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  30.12.2011   13:38   +Feedback

Rettet die winterphobe S-Bahn

Seit Jahren arbeitet die Berliner S-Bahn hart daran, sich in eine Fabelgestalt der Größenordnung von Loch Ness oder dem Yeti zu verwandeln. Angeblich gibt es diese Wesen, aber gesehen hat sie bislang kaum oder nie jemand. Noch steht es um den Berliner ÖPNV zwar nicht ganz so schlimm, aber die Verspätungs- und Ausfallexzesse der letzten Jahre lassen nichts Gutes erwarten. Zum Glück ist es der PR-Abteilung der S-Bahn zumindest noch nicht gelungen, diese Pannenroutine positiv umzudeuten im Sinne von „wir haben Verspätung und das ist auch gut so!“ Was einen in einer Stadt, in welcher man stolz auf Armut ist und diese sexy findet, nicht wirklich überraschen würde. Vermutlich scheitert dieser Coup bislang schlicht daran, dass es besagte PR-Betreuung des S-Bahn-Betriebs nicht gibt, jedenfalls lassen dies das durchschnittliche Höflichkeitslevel und der Grad an Kundenservice-Orientiertheit des gemeinen Gleisen-Bediensteten vermuten.
Und dennoch hat diese real existierende, zuverlässig unpünktliche und pannengeschüttelte Einrichtung Berliner S-Bahn Freunde. Mindestens 31.870. So viele Unterschriften brachte nämlich eine Initiative zusammen, welche sich „gegen die Privatisierung“ richtet und fordert: „Rettet unserer S-Bahn!“ Äh, was? Vor wem oder vor was genau wollen diese Unterschriftenleister, welche offenbar einen Notfallfahrplan als den Normalzustand definieren, die S-Bahn denn retten? Vor Zug- oder Stromausfällen, vor überfüllten Waggons, vor dreckigen Sitzen? Viel Spielraum ist da nicht mehr nach unten. Denn: Es gibt wenig, was schief gehen könnte und nicht schon von den S-Bahn-Betreibern ausprobiert wurde.
Als Monatskarteninhaber, dem die „Rettung“ der S-Bahn weniger wichtig als ihr zuverlässiges Erscheinen am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit ist, stehe ich dem Abenteuer Privatisierung sehr offen gegenüber. Nicht nur, weil das in anderen Industrien schon zu recht sympathischen Preisstürzen bei gleichzeitiger Verbesserung der Infrastruktur sorgte (z.B. Telefon), sondern auch, weil das Risiko ohnehin sehr überschaubar ist. Was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall kommt die S-Bahn unpünktlich oder gar nicht. Kenn ich schon. Sie könnte aber auch weniger unpünktlich kommen, oder pünktlich und zu günstigen Preisen und das sogar (eine Utopie) bei Schnee und Kälte. Das Risiko wäre es mir wert!
Und die Organisatoren der „Rettet die winterphobe S-Bahn“-Kampagne sollten sich bitte in der Privatwirtschaft jemanden suchen, der sich mit der Präsentation von Homepages auskennt, denn dieser Regen aus kunterbunten Farbmustern, welcher das Lesen der Inhalte zu einer Geduldsprobe werden lässt, muss ja nicht sein.

Zuerst hier erschienen: http://boess.welt.de/2011/12/27/rettet-die-winterphobe-s-bahn/
Gideon Böss schreibt für Welt Online den Blog „Böss in Berlin“.

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Kategorie(n): Bunte Welt 

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