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  11.10.2009   23:28   +Feedback

Saar-Jamaika

Nun hat Lafo es wohl verschnitzelt. Wollte heimlicher König von Saarland werden, hat aber den Leuten bloß Angst gemacht. Vor allem den grünen Leuten, die ihn hätten wählen und ertragen müssen. Schließlich wußten die ja, was er von den Grünen hält. Also haben die kurzerhand etwas getan, was in der Politik zum Wichtigsten und Selbstverständlichsten gehört: sie haben sich die Optionen offen gehalten. Sie haben sich gesagt: Nichts muß, alles kann. Und das ist in einer so aufgeregt-polarisierten Zeit wie dieser schon mal ein beruhigend demokratisches Bekenntnis.

Man hatte ja den Eindruck, daß unterm Horizont der Großen Koalition die Kleinen nicht mehr koalieren können. Wenn CDU und SPD einander auf der Regierungsbank umarmen, dann müssen die Grünen und die FDP umso heftiger aufeinander eindreschen. Das ist aber ganz falsch. Denn schon von der sozialen Lage her sind die Grünen und die FDP einander ziemlich nahe. Harald Schmidt sagte es neulich so: „Wenn Sie in einer Altbauwohnung mit Stuck-Decke wohnen und Ihr Gemüse beim türkischen Händler kaufen, dann wählen Sie die Grünen. Wenn Sie in einer Altbauwohnung mit Stuck-Decke wohnen und Ihr Gemüse vom türkischen Händler bringen lassen, dann wählen Sie FDP.“

Klar ist jedenfalls, daß sich die bürgerliche Mitte mehr auf FDP und Grüne als irgendwohin sonst verteilt, und wenn die CDU in ihrer neuen Funktion als Ersatz-SPD da verbindend wirkt, dann bitteschön: so exotisch wie der Name Jamaika ist die Sache nicht. Aber Jamaika ist eine Sehnsuchts-Chiffre für die deutsche Politik geworden; Jamaika steht für die Vorstellung von einem karibischen Anderdeutschland, wo man mit Rum, Radau und Lebenslust die Finanzkatastrophe, die Bildungsmisere und die zivile Verwahrlosung verdrängt.

Am besten wäre es, im Saarland gleich den Jamaika-Dollar einzuführen; der steht bei 0,7 Eurocent, womit die notwenden Sparmaßnahmen und die tatsächliche Wirtschaftskraft in etwa angedeutet sind. Angesichts der äußerst angespannten finanziellen und politischen Lage kann es natürlich dahin kommen, daß es im saarländischen Parlament bei der Vereidigung der neuen Regierung demnächst zugeht wie in der jamaikanischen Volksvertretung vor acht Jahren: da bewarfen sich nämlich die Abgeordneten gegenseitig mit Flaschen und Steinen.

Allerdings sollte man alles, was im Bundesland Saarland geschieht, auch nicht überbewerten: es gibt da ungefähr so viele Menschen wie in Köln, und es ist bloß eine Laune der Geschichte, welche dazu führt, daß die ganze Bundesrepublik jetzt auf die paar Saarländer starrt.

(Burkhard Müller-Ullrich)


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Kategorie(n): Inland 

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