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  31.01.2009   09:49   +Feedback

Schon wieder ein Kommunist auf dem Laufsteg

Hätte der Schriftsteller Dietmar Dath im Herbst den Deutschen Buchpreis der Frankfurter Messe bekommen, wäre die Sache mittlerweile erledigt. Oder können Sie sich den Roman „Die Abschaffung der Arten“ auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste vorstellen? Hätte Dath den Preis bekommen, wäre aber auch der Preis erledigt gewesen. Denn, wie die Bestsellerliste den Preis braucht, braucht auch der Preis die Liste.

Dath hat ihn folgerichtig nicht bekommen, dafür ruft ihn nun seine Anhängerschaft im Feuilleton beinahe kampagnenreif zum interessantesten jungen Autor aus. Die Sekundärliteratur über ihn hat fast die Ausmaße der Charlotte-Roche-Exegese erreicht. Und warum? Weil er sich in jedem seiner zahlreichen Interviews vorsichtshalber gleich zwei mal zum Kommunisten erklärt? Für den Fall, dass man es überlesen würde. Macht das nicht auch Sahra Wagenknecht, und zwar schon seit vielen Jahren? Und kommt sie damit nicht immer noch ins Gebühren- Fernsehen? Dass man mit der nicht unbedingt komplexen Botschaft, Kommunist zu sein, den Status des Enfant terrible mühelos erwirken kann, sagt mehr über unsere Zeit aus als über den betreffenden Akteur. Das könnte auch Dath wissen.

Im Detail: So lange es für den Kommunismus keine weiteren Argumente gibt, als die, die gegen den Kapitalismus sprechen, ist es mit der sogenannten Utopie nicht weit her. Das war den Kommunisten immer schon ein Problem, lange bevor sie die Gelegenheit fanden, ihre Verbrechen zu begehen. Eigentlich müsste ihnen Marx peinlicher sein als Stalin.

Der angeborene Schönheitsfehler des Kommunismus besteht darin, dass er vom Kapital lebt, und so auch im Verdacht steht, nur so lange, wie dieses wirkt, leben zu können. Wollen wir ausnahmsweise einmal dem Kommunismus nicht den Stalinismus vorhalten sondern seine geringe Leistung für ein komfortables Leben, reicht es schon, die Frage zu stellen: Würden Sie lieber einen Wartburg fahren als einen VW?

In der Debatte um Dath geht es ja angeblich um einen Roman, der zwar die Kriterien eines Romans nicht erfüllt, aber höchst interessant sei, weil er die aktuellen Stichworte aus den Naturwissenschaften aufgreife. Die neuesten Erkenntnisse, etwa aus Gentechnik und Hirnforschung, ausbreite. Handelt es sich denn um ein Relaunch von Reader’s Digest, möchte man fragen. Und was hat das letzten Endes mit Literatur zu tun?

Dass die Naturwissenschaften den Künsten auf die Sprünge helfen könnten, ist selbst als Missverständnis nicht ganz neu. Der Kunst geht es nämlich weit weniger um den technischen Fortschritt als um den Menschen, und wie er zu sein beliebt. Nur so ist zu erklären, warum die „Gefährlichen Liebschaften“ eines Choderlos de Laclos uns auch heute noch brennend interessieren, während Oswald Wieners „Verbesserung von mitteleuropa“ bei den jetzt 60jährigen bestenfalls als vergessenes Buch in der zweiten Reihe im Regal zu finden ist.

Um noch eins drauf zu setzen: Über den Menschen erfährt man immer noch mehr von Flaubert als aus der Scannung des Genoms. Schließlich ist die Technik ja auch nicht da, um uns die Welt zu Füßen zu legen, sondern um unser Dorf schöner zu machen.

Der Erfinder in der Literatur hat mit dem Erfinder in der Technik praktisch nichts gemeinsam. Hölderlin und Einstein sind von Anfang an geschiedene Geister, auch wenn wir uns nach beiden sehnen sollten.

Wir reden uns gerne ein, in einer ratlosen Zeit zu leben. Wir haben aber bloß eine wenig inspirierte Epoche erwischt. Darin ist zwar alles wie bisher, nur - das Genie wurde durch das Enfant terrible abgelöst. Die beiden haben auf den ersten Blick gemeinsam, dass sie ungewöhnlich klingen. Dabei gilt das Genie immer noch als das Original, und das Enfant terrible als dessen schlechte Kopie, Kujau für den arglosen Kunstliebhaber.

Wenn das Enfant terrible sagt, was scheren mich eure Kriterien, und das Fach-Publikum zurückfragt: Welche Kriterien?, sind alle Voraussetzungen erfüllt, um das Niveau entsprechend zu senken, so dass das längst widerlegte wieder möglich wird. Es ist ein bisschen wie der Wiederherstellungsmodus am PC.

Sich zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs zum Kommunisten zu erklären, erfordert erheblich weniger Mut als das Bekenntnis zum Doping bei der Tour de France. Wer sich dort zur Manipulation bekennt, wird bekanntlich von der Tour ausgeschlossen. Der Literat aber, der sich den Kommunismus zugute hält, hat das Echo im Feuilleton. Wie nett, schon wieder ein Kommunist auf dem Laufsteg.

Zum frappierendsten an der Sache gehört die Begründung aus den Reihen der Kunstrichter und Journalverzauberer: Dath sei der einzige jüngere Autor, der sich eindeutig politisch positioniere. Wie bitte? Was hat denn das Bekenntnis zum Kommunismus mit Politik zu tun? Dath kommt schließlich nicht aus der DKP, sondern von „Spex“. „Spex“ aber war bekanntlich ein notorischer Treffpunkt von Pop und Kulturwissenschaft. Zizek für den Jungspießer, der zwar den gleichen Bausparvertrag besitzt wie seine Eltern, aber auf dem Handy die Internationale als Klingelton nutzt.

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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