Burkhard Müller-Ullrich 29.02.2012 12:48 +Feedback
Rasen und Punkten
Für Ausländer gehört es zu den prägenden Deutschlanderlebnissen: Sie fahren auf der Autobahn und sehen im Rückspiegel einen dunklen Punkt. Wenn Sie einen Atemzug später wieder in den Spiegel schauen, sehen Sie hautnah die Frontpartie eines hektisch blinkenden Fahrzeugs, das sie von der linken Spur zu schieben droht. Manche schließen daraus fälschlich, die Deutschen hätten es generell eiliger. Dabei weiß jeder, daß die Deutschen ein eher langsames Volk sind, weltgeschichtlich stets etwas verspätet.
Bei der Autoraserei geht es folglich um etwas ganz Anderes. Der Autoverkehr ist ein schönes Beispiel für die Kultivierung urzeitlicher Triebe. Er dient bekanntlich nicht nur der Beförderung von A nach B, sondern auch dem Ausleben von etwas, das in uns sitzt, das uns besitzt, das stärker ist als wir – nämlich das Rasenmüssen. Der Drang zur Schnelligkeit, der Hang zur Hochgeschwindigkeit ist keineswegs ein Phänomen der Gegenwart und auch nicht der Moderne. Im Gegenteil: er ist in zerebralen Tiefenschichten unserer Evolution verankert, denn Schnelligkeit war einstmals eine Überlebensfrage. Fressen oder Gefressenwerden – das entschied sich früher durch die Leistungskraft der Beinmuskeln. Rasches Rennen stand in direkter Relation zum Speiseplan, und es gehört gewiß zu den großen zivilisatorischen Errungenschaften des Homo Sapiens, daß er im Lauf seiner Entwicklung diese direkte Relation abschaffte.
Aber den Kitzel der Geschwindigkeit – den hat er behalten: den Machtrausch des Kriegenkönnens. Nur wurden diese Jagdrituale von der freien Wildbahn auf die freie Autobahn verlegt. Und wenn der Jäger den Gejagten kriegt, dann fließt – meistens jedenfalls – kein rotes Blut mehr, sondern es genügt, die roten Rücklichter zu zeigen. Darin besteht die ultimative Erfüllung aller Autofahrersehnsüchte, der Höhepunkt auf linker Spur, der Verkehrs-Orgasmus. Man kann den Überholten gewissermaßen die roten Rücklichter rausstrecken.
Das Gefühl, das sich dann einstellt, den Machtrausch, der aus dem Tempo kommt, all dies kennen auch andere Völker. Und wenn sie es zuhause nicht erleben dürfen, dann kommen sie zu uns, um ihren inneren Schumi auszuleben, den Nervenkitzel aus dem Holozän. Geschwindigkeit wird als ein Wert an sich empfunden, da bleiben die Vernunftappelle zur Gemächlichkeit vollkommen nutzlos. Geschwindigkeit kommt aus schlechtem Gewissen, wie wir aus Büchners Woyzeck wissen. Geschwindigkeit kommt von der Angst. Angst wovor? Vor dem zu kurzen Leben. Deshalb will der Mensch schneller sein, mehr Kilometer in weniger Stunden zurücklegen, mehr Raum in die Zeit packen. Aus Angst vor dem Tod versucht er, ihm davonzufahren. Und fährt ihm doch bloß entgegen.
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Kategorie(n): Inland

