Dr. Oliver Marc Hartwich 11.07.2008 14:29 +Feedback
Reine Formsache
Man muss ja Vorbilder haben im Leben, also nehme ich mir ein gutes Beispiel an Hannes Stein, der nun auch schon seit geraumer Zeit seine Auswanderung in Tagebuchform protokolliert. Beim Kollegen Stein fing bekanntlich alles mit einer Green Card an, ehe er sich auf den Weg nach Amerika machte. Bei mir lief das alles etwas anders, denn ich hatte bei dem Entschluss zur Auswanderung zwar bereits einen Job in Australien, aber noch kein Visum. Dafür allerdings eine australische Frau, was die Dinge wiederum etwas einfacher machen sollte. Dachte ich mir jedenfalls.
Mehrfach wurde mir versichert, es handele sich bei der Visumserteilung für Ehepartner um eine reine Formsache. Ich hätte allerdings genauer hinhören sollen. Die Betonung lag nämlich auf der ersten Silbe. Es ist in der Tat eine Form-Sache, genauer: eine Formularsache. Neben einem Hauptantragsformular von 27 Seiten gibt es diverse Nebenformulare für meine Frau und mich, diverse Leute, die unsere “auf Dauer angelegte Beziehung” (wir kennen uns seit 17 Jahren) bezeugen müssen. Außerdem darf ich mich nun um Führungszeugnisse aus Deutschland und England bemühen, wobei das deutsche natürlich noch amtlich zu übersetzen und beglaubigen ist. Ferner freue ich mich bereits auf den HIV-Test, eine Röntgenuntersuchung und einen Gesundheitscheck. Und wenn ich dann noch meine Visumsgebühr von 725 Pfund bezahle, dann kann nichts mehr schiefgehen. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit soll bei der australischen Botschaft in London bei etwa 12 Wochen liegen. Es darf eigentlich auch nicht viel länger dauern, denn schließlich wollten wir Mitte Oktober möglichst nach Australien ziehen.
Habe ich gerade eigentlich “ziehen” geschrieben und nicht “auswandern”? Wahrscheinlich habe ich es sogar genau so gemeint, denn wie eine Auswanderung fühlt es sich nicht an. Eher wie ein Umzug. Gibt es das heute überhaupt noch: das Auswandern? Oder sind wir inzwischen in einer so mobilen Welt angekommen, dass man für einen guten Job eben auch für ein paar Jahre ans andere Ende der Welt geht, nach einigen Jahren aber ebenso selbstverständlich bei einem anderen guten Angebot wieder in die entgegengesetzte Richtung reist?
Nein, wie ein Auswanderer fühle ich mich nicht. Beim Wort “Auswanderer” fallen mir Bilder ein von Leuten, die sich auf eine mehrmonatige Schiffsreise in ein fernes und fremdes Land begeben, genau wissend, dass sie von dort nie mehr zurückkehren werden. In Sydney gibt in Darling Harbour eine große Gedenktafel für solche Pioniere einer vergangenen Zeit. Aber die Tatsache, dass heute niemand mehr solche Tafeln errichtet, zeigt doch schon, dass sich die Zeiten geändert haben. Selbst Australien ist nur 22 Flugstunden entfernt, die Heimat wiederum durch Telefon und Internet fast so nah, als ob man da wäre. Ich kann in London, Berlin oder Sydney wohnen und mich doch über Kurt Becks neueste Äußerungen ärgern, wenn ich mich nur zu deutschen Zeitungen oder Blogs klicke. Die Lust dazu hält sich mit der Zeit allerdings in Grenzen. Und selbst die Bundesliga lässt sich problemlos im Ausland verfolgen, auch wenn es nervig ist, dass mein Verein immer mitten in der australischen Nacht spielt. Zumindest dieses Problem gab es in London nicht.
Ist es also völlig gleich, wo man lebt? In gewisser Weise schon. In anderer selbstverständlich nicht. Als ich meinen Abschied von London bekanntgegeben hatte, hörte das Telefon nicht mehr auf zu klingeln und Fluten von Emails erreichten mich. Und auch wenn ich mich sehr über die Nachrichten meiner Freunde und Bekannten gefreut habe, haben sie mich nur noch einmal daran erinnert, was man nicht mitnehmen kann. Und dann sind 22 Flugstunden eben doch sehr weit, Internet und Telefon zum Trotz.
Aber trotzdem waren die Anrufe besonders meiner englischen Kollegen allesamt eine Bestätigung, dass es wohl die richtige Entscheidung war. Kein einziger konnte den Schritt nicht verstehen. Im Gegenteil. Von vielen habe ich gehört, dass sie am liebsten mitkommen würden. Eine gute Freundin, die selbst in Australien Verwandte hat und bei den nächsten Unterhauswahlen für die britischen Konservativen kandidieren wird, brachte es auf den Punkt. Wenn sie nicht schon soviel Zeit in ihre Kandidatur investiert hätte, dann würde sie lieber heute als morgen das Land verlassen. Ich kann auch nicht mehr zählen, wie oft ich den Satz gehört habe “It’s the quality of life, isn’t it?”.
It is. Es ist eben diese Aussicht auf eine besseres Leben (und auch auf deutlich geringere Lebenshaltungskosten), die uns nach Australien zieht. Und dafür füllen wir auch gerne Formulare aus. Reine Formsache eben. Reine Nervensache aber auch.
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Kategorie(n): Ausland

