14.05.2008   11:56   +Feedback

Seifenoperndemokratie

Die Briten hatten immer schon eine Vorliebe für Seifenopern. Die erfolgreichsten Fernsehsendungen sind die Endlosserien “East Enders” und “Coronation Street”, und im BBC-Radio läuft schon seit 1951 mit inzwischen über 15.000 Folgen “The Archers”.

Wer in Großbritannien heute Seifenopern verfolgen möchte, der kann dies inzwischen aber auch in den Nachrichtensendungen und Qualitätszeitungen tun. Und wenn man dem Ganzen einen Namen geben wollte, dann könnte man es “The Saga of Tony and Gordon” nennen. Ort der Handlung ist Westminster und in den Titelrollen finden wir die beiden mäßig begabten Schauspieler Tony Blair und Gordon Brown. Es ist eine Geschichte von Macht und Leidenschaft, Geld und Sex, Lüge und Intrige, wie sie sich auch Drehbuchschreiber nicht besser hätten ausdenken können.

Am Anfang stand ein Abendessen im Londoner Granita-Restaurant, bei dem Tony seinem alten Rivalen angeblich versprochen haben soll, ihm nach dem Sieg der Labour-Partei bei den nächsten Unterhauswahlen das Amt des Premierministers nach nur einer Legislaturperiode zu überlassen. Jedenfalls hatte Gordon das so verstanden. Tony konnte sich an diese Absprache aber bald nicht mehr erinnern. Damit ist die Handlung eigentlich auch schon fast vollständig erzählt, denn was sich in den folgenden 14 Jahren (das Abendessen fand 1994 statt) ereignete, drehte sich nur um die Verwerfungen, die aus diesem ebenso angeblich gegebenem wie angeblich gebrochenem Versprechen folgten. Gordon traute Tony nicht mehr und begann, feine Intrigen gegen seinen Parteichef zu spinnen. Da Tony dies nicht verborgen blieb, gab er sich seinerseits Mühe, gegen seinen eigenen Schatzkanzler zu arbeiten. Ihn einfach zu entlassen, das wagte er jedoch auch nicht, denn dafür fürchtete er Gordons Anhänger zu sehr.

Alles, was sonst noch in der “Saga of Tony and Gordon” geschah, können die treuen Fans der Serie nur verstehen, wenn sie es jeweils mit dem Konflikt der beiden Hauptakteure in Verbindung brachten. Wer mit wem redete, wer von wem Geld erhielt, wer was tun konnte: es kam immer nur darauf an, was dies für die Balance zwischen Tony und Gordon bedeutete.

Im letzten Jahr sah es für einen Moment so aus, als könnte die britische Demokratieseifenoper ein jähes Ende finden, als Tony sich von der großen Bühne in einer langen Abschiedstournee verabschiedete. Aber die Produzenten der Seifenoper hatten auch für diesen Fall vorgesorgt, denn nun kam die Stunde der Memoirenschreiber. Jeder, der einmal eine Nebenrolle in der Serie gespielt hatte, veröffentlichte nun seine mehr oder weniger sensationellen Enthüllungen. Besonders eilig hatten es damit die Laiendarsteller aus dem Umfeld von Tony. Sie hatten schließlich jahrelange Erfahrung im Kampf gegen Gordon, den sie nun nicht mehr nur im Verborgenen, sondern auch ganz öffentlich und äußerst lukrativ attackieren konnten. Sie hatten ja auch nichts mehr zu verlieren - letzte Reste von Ehre, Anstand und Moral einmal ausgenommen.

So erfuhr man von John Prescott, dem ehemaligen Vizepremier, dass er sich jahrelang in der Dauerkrisendiplomatie zwischen Tony und Gordon aufgerieben hatte, was ihn am Ende in die Bulimie trieb. Das hätte man bei dem Zweieinhalbzentnermann Prescott nun wirklich nicht vermutet. Lord Levy, Tonys früherer Geldbeschaffer, führte aus, dass Tony Gordon schon immer für unfähig gehalten hätte, Wahlen zu gewinnen. Was für eine Überraschung! Auch Ex-Innenminister Blunkett, Ex-Kommunikationschef Alastair Campbell, Ex-Außenminister Robin Cook und Ex-Entwicklungshilfeministerin Clare Short enthüllten, dass es nichts zu enthüllen gab, was man nicht schon jahrelang geahnt hatte, dass nämlich der Tony den Gordon irgendwie nicht so richtig mochte. Und wir hatten schon gedacht, das wäre alles nur für die Medien inszeniert gewesen und in Wirklichkeit gingen die beiden regelmäßig gemeinsam in die Sauna.

Aber gerade, als wir glaubten, es wäre nun wirklich alles gesagt und geschrieben, erschien die nächste Enthüllungsautobiographie. Cherie Blair, die Gordon stets noch weniger ausstehen konnte als ihr Ehemann, hat damit eindrucksvoll bewiesen, dass man Gift auch drucken kann. In ihren Memoiren macht sie Gordon dafür verantwortlich, Details über ihre Schwangerschaft und Fehlgeburt an die Medien geleitet zu haben. Ganz nebenbei erfährt der Leser, dass Leo, das jüngste Kind der Blairs, seine Existenz indirekt der Queen verdankt. Denn Cherie hätte sich nicht getraut, die Pille nach Balmoral mitzunehmen, wo Tony und sie als Gäste der Queen übernachteten. Wenigstens machte sie für die folgende Schwangerschaft zur Abwechslung einmal nicht Gordon verantwortlich.

Und so geht die große Seifenoper der britischen Demokratie auch lange nach dem Auszug der Blairs aus der Downing Street weiter. Die Blair-Regierung mögen wir beerdigt haben, aber sie regiert das Land noch aus dem Grab. Doch spätestens, wenn Gordon nicht mehr Premierminister ist, dürfte es wieder spannend werden, denn dann können endlich auch seine Freunde mit dem Schreiben beginnen. Das wird dann noch einmal ganz großes Kino. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann bekriegen sie sich weiter. Die Archers laufen ja auch schon seit 1951.


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Kategorie(n): Ausland  Kultur