dem Land hernach direkte Wirtschaftshilfen zu gewähren, als die teuerste Heilkur des Kontinents weiterzubezahlen, obwohl sie nichts heilt.
6. Der Euroaustritt entspricht in seiner inneren Logik inzwischen dem Mehrheitswillen der Griechen. Wenn sich der griechische Linkenführer und Volkstribun Alexis Tsipras verhält wie der Kapitän eines sinkenden Schiffes, der lauthals ruft „Lasst uns die Lecks nicht mehr abdichten“ und damit die Massen mobilisiert, dann sollte man ihn Ernst nehmen und Griechenland ein eigenes, neues Drachmen-Boot anbieten.
7. Der zwanghafte Euromitgliedschaftskurs führt zu immer größeren politischen Spannungen nicht nur innerhalb Griechenlands. Auch das Verhältnis unter den Staaten, insbesondere zu Deutschland, wird vergiftet. Eine Rückkehr zur Drachme würde die Verantwortlichkeiten wieder klären und zur politischen Befriedung in Europa beitragen. Denn wenn Deutschland Milliarde um Milliarde zahlen soll und sich damit auch noch verhasst macht, kann dieser Weg nicht richtig sein.
Zuerst erschienen auf Handelsblatt Online
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Kategorie(n): Wirtschaft

