Gideon Böss 08.01.2012 13:00 +Feedback
Sehr geehrter Herr Bundespräsident
ich habe gelesen, dass Sie einen Bürger angezeigt haben, weil dieser Sie beleidigt hat. Das finde ich erstaunlich dünnhäutig für einen Menschen, der das höchste Amt einer liberalen Demokratie ausübt. Da sollte etwas mehr Respekt vor der Streitkultur drin sein und für diese muss auch der eine oder andere Tiefschlag in Kauf genommen werden.
Ehrlich gesagt verstehe ich nicht so ganz, weswegen sie empfindlicher auf dummes Geschwätz reagieren als ich. Unter jedem meiner Artikel finden sich auch Schmähungen und Beleidigungen von Menschen, die zu den Montagsautos der Evolution gehören und nicht in der Lage sind, eine inhaltliche Kritik anzubringen. In ganzer Pracht z.B. hier zu bewundern: Hebräerkritisches vom Gasmann. Diese Leute gehören zum Bodensatz der Gesellschaft und dennoch kam ich noch nie auf die Idee, sie zu verklagen. Es sind Idioten und vermutlich leiste ich sogar einen Beitrag zur Sicherheit meiner Mitbürger, indem solche Leute (u.a.) wegen mir hinter ihren Tastaturen kauern, anstatt Falschparker anzuzeigen oder Kinder in Hecken zu locken. Ich reagiere weniger empfindlich auf Beleidigungen als Sie, Herr Bundespräsident, obwohl mein Job in der Öffentlichkeit nicht durch eine sehr angenehme Pension vergoldet ist, mir weder Limousinen noch Mitarbeiter zur Verfügung stehen und die BRD bislang keine meiner Auslandsreisen bezahlt hat. Das alles spricht weniger für mich als gegen Sie.
Ihre Anzeige betrifft einen Mann, der ein unglückliches Foto ihrer Amtseinführung auf Facebook verwendet hat und eine Anspielung auf die Nazizeit machte (auf dem Bild, wenn es denn echt ist, sieht es aus, als ob Bettina Wulff den Hitlergruß zeigt). Und wegen eines solchen infantilen Witzes zeigen Sie jemanden an? Wer so unsouverän ist, beschimpft selbstverständlich auch Chefredakteure, wenn diese sich erdreisten, auf die etwas unorthodoxe Finanzierung einer mausgrauen Spießertrutzburg zu verweisen.
Weswegen sollte ausgerechnet der erste Mann im Staat von (ungerechter) Kritik oder Beleidigungen verschont bleiben? Da Sie offenbar zu sensibel -oder autoritär- für diesen Job sind, sollte jemand anderes ran. Hape Kerkeling hätte vielleicht Zeit, jetzt wo er Thomas Gottschalk abgesagt hat, Bushido wäre auch ein Kandidat und Lothar Matthäus ist ohnehin heiß auf seinen ersten Trainerjob in Deutschland. Wenn es eine Frau werden soll, bin ich für Daniela Katzenberger oder Cindy aus Marzahn (das Mindestalter wird dann eben gesenkt, da muss man mit der Zeit gehen).
Die sind es alle gewohnt, unfair und beleidigend attackiert zu werden, die halten es aus, wenn mal jemand „Der Präsident ist blöd!“ schreibt. Mir wäre jedenfalls jeder aus dieser Liste lieber (Bushido aber nur zusammen mit seinem Premiumpädagogen Peter Maffay), als ein grinsender Schwiegermutterpräsident, der in der Öffentlichkeit genau die Verhaltensweisen anprangert, welche seinen Way of Life auszeichnen. Der Bundespräsident sollte jedenfalls eine geschmacklose Facebook-Beleidigung aushalten können, vor allem, wenn er es gleichzeitig aushält, während seiner Reisen in die arabische Welt gemütlich mit Schwulenmördern, Frauenhassern und Antisemiten zusammenzusitzen.
Von daher überlegen Sie es sich doch noch einmal, ob Sie nicht wirklich einen aus meiner Liste zu Ihrem Nachfolger machen wollen. Aktuell präsentieren Sie jedenfalls eher die Mentalität deutscher Wadenbeißer, denen es Lebenssinn genug ist, über Jahrzehnte vor Gerichten mit dem Nachbarn über die korrekte Höhe des Grundstückszaunes zu streiten. Das wirkt nicht sehr präsidial, eher provinziell.
Mit freundlichen Grüßen
Gideon Böss
Gideon Böss schreibt für WELT-Online den Blog „Böss in Berlin“


