Bernhard Lassahn 26.08.2012 19:49 +Feedback
Sexismus ist weiblich – oder: Das Märchen vom bösen Buschmann (2. Teil)
Zweiter Teil
Ich hatte mir ein paar merkwürdige Fragen gestellt: Haben Affen den Flitzebogen erfunden? Hat jede Frau ein süßes Geheimnis? Warum schleppen schwarze Männer Scheiße? Wie erkennt man Sexisten? Und wenig später war ich bei dem Buch ‚Frauen sind besser. Männer auch. Das Gender-Management’ von Ingelore Welpe und Isabell Welpe gelandet, die darin sechs Irrtümer über Männer und Frauen ausbreiten. Damit hörte der erste Teil auf. Nun geht es weiter:
Ein Ausflug nach Afrika
Der Tonfall und die Argumente erinnerten mich an die so genannte Black Supremacy, von der wir wenig wissen. Wikipedia bittet bei diesem Stichwort um unsere Mitarbeit und spricht nur knapp von einer „rassistischen Ideologie“ einer „angeblichen schwarzen Überlegenheit“ und nennt als Vertreter Malcom X. Ich dachte gleich an Fela Kuti aus Nigeria, der vor allem als Musiker und Rebell bekannt ist, und in seinem Buch ‚Why Black Men Carry Shit’ erklärt, dass Afrika die Wiege der Menschheit ist und mit einem Hinweis auf die Pyramiden auch die Keimzelle der Zivilisation, um damit zu sagen: Wir waren zuerst da und deshalb steht uns die Pol-Position zu, um die uns die Weißen betrogen haben.
Ingelore und Isabell Welpe wissen womöglich mehr zu diesem Thema und kennen sich auch gut mit Affen aus (kleine ironische Bemerkung), beide arbeiten nämlich in Südafrika. Prof. Dr. Ingelore Welpe hat an der Universität Pretoria ein Gender-Institut nach dem Kieler Modell gegründet. Doch, doch, die beiden haben einiges vorzuweisen. Die eindrucksvollen akademischen Karrieren, auf die sie zurückblicken können, haben sie womöglich zu dieser schwer erträglichen Überheblichkeit verführt und zu einer Herablassung, die tatsächlich beunruhigt.
Man konnte schon an den Zitaten merken, an wen sich ihr Handbuch richtet, es ist nicht für „normale“ Leser gedacht, vielmehr richtet es sich an eine Elite, an „Führungskräfte, Personalmanager und Consultats“, die nun Gender-Kompetenz benötigen – denn: „Dem Gender-Konzept gehört die Zukunft“.
Die Führungskräfte werden aber erstaunlicherweise nicht wie eine Elite behandelt, sondern wie Realschüler, die Vertretungsunterricht haben von einer Lehrerin, die weder mit der Klasse noch mit dem Fach vertraut ist. Vielleicht täusche ich mich, ich kenne die Leserschaft und deren Interessen nicht, womöglich wissen die es zu schätzen, wenn man ihnen als Vorbild Maria Theresia empfiehlt und Nachhilfeunterricht in Geschichte auf RTL-Niveau erteilt und ihnen nach jedem Kapitel griffige Zusammenfassungen als „Take away!“ serviert:
Take away!
Vermehren Sie durch Genderwissen Ihr persönliches Humankapital!
Wenn Sie in die Geschichte Ihres Unternehmens eingehen wollen, dann begeistern Sie das Personal für Gender.
Immerhin wird mit der Formel „Take away!“ aus der Welt des junk-foods deutlich gemacht, um was es sich handelt: um junk-science. Doch es gibt Unterschiede: junk-food ist nicht besonders nahrhaft und billig, junk-science ist gar keine Wissenschaft und teuer.
Wenn Fela Kuti noch lebte, würde ich ihm gerne eine Frage stellen (das sage ich jetzt so, ich hätte mich nicht getraut, außerdem hätte ich ihm im Gefängnis besuchen müssen): Warum hat es der in allem überlegene schwarze Mann so weit kommen lassen, dass er nun Scheiße tragen muss? Eine entsprechende Frage kann man auch an die beiden Frauen richten: Wieso brauchen diese in allem überlegene Frauen, die uns als die Erstgeborenen der Menschheit präsentiert werden, überhaupt eine Fürsprache? Und es ist mehr als nur eine sanfte Empfehlung, die sie abgeben, durch ihr Buch weht ein despotischer Ton, da ist von „Pflicht“ die Rede, nicht von „Kür“. Die Topmanager sollen nicht, sie müssen.
