Burkhard Müller-Ullrich 04.10.2009 23:11 +Feedback
Sarrazin hat einfach recht
Politiker besitzen eine Lizenz für starke Worte. Sie dürfen übertreiben, sie dürfen auch mal ausfällig werden, vor allem können und sollen sie die Dinge beim Namen nennen. Das unterscheidet sie von Amtsträgern in wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen: die müssen sich gewählter ausdrücken, gedämpfter, eventuell sogar verlogener. Dies gilt im Großen und Ganzen für alle funktionierenden Demokratien. Bloß in Deutschland ist es anders: Hier haben sich die Politiker eine Art von überkorrektem Genuschel zugelegt, einen Schönfärbejargon, der jedem Spitzenfunktionär oder Spitzenbeamten zur Ehre gereichen würde, während sich gerade solche Leute eher den Luxus des freien Gedankens und der freien Rede leisten.
Kein ernstzunehmender Politiker würde hierzulande aussprechen, was Thilo Sarrazin in seiner distinguierten Stellung als Bundesbankvizepräsident zu Protokoll gegeben hat. Denn jeder weiß, was für gigantische Empörungswellen solche Äußerungen schlagen. Rücktrittsforderungen sind noch das Mindeste; schon möchte der Staatsanwalt wegen Volksverhetzung ermitteln. In den Medien wechseln Begriffe wie Tiraden und Skandal einander ab.
Das alles wegen ein paar kruder Feststellungen, die schwer zurückzuweisen sind. Sarrazin behauptet, daß in Berlin vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden, und erklärt damit, daß das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. Stimmt die Aussage etwa nicht? Sind es vielleicht zehn Prozent statt vierzig? Und steigt das Niveau vielleicht anstatt zu sinken? Man kann die Probe mit all den Reizsätzen machen, die jetzt zitatweise herumgereicht werden: Die Araber und Türken hätten einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerunganteil entspreche. Große Teile seien weder integrationswillig noch integrationsfähig. Wahr oder falsch?
Der öffentliche Diskurs bei uns verlangt, daß diese Frage ignoriert wird. Die Wirklichkeit – sie kommt einfach nicht vor. Dagegen zu verstoßen, kann auch einen Sarrazin den Job kosten. Denn er, der sich technokratische Herzlosigkeit ja schon von jeher vorwerfen lassen muß, hat gerade keine Tiraden produziert, sondern ein paar ganz nüchterne sozioökonomische Betrachtungen angestellt. Wer den ganzen Text dieses langen Interviews gelesen hat, muß zugeben, daß die Betrachtungen durchaus fundiert sind. Doch gerade das bringt seine Gegner am meisten auf die Palme.
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Kategorie(n): Inland


