Gastautor 08.01.2012 20:18 +Feedback
Prädikat “wertvoll” für die linke Kampfkapelle der 70er Jahre
“Ton, Steine, Scherben” und die SPD
Von Karsten Dustin Hoffmann
Am 14. Dezember 2011 – die meisten (Zeit-)Genossen konzentrierten sich bereits auf das Weihnachtsfest – stellte die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag eine Kleine Parlamentarische Anfrage zu einer Aufklärungsbroschüre über Linksextremismus, die der ansonsten eher unscheinbare Zeitbild-Verlag erstellt hatte. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hatte den Text mit ihrem Vorwort versehen und die Broschüre darin zur Verwendung im Unterricht empfohlen, da „linksextreme Positionen“ bisher zu wenig beachtet worden seien. Die SPD-Fraktion sah dies offensichtlich anders: Was ihre Gemüter dabei am meisten erhitzte, war die Frage, ob die Liedzeile „Keine Macht für niemand“ der Rio-Reiser-Band „Ton, Steine, Scherben“ als „Symbole und Sprüche des Linksextremismus“ genannt werden dürften. Die Zeitbild-Broschüre hatte die Worte neben diversen anderen aufgelistet, um Parolen aus dem linksextremen Spektrum als Diskussionsgrundlage für den Unterricht anzubieten. Zwar sind „Ton, Steine, Scherben“ in der Broschüre nicht mit einem Wort erwähnt und die Band hat den Spruch auch nicht erfunden. Aber dennoch wird er ihr im Allgemeinen zugeschrieben. Das hat die SPD-Fraktion richtig erkannt.
„Ton, Steine, Scherben“ werden heute kaum noch mit antidemokratischen Ideologien in Verbindung gebracht. Pop-Bands wie Freundeskreis oder WirSindHelden covern ihre Stücke. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat eine Sammlung von Protestsongs herausgebracht, auf der sich zwischen BAP, Nena und der Punkgruppe Slime („Deutschland muss sterben“) auch der eben genannte Titel wiederfindet.
Tatsächlich: Das Lied „Keine Macht für Niemand“ enthält keine Aufforderungen zu Gewalt. Unpolitisch ist es dagegen nicht – das lassen bereits die ersten Zeilen erkennen: „Ich bin nicht frei und kann