Wir kennen diesen Ton auch von der Eu-Kommissarin Vivian Reding, die mit Gesetzen etwas durchsetzen will, das sich auch von alleine durchsetzen würde, wenn es denn so wäre, wie es dargestellt wird. Sie spricht von Studien, die zeigen, dass ein höherer Frauenanteil sich positiv auf die Bilanzen auswirkt - dabei kann es solche Studien nicht geben, denn sie müssten eine Ursächlichkeit von Frauenanteil und wirtschaftlichem Erfolg zugrunde legen. Außerdem müsste es Vergleichsgruppen geben. Die gibt es nicht. Die Beschwörung der „bestens ausgebildeten Frauen“, die an dieser Stelle reflexartig als weiteres Argument kommt, verrät nicht, welche Fächer die Frauen überhaupt studiert haben. Und der Hinweis auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt und auf drohenden Fachkräftemangel ist ebenfalls ein Eigentor. Wenn die Entwicklung sowieso in die Richtung läuft, muss man keine riskante Frühgeburt einleiten.
Trotzdem. Es wird den Unternehmen eine Quote verordnet und sie müssen dazu verlogenen Rechtfertigungen schlucken. Die Quote kommt mit einem Beipackzettel daher, der ihre Intelligenz beleidigt und ihnen die Fähigkeit abstreitet, wirtschaftliche Entwicklungen und die Brauchbarkeit von Studien selbst zu beurteilen. Bezeichnend ist, dass Frau Reding kritische Einwände – etwa den, dass mit der vorhandenen Zahl der Bewerbungen eine Quote gar nicht erfüllt werden kann – als „Ausreden“ bezeichnet, als wären die Führungskräfte der Wirtschaft Schüler, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Schlimm genug.
Es kommt noch schlimmer. Die Unternehmen werden gezwungen, gegen das Grundgesetz zu verstoßen, und Männer aufgrund ihres Geschlechts zu diskriminieren. Sie werden explizit aufgefordert, sich undemokratisch zu verhalten. Elke Schmitter sagt es offen: Die Quote ist „undemokratisch“. Aber: „Wir“ brauchen sie „trotzdem“.
Wir Demokraten brauchen sie nicht. Mit „Wir“ meint Elke Schmitter eine weibliche Spaß-Guerilla. Die fühlt sich nicht wohl, wenn sich in Führungsgremien die Männer breit machen. „Es macht keinen Spaß“, klagt sie (im ‚Spiegel’ 11/2012). Nun wissen wir auch, was Frauen wollen; Cyndie Lauper hatte die Frage (Was will das Weib?), an der Sigmund Freud einst scheiterte, auch schon beantwortet: „Girls just wanna have fun.“ Auch wenn es nicht die Tonlage ist, die ich normalerweise anstimme, so sei hier in Anlehnung an Fela Kuti die Frage gestattet: Warum müssen die Führungskräfte solchen Scheiß ertragen? So wie ich mich nicht getraut hätte, Fela Kuti zu fragen, so traut sich offenbar niemand, der zu „allem entschlossenen“ Vivian Reding ein zaghaftes „Äh ...“ entgegen zu halten. Kaum jemand sagt etwas.
Warum nicht? Weil sie mit Strafzetteln wedelt. Das steht hinter den „gesetzlichen Regelungen“, ohne die es nun angeblich nicht mehr geht. Eine „freiwillige Selbstverpflichtung“ hat es nicht gebracht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: „freiwillig“ und „Verpflichtung“ - das ist eine gewöhnungsbedürftige Geschmackskombination. Nun kommt es raus. Sie bitten zur Kasse. Das ist es also, was Frauen wollen: Geld!
Oder? Ich fürchte, dass Geld nicht genügt. Egal wie hoch die Sanktionen ausfallen, es wird die Frauen nicht zufriedenstellen. Warum nicht? Wegen dem Unglück, das sichtbar wurde, als ich den Satz von Barbara Kiesling unter die Lupe gelegt und darin nicht nur eine argumentative Misere gesehen, sondern ein tiefes Unbehagen herausgefühlt habe, unter dem – wie ich vermute – manche Frauen tatsächlich leiden. Sie haben sich in eine ausweglose Situation verrannt und kommen nicht zur Ruhe.
Wie man es dreht und wendet: Es passt nicht. Wenn es eine Überlegenheit der Männer gibt, aus der sich ihre Vorherrschaft ableitet, und wenn die auch noch naturgegeben ist, dann helfen keine Förderprogramme, dann helfen keine Pillen, dann hilft kein neues Bewusstsein, denn man müssten sich die Frauen „neu erfinden“.
Wenn es dagegen eine Überlegenheit der Männer gibt, die nicht naturgegeben ist, dann sind keine Förderprogramme nötig; dann haben wir eine gerechte Ausgangsposition, und falls Frauen dabei bisher unentdeckte Potentiale nutzen können, umso besser für sie. Wenn sie ihrerseits eine naturgegebene Überlegenheit haben, die sie bisher aus unerfindlichen Gründen nicht aus dem Dornröschenschlaf geweckt haben, dann ist es umso peinlicher, dass sie nicht schon längst in den Führungspositionen sitzen.
