Dirk Maxeiner 01.10.2011 19:40 +Feedback
Recht haben macht einsam
Wer Recht behalten hat, macht sich nicht unbedingt beliebt. Dass dürfen gerade die so genannten Euroskeptiker erleben. Nein, nicht die von heute. Es ist im Moment ja ziemlich risikofrei, skeptisch gegenüber der europäischen Währung zu sein. Selbst das Gros der Medien, das den Euro bei seiner Einführung hoch geschrieben hat, lässt inzwischen Zweifel zu. Gemeint sind hier vielmehr jene Euroskeptiker, die von Anfang an vor der europäischen Währung gewarnt haben. Vor einem Jahrzehnt brauchte man dafür noch einen gewissen Mut, weil der Zeitgeist anders tickte. Skeptiker waren die Partypupser vom Dienst. Und jetzt stellt sich raus: Diese Leute haben sozusagen total Recht gehabt. Sie haben nicht nur vor der Einführung des Euro gewarnt - die meisten haben es auch exakt aus den richtigen Gründen getan. Und das ist ein bisschen viel Recht haben auf einmal. Gleichsam eine Zumutung für die Unrecht-Haber. Schon als Kind haben wir es gehasst, wenn die Mutter oder der Vater nach dem Fahrradsturz nicht etwa Mitleid zeigte, sondern darauf hinwies: „Ich hab es Dir ja gesagt, fahre nicht freihändig, sonst fällst Du auf die Nase.“
Die meisten der Euroskeptiker von damals vermeiden daher Triumphgeheul. Angesichts des Euro-Trauerspiels gilt es gleichsam als pietätlos darauf hinzuweisen, dass man das alles vorher gesagt habe - und dass die Probleme somit auch vermeidbar gewesen seien. So wie man auf einer Beerdigung nicht erzählen sollte, dass der Verstorbene mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren und somit selbst Schuld an seinem Unfalltod sei. Das hören die Angehörigen nicht so gerne. Recht haben darf man zuhause im stillen Kämmerlein oder vielleicht noch im vertraulichen Gespräch mit der Gattin, aber bitte nicht öffentlich und auf Kosten anderer. Das macht einsam und ist dem Sozialprestige überhaupt nicht zuträglich. Die vormals glühenden Euroverfechter sind doch ohnehin schon in schweren psychologischen Nöten. Wer gesteht sich schon gerne eine Lebenslüge ein? So ähnlich ging es den den Nazi-Appeasern nach dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Oder den Kommunisten nach dem Fall der Mauer.
„Hinterher ist man immer klüger“, heißt die beliebte Trost-Floskel für Unrecht-Haber und man will damit unterschwellig sagen: „Vorher konnte man nicht klüger sein“. Leider stimmt das oft nicht. Man konnte klüger sein. Und nicht wenige waren es auch. Doch wurden sie seinerzeit angefeindet oder ausgelacht. Ein besonders exzentrischer Euroskeptiker war der inzwischen verstorbene deutsche Börsianer Bolko Hoffmann, der sogar eine millionenteure Anzeigenkampagne gegen den Euro startete. Er warnte darin richtig vor den Belastungen, die auf die Deutschen zukommen würden, und er begründete das richtig mit den schwachen südeuropäischen Staaten (sprich Griechenland, Spanien, Portugal & Co). Andere, darunter deutsche Wirtschaftsprofessoren und Staatsrechtler, versuchten damals vor dem Bundesverfassungsgericht Recht zu bekommen. Das bekommen sie jetzt über zehn Jahre später. Nicht vom Gericht, sondern von der Wirklichkeit.
Das Bundes-Verdienstkreuz wird man ihnen dafür aber garantiert nicht verleihen. Eher wird ihnen übel genommen, dass sie klüger waren als die seinerzeitigen Meinungsführer. Die Medien wollen es auch nicht wirklich wissen, denn ein Gang ins Archiv würde viele Peinlichkeiten zu Tage fördern. Es kann manchmal verdammt wehtun, die eigenen Artikel von vorgestern zu lesen. Euroskeptiker wurden damals gerne moralisch diskreditiert, oder als obskure Sektierer und Querulanten vom Dienst dargestellt. Eine soziologische Studie von 2006 zählt die häufigsten Charakterisierungen auf: „Wohlstandsegoisten, Extremisten, Nationalisten oder schlicht Spinner und Chaoten.“ Das mag in Einzelfällen durchaus gestimmt haben, wurde aber zum Anlass genommen, um gleich jegliche Skepsis in dieser Frage in eine zweifelhafte Ecke zu stellen. Auch die eurostörrischen Schweizer bekamen ihr Fett weg, als kleines, skurriles Bergvolk, dem es zu gut gehe und das seinen Wohlstandsegoismus rücksichtslos auslebe.
Die Geschichte des Euro und seiner Gegner liefert zugleich ein Lehrstück über den Zeitgeist und sein Verhältnis zur Skepsis. An die Stelle der Auseinandersetzung in der Sache tritt dabei der Angriff auf die Person. Wer den vom medial-politischen Komplex vorgegebenen Konsens verweigert, wird aus der Gemeinschaft der Wohlmeinenden ausgestoßen, egal ob es nun um den Euro oder die Zuwanderung, das Klima oder die Atomenergie geht. Diese wenig demokratische Haltung gegenüber Dissidenten ähnelt frappierend der Haltung, die die Kirche früher gegen Ketzer einnahm.
Das kann und will nicht jeder aushalten, schon gar kein junger Mensch mit Familie und Karriereplänen. Unter Helmut Kohl wurde jeder kaltgestellt, der gegen die Euroeinführung meuterte. Angela Merkel hat diese Methode nahtlos übernommen. Besonders gefährlich wird es immer, wenn der Zeitgeist sich mit politischer Sinnstiftung verbindet - egal um es nun um die Rettung des Euro oder des Klimas geht. Und so ist es kein Wunder, dass Skeptiker häufig ähnliche Persönlichkeits-Merkmale aufweisen. Als da sind: Der emeritierte Professor, der keine Forschungsgelder mehr einwerben muss. Der Ex-Politiker, der keinen Posten mehr anstrebt. Der unabhängige Unternehmer außer Dienst, der sich nicht mehr politisch korrekt daherreden muss. Prompt heißt es, bei solchen Personen handele sich um nicht mehr ganz ernst zu nehmende Rentiers, die nicht auf der Höhe der Zeit seien. Dem Publikum sei empfohlen: Spätestens wenn dieses Argument gegen jemanden bemüht wird, sollte man ihm gut zuhören. Er könnte Recht haben.
Erschienen in der Basler-Zeitung vom 30.9.2011
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Kategorie(n): Inland Wirtschaft


