Michael Miersch 15.10.2011 12:08 +Feedback
Safranski, Schopenhauer und der Hamster
Der Schriftsteller Rüdiger Safranski ist gerade ins Gerede gekommen, weil er in Neuhardenberg ein Plauderstündchen mit Reza Sheikh Attar verbringen wollte, einem Mitverantwortlichen für Mord und Terror im Gottesstaat Iran. Siehe:
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/dichter_und_henker/
Safranski gilt gemeinhin als Geistesriese, der sich in der Welt der deutschen Literaturgeschichte auskennt wie kein Zweiter. Selbst seine Kritiker ziehen ehrfurchtsvoll den Hut vor Safranskis ungeheurer Belesenheit und Bildung.
Auch ich durfte mal einer Rede dieses Schwerstintellektuellen lauschen, mit der er sich für den WELT-Literaturpreis bedankte. Seine Ausführungen waren gespickt mit profundem Detailwissen und Zitaten großer Dichter und Denker.
Unter anderem erzählte er von Schopenhauer. Und zwar Folgendes: „…Politik - das ist die Lehre aus den totalitären Versuchungen des 20. Jahrhunderts - sollte sich fern halten von den sogenannten letzten Fragen. Aber wer sie sich überhaupt abgewöhnt und den Sinn dafür verliert, der wird eindimensional, der verspielt sein Talent für die Transzendenz, den nimmt die Wirklichkeit so gefangen, dass er schließlich, wie Schopenhauer so schön sagt, einem Hamster gleicht, der im Rade läuft…“
Als Tierfreund wachte ich beim Stichwort „Hamster“ auf, schloss mich dem Applaus des Publikums an, wurde jedoch etwas nachdenklich. Wie konnte Schopenhauer etwas von Hamstern wissen, die „im Rade laufen“. Der Philosoph starb 1860.
Die ersten Goldhamster, die in menschliche Obhut kamen, wurden 1930 von dem Zoologen Israel Aharoni bei Aleppo gefangen. Von diesen stammen alle zahmen Goldhamster in den Versuchstierlabors und Kinderzimmern der Welt ab. Der europäische Feldhamster wurde nie gezähmt. 1937 begannen Engländer Goldhamster als Heimtiere zu halten, 1948 kamen die ersten nach Deutschland. Zu spät für Schopenhauer.
Das läst nur eine Schluss zu: Safranski eignet sich sein literarisch-philosophisches Detailwissen ähnlich intuitiv an, wie Fritz J. Raddatz, der sich 1985 heftig blamierte, als er Goethe mit den Worten zitierte: „Man begann damals, das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern.“ Allerdings fuhr die erste deutsche Eisenbahn erst drei Jahre nach Goethes Tod. Die Feuilletons überschütteten ihn mit Häme und er verlor seinen Job als Kulturchef der ZEIT.
Safranskis Hamster ist so frei erfunden wie Raddatz‘ Bahnhof.
Moral: Wer Bildungshuberei mit Bluff betreibt, sollte bei Goethe und Schiller bleiben, und sich mit Aussagen über Zoologie oder Eisenbahnwesen zurückhalten. Und sich vielleicht auch mal informieren, wer einen zum Plauderstündchen einlädt:
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/nachspiel_zu_neuhardenberg/