Sexisten der ersten Stunde
Das Buch von Ingelore und Isabell Welpe ist keine Kuriosität, die wir getrost belächeln können. Es ist das Manifest einer Female Supremacy. Auch Vivian Reding und Elke Schmitter - und viele andere - haben das Giftbuch auf ihrem Nachttisch oder im Schließfach ihres Unterbewusstseins. Sie kennen es, auch wenn sie es nicht gelesen haben. Es spricht ihnen aus der Mördergrube. So erklärt sich ihr herrschsüchtiger Ton, so erklären sich ihre faulen Argumente, so erklärt sich ihre Verzweiflung und Aggression, von der sie oft kein Bewusstsein haben, wie wir inzwischen wissen.
Wir kommen bei der Gelegenheit auch den geheimnisvollen „eigenen Potentialen“ auf die Spur. Es ist - wie wir schon ahnten - nicht die Gebärfähigkeit. Die ist dem Nein zur Natur zum Opfer gefallen. Ersatzweise muss etwas Neues aus dem Hut gezaubert werden.
Und was? Vorsätzliche Blindheit und Boshaftigkeit. Das klingt heftig, doch ich erinnere mich, dass in Nigeria ein ruppiger Umgangston herrscht, und es ist ja auch ein grober Klotz, der uns hier vor die Füße gerollt wird: Die „eigenen Potentiale“ der Frauen entstehen durch Ignorieren, sie entstehen durch eine Machtausübung, die so tut, als gäbe es gewisse Dinge einfach nicht. Es ist die Machtausübung von Leuten, die Beweismittel verschwinden lassen, die Informationen unterschlagen und die durch einen Menschen hindurchgucken, als wäre er Luft.
Wie kommen sie darauf, dass Frauen „oft“ die „schwereren körperlichen“ Arbeiten verrichtet haben? Ich weiß: durch angestrengtes Ignorieren. In Südafrika arbeiten Männer „oft“ in Goldminen und verrichten da Arbeiten, die man Frauen nicht zumutet. Die Minen sind unterirdisch. Die sieht man nicht, wenn man im klimatisierten Auto durch die schöne Landschaft fährt. Die Ignoranz der beiden Frauen ist auf ihre Art auch „unterirdisch“ – wie man heute sagt.
Wir kennen die merkwürdige Formulierung, dass irgendetwas „nicht mehr wegzudenken“ ist – so heißt es etwa, wenn der Einfluss eines Künstlers hervorgehoben werden soll. Im Wegdenken haben es Ingelore und Isabell Welpe weit gebracht. Sie denken sich die Ergebnisse von einem Wettrennen, das sie sich vorgestellt hatten, einfach weg. Das machen sie so: Sie gucken nicht auf das Ziel, sondern auf die Startlöcher, um die herum sie sich eine Ausgangslage ganz nach ihrem Geschmack ausgemalt haben. Dabei ist ihnen gar nicht aufgefallen, dass es einen völlig anderen Zieleinlauf geben müsste, wenn die Startbedingungen wirklich so gewesen wären, wie sie sich die ausgedacht haben.
Das Spiel, das die beiden mit uns spielen, ist die Umkehrung eines beliebten Zeitvertreibs von Kindern. Kinder spielen gerne ‚Ich sehe was, das du nicht siehst’, die beiden Frauen namens Welpe spielen ‚Ich sehe etwas NICHT, das ansonsten jeder sieht’. Ich versuche mal, mich dem Stil und dem Niveau der Frau Professorin anzupassen und mache ab jetzt auch ab und zu ein Take away:
Take away!
Männer sind Frauen im statistischen Mittel und im Extrem sowohl körperlich als auch geistig überlegen
Moment! Eh jetzt der Widerstand mobilisiert wird: Ein Trost vorweg: Es wird später noch eine Süßspeise serviert werden - als Nachtisch. Und noch ein Hinweis: Es ist inzwischen auch vielen Männern unangenehm, dass es so ist, wie es nun mal ist; viele sind verunsichert und wissen nicht, wie sie sich dazu verhalten sollen. Doch was soll man machen? Es ist eindeutig. Man erkennt es mit einem unbeirrten Blick auf die Ergebnisse.
Zu welchen körperlichen Leistungen Männer fähig sind, sehen wir beim Sport. Und wenn wir einen Blick auf die Menge der Patentanmeldungen, Erfindungen und Nobelpreise richten, erkennen wir die Früchte der geistigen Anstrengungen von Männern und Frauen. Und? Die Frauen sehen vergleichsweise alt aus.
