Dr. Wolfram Weimer 30.09.2012 18:57 +Feedback
Schach, Herr Steinbrück!
Eine peinliche Sponsoren-Affäre stört die Krönungsszenerie der SPD. Da hilft Peer Steinbrück selbst lautstarkes Poltern gegen die Banken nichts.
Peer Steinbrück hat sich ans Ziel gekämpft. Sigmar Gabriel zog grummelnd zurück, Frank-Walter Steinmeier gibt auf, der Gerhard-Schröder-Freundeskreis jubelt testosteronerfüllt, Helmut Schmidt gibt seinen papstähnlichen Segen und die Medien finden an dem kantigen Querkopf auch ihren Spaß. Die Kanzlerkandidatur der SPD ist entschieden, nur der Termin der Krönungsmesse ist noch offen.
Dabei schien kurz vor der Ziellinie doch noch alles ins Wanken zu geraten. Denn die Affäre um gedungene Sponsoren für ein Schach-Spektakel in Steinbrücks Heimatstadt zieht Kreise. Das Nachrichtenmagazin Focus hatte enthüllt, dass Steinbrück 2006 die damaligen Chefs von Post und Telekom, Klaus Zumwinkel und Kai Uwe Ricke, um ein Sponsoring in Höhe von 950.000 Euro und einer Million Euro gebeten hatte. Das Pikante daran: Steinbrück war Finanzminister, und der Bund herrschte als größter Einzelaktionär im Aufsichtsrat der beiden Unternehmen.
Steinbrück war das Dubiose seiner Sponsoreninitiative offenbar bewusst, denn er verwendete privates Briefpapier für die Sponsorendrückerei – unter seinem Namen stand freilich Bundesfinanzminister, damit auch allen klar war, dass hier die Macht persönlich bittet. Aktienrechtler haben diese Methode Steinbrücks inzwischen als inakzeptablen Amtsmissbrauch kritisiert. Als Finanzminister dürfe man bei halbstaatlichen Unternehmen nicht derart um Spenden für private Vergnügen werben.
Der Fall erinnert einerseits an die Bittbriefe der Sponsorensammler Christian Wulff und Olaf Glaeseker (hier ermittelt die Staatsanwaltschaft noch) für ihren Nord-Süd-Dialog, andererseits an den Fall Möllemann 1993.
Steinbrück hat die ungeheure Brisanz der Focus-Enthüllungen erkannt und sofort eine klassische Gegenattacke gestartet, um das Thema gar nicht erst groß werden zu lassen. Mit seinem dieswöchigen Brandpapier zur Zerschlagung der deutschen Universalbanken wollte er so große Aufmerksamkeit, dass keiner mehr nach der Sponsoren-Affäre fragt. Darum konnte die Bankenschelte gar nicht furios genug ausfallen. In der deutschen Finanzwelt reiben sich seither alle die Augen, dass ausgerechnet der moderate Steinbrück plötzlich auftritt wie ein Gysi-Imitat. Schließlich hatte er in seiner Amtszeit als Finanzminister eine genau gegenteilige Politik verfolgt und klar werden lassen, dass Universalbanken Krisen eher abmildern als sie verschärfen.
Die Steinbrück-Strategie mit viel Gebrüll das Skandal-Gemurmel nieder zu trommeln, wäre fast aufgegangen, würden nicht findige Reporter plötzlich anfangen, den merkwürdigen Vorgang einmal genauer auszurecherchieren. Denn dabei kommt heraus, dass der private Organisator dieser Steinbrück-Wunschpartie ein schillernder Zeitgenosse ist. Josef Resch heißt der Steinbrück-Gefährte in Sachen Schach. Beruflich bezeichnet sich der Deutsch-Russe als Buntmetallhändler. In der Schachszene gilt er jedenfalls als besonders geschickter Geschäftsmann, der Turniere „ungewöhnlich” vermarkten kann.
Ausgerechnet mit diesem Mann hat sich Steinbrück eingelassen und ihn in seinem Schreiben ausdrücklich als den Mann gelobt, der die Schach-WM nach Bonn holen könne – wenn er denn nur das Geld bekomme. Lorenz Maroldt weist in seinem aktuellen Tagesspiegel-Leitartikel auf diese eigenartige Verfilzung hin: „Nach der WM 2008 veröffentlichte Reschs Veranstaltungsfirma, die „Universal Event Promotion“, eine Erfolgsbilanz, in der es heißt: „Die UEP bedankt sich ... ganz herzlich bei Peer Steinbrück, dem Bundesminister der Finanzen und Schirmherrn der WM, unseren Hauptsponsoren Evonik Industries und Gazprom…“
Für Steinbrück hat die Schach-Affäre erst begonnen. Er wird sich fortan Fragen stellen lassen müssen über seine Beziehungsnetzwerk zu russischen Geschäftspartnern, zu seinen Redner-Honoraren und Sponsorenfreunden. Und wenn zu Josef Resch und seinen Geschäften neue, peinliche Fakten auf den Tisch kommen, wird ein Bankenzerschlagungspapier nicht reichen, um die Vorwürfe vergessen zu machen. Er steht im Schach.
Zuerst erschienen auf Handelsblatt Online
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Kategorie(n): Inland

