Maxeiner und Miersch 06.06.2010 07:37 +Feedback
Saubere Leinwand mit dem iPrüd
Äußerlich knüpfen Apple-Produkte an das alte Design der Firma Braun an. Innerlich an die „Aktion Saubere Leinwand“ und den Volkswartbund. Diese beiden längst vergessenen Organisationen kämpften in unseren Kindertagen mit viel Getöse gegen „öffentliche Unsittlichkeit“. Wenn im Kino ein nackter Popo zu sehen war, marschierten die Saubermänner vor der Kasse auf und wetterten gegen „Schund und Schmutz“. Manch langweiligem Streifen verhalf dies zu höchster Popularität.
Das ist so lange her, dass sich kaum noch jemand daran erinnern kann. Abbildungen menschlicher Körper unterhalb des Kragenknopfs wurde im Laufe der Jahre so selbstverständlich, dass etliche Erotik-Magazine pleite machten, da ihre Bildstrecken nur noch zum Gähnen anregten.
Lediglich ein paar Bischöfen, Imame und Feministinnen erregen sich weiterhin über nackte Haut. Sie bekommen jetzt Schützenhilfe von Steve Jobs, einem Mann, dem es bis vor kurzem gelungen war, seine Firma irgendwie mit Freiheit und Unkonventionalität in Verbindung zu bringen. Auf dem iPad sind nicht nur sexuelle Darstellungen verboten sondern jegliche Abbildung nackter Menschen.
Die Maßstäbe des iPrüd entsprechen dem Stand der Kultur Mitte der 60er-Jahre. Bis dahin wurden Geschlechtsteile, Busen und Po in den Zeitungen mit schwarzen Balken überdruckt. Zwei Gruppen waren von dieser Zensur ausgenommen, sogenannte Naturvölker und Kinder. Dass ein deutscher Mann an einer nackten „Wilden“ (so hieß das damals noch) weibliche Schönheit entdecken könnte, war undenkbar. Ebenso war Päderastie noch kein Thema, Kinder galten als geschlechtslos.
In den siebziger Jahren fielen die schwarzen Balken. Erst durfte der Po, dann der Busen und schließlich der ganze menschliche Körper nackt gezeigt werden. Wovon die Illustrierten mehr als ein Jahrzehnt lang bis zum Abwinken Gebrauch machten. Kein „Stern“ mehr ohne Nackt-Titel und selbst der „Spiegel“ nützte jeden Vorwand (meist Gesundheitsthemen) um eine Nackte auf Seite eins zu knallen. In jedem Film zog sich jemand aus, an den Baggerseen fielen die Hüllen und Saunieren wurde zum Volkssport. In Wort und Bild befreiten der menschenfreundliche Journalist Oswalt Kolle und seine Epigonen die Bundesbürger vor allerlei unnötigen Verkrampfungen, Gewissensqualen und Komplexen. Eine „Sexuelle Revolution“ war es nicht, denn soviel hat sich seither gar nicht geändert. Aber immerhin: Nacktheit und Sexualität, wurde von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr als Schund und Schmutz betrachtet.
In der Folge entschliefen die „Aktion Saubere Leinwand“ und der Volkswartbund sanft. Niemand vermisst sie seither. Wer hätte gedacht, dass ihr Gedankengut im 21. Jahrhundert von den Toten erwacht. Statt dem guten alten Pfarrer Sommerauer („Schluss mit dem Sexy-Rummel!“) haben wir nun Steve Jobs als Sittenwächter. Ein Fortschritt ist das nicht.
Erschienen in DIE WELT, 05.06.10
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Kategorie(n): Kultur Bunte Welt


