20.08.2008 09:40 +Feedback
Prager Frühling in Temeswar
Von Helmuth Frauendorfer
Ich war neun Jahre alt, als das Wort Krieg zum ersten Mal mit einer konkreten Bedeutung in meine Nähe rückte. Ein Umstand, der für den kleinen Jungen im rumänischen Banat plötzlich viel Freiheit und viel Geld bedeutete. Vor unserem Haus quakten die Frösche. Das war eine Plage. Der Wasserspiegel in der Gegend war sehr hoch, die Wände des Hauses immer feucht, aber das war es, was sich einfache Menschen in der Kreishauptstadt Temeswar leisten konnten, Deutsche, die vom Land hierher gezogen sind, um den Kindern einen Schulunterricht in deutscher Sprache zu ermöglichen. Damals zog man noch nicht so massenhaft in die Bundesrepublik. Denn damals war Rumänien ein noch nicht ganz so schlimmes Land und der seit 1965 neue Parteichef Nicolae Ceauşescu ließ die Menschen hoffen…
So kam es auch, daß die Menschen im Land in jenem Sommer 1968 nahezu geschlossen hinter dem späteren Diktator standen. Er galt als liberal. Man nahm es nicht so genau oder konnte nicht so genau durchblicken, daß eigentlich sein Vorgänger schon eine Entstalinisierung begonnen hatte. Wichtig war: Ceauşescu hat nein gesagt zu einer Beteiligung Rumäniens an der Niederschlagung des Prager Frühlings. Viel mehr noch: Er gestattete nicht – so der Mythos – daß die Sowjettruppen durch Rumänien Richtung Prag rollten. Deswegen gab es aber die Angst, daß diese Truppen gleich auch in Rumänien einmarschieren könnten. Und der junge Parteichef deutete an, sein Land verteidigen zu wollen. Das bedeutete Krieg. Und gegen Krieg wollte jeder gewappnet sein, niemand wollte im Krieg verhungern müssen. So kaufte man alles ein, was man in Zeiten der Not so brauchen konnte. Fleisch, Wurst, Schinken, Öl, Mehl, Zucker. Jedes Familienmitglied wurde aufs Einkaufen eingeschworen, auch das kleinste.
So durfte ich abends lange weg bleiben, denn manchmal stand man ja bis 22 Uhr in einer Schlange an bis man drankam und einen Liter Öl mit nach Hause brachte. Es gab nur noch Rationen. Taschengeld und ein Einkaufsbeutel gehörten in diesem Sommer zu meiner Grundausstattung. Und viel Freiheit, durch die Gegend zu ziehen. Gehört zu haben, in einem anderen Stadtteil wäre eine Lieferung Mehl angekommen, war schon Vorwand oder Grund genug, mir einen eigenständigen Ausflug in diesen anderen Stadtteil zu gestatten. Und wenn ich abends bepackt mit zwei Kilo Kalbfleisch den Pfützen ausweichend nach Hause in meine Froschgegend hüpfte, war man zufrieden mit mir. Und ich war mit der Welt zufrieden, denn ich hatte etwas erlebt. Nicht ahnend, daß es der Anfang einer grausamen Entwicklung war. Denn irgendwann 1971 besuchte Ceauşescu die Volksrepubliken China und Nordkorea und kam mit ganz tollen Plänen für eine eigene kleine Kulturrevolution zurück. Da nahm das tragische Schicksal einer absolutistischen Diktatur seinen Lauf.
Denn für allzu lange Zeit blieb in der westlichen politischen Welt nach diesem August 1968 ein Mißverständnis haften, daß nämlich Ceauşescu einen liberalen Kurs fahre. Im Schatten dieses Image festigte der rumänische Führer gnadenlos seine totalitäre Macht.
Gesendet am 20.8.2008 im SWR2 Journal
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Ausland

