22.09.2008   07:41   +Feedback

Shootingstar Ukraine

Jede Stippvisite im Segment der jüngeren Ostinteressierten legt den unvermeidlichen Schluss nahe, die Ukraine sei das bessere Russland. Wenn uns Putins Ranch eine Enttäuschung nach der anderen beschert, dann wollen wir uns wenigstens mit der netten Subdivision schadlos halten.

So wurde die Ukraine im Vergleich mit der Moskauer Finsternis zum Shootingstar erklärt. Das Krisenland, das flächenmäßig größer als Frankreich ist und unübersichtlich wie die Türkei, und in mancher Hinsicht Russland gleichkommt, erweckt, mehr oder weniger gekonnt, den Anschein, klein zu sein, verletzlich, und damit wird es zum echten Objekt der Begierde für unsere Nachwuchspolitologen und Jungjournalisten. Was früher der Hotelbar-Journalismus war, ist jetzt die Release-Party-Publizistik.

Alles, was in der Ukraine schiefgelaufen ist, kann man plausibel Russland zuschreiben, insofern in der Einschätzung der Lage die Geschichte für diese Generationen überhaupt noch eine Rolle spielt. Die Exponenten von Beamer und Co sind mehr der Gegenwart zugewandt, sie betrachten die Welt gerne als Szene. Ihr heimlicher Schlachtruf heißt: Starbucks für alle, auch wenn sie die Gerechtigkeit meinen sollten.

Die Ukraine hat mit geringster Reformanstrengung im letzten Jahrzehnt ein Bestimage erreichen können. Orangene Revolution und European Song Contest, Andruchowytsch und Klitschko fielen in unserer Erlebnisöffentlichkeit stets mehr ins Gewicht als beispielsweise die häufigen Regierungskrisen in Kiew. Wie ist das zu erklären?

Die Ukraine schafft Platz für die großen Gefühle. Ein Staatspräsident im Fernsehen, mit den Spuren eines Dioxin-Anschlags im Gesicht, wer hat schon so etwas zu bieten, und dazu noch eine Gegenspielerin, weizenblond und mit Ethnozopf, und beide obendrein prowestlich. Gerade haben sie sich wieder einmal heillos verstritten, und so ist auch die neueste prowestliche Regierung am Ende.

Die Ukraine ist im Übrigen das osteuropäische Land mit den meisten prowestlichen Regierungen. Was aber versteht man eigentlich unter prowestlich, und wie verhält sich „prowestlich“ zu „westlich“? Sollte man das nicht auch einmal klären, vielleicht sogar ein für allemal?


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Kategorie(n): Ausland