Denken wir an den 3 : 0 Sieg einer Jugendauswahl aus der Provinz über die deutsche Frauen-Fußball-Nationalmannschaft, die immerhin den Weltmeistertitel erkämpft hatte, oder denken wir an die Shortlist der Erfindungen aus Frauenhand wie den Kaffeefilter und das Gratis-Werbegeschenk (mehr fällt mir gerade nicht ein). Madame Curie steht in der Hall of Fame glanzvoll als Mehrfach-Nobelpreisträgerin da, als Frau wirkt sie ziemlich verloren zwischen all den Herren, außerdem hatte sie einen Ehemann an ihrer Seite, der ebenfalls Nobelpreisträger war.
Selber schuld. Warum tun Isabell und Ingelore Welpe so, als würden die Gesamtheiten der Frauen und Männer in Konkurrenz zueinander stehen? Das tun sie doch gar nicht. Aber die beiden wollen es so. Schon der Titel des Buches verrät, dass sie nicht richtig mit dem Komparativ umgehen können: ‚Frauen sind besser. Männer auch’. Nicht lachen. Das ist kein Scherz. Sie haben nicht verstanden, dass es so nicht geht. Es können nicht beide Seiten „besser“ sein. Vielleicht glauben sie auch, dass jemand darauf hereinfällt und das Buch für ausgewogen hält, weil es heißt: „Männer auch“! Nichts da. Sie können es nicht besser. Und Humor haben sie auch nicht.
Männer und Frauen kann man in ihrer Gesamtheit nicht mit Begriffen wie „besser“ oder „schlechter“ beschreiben. Dass Ingelore und Isabell Welpe dennoch versuchen, das „Übel des Vergleichs“, wie es Rousseau nannte, zwischen die Geschlechter zu schieben, hat ihnen das Unglück eingebracht, unter dem sie nun leiden. Sie wollen besser sein, können es aber nicht. Nun haben sie den Salat und er schmeckt ihnen nicht. Erst haben sie sich die Knickbrille des Komparativs aufgesetzt, und dann gefällt ihnen das Ergebnis nicht. Und so wird um die Welt der Männer, um ihre Qualitäten und Potentiale eine Mauer des Schweigens errichtet. Es wird im großen Stil weggeguckt und weggedacht.
Weil sie unbedingt „eigene Potentiale“ der Frauen erschaffen wollen, sagen sie nur die halbe Wahrheit. Sie sagen sogar weniger als die halbe Wahrheit, aber schon die ist bekanntlich eine ganze Lüge. Lügen und Ignorieren reichen nicht. Es kommt noch üble Nachrede dazu. Und Raub. Denn um diese neuen Potenziale als „eigene“ auszugeben, müssen sie den Männern abgestritten und weggenommen werden.
Deshalb wird uns das Märchen vom bösen Buschmann erzählt und er wird uns als asoziale Wüstlinge hingestellt, der nichts von dem, was er gesammelt hatte, abgeben wollte und - gemein wie er war - den Frauen sagte: Nichts da, ich behalten alles für mich, das ist meine patriarchale Dividende.
So war es nicht. Es gab Arbeitsteilung nach Geschlechtern: Frauen sammelten, Männer jagten. Die Frauen waren ausgeschlossen von der Hetzjagd auf große Tiere; das konnten nur Männer mit großer Ausdauer. Die Jagdbeute wurde grundsätzlich geteilt. So war es. Wieso stellen uns die beiden Verkünder von Wahrheiten die Männer als egoistische Sammler da? Wieso lassen sie sich zu einer Urvölker-Verhetzung hinreißen, bei der sie den Buschmännern, die heute San oder Koi Koi heißen, unterstellen, dass es bei ihnen Ansätze von Geschlechter-Apartheid gab? Warum? Weil sie NUR SO die Behauptung von „eigenen Potentialen“ aufstellen können.
Sie sind dermaßen mit Blindheit geschlagen, dass sie nicht anders können, als von sich auf andere zu schließen. So schieben sie den schwarzen Peter des sozialen Defizits, den der Feminismus mit sich bringt, weil er das Geschlecht über die soziale Frage stellt, kurzerhand den Männern zu und verlegen ihn in die Vergangenheit. Dabei sind es die Frauen von heute, die sich abgrenzen und sich nicht sozial verhalten. Wenn es um das Einsammeln von Fördergeldern geht - da haben sie enorme Fähigkeiten -, bleiben sie unter sich und profitieren ganz allein von all den Programmen „nur für Frauen“.
Kleine Pause? Und dritten (und letzten) Teil (schönen Dank für die Geduld in der digitalen Welt) schwenke ich von den Buschmännern rüber zu unseren Jungs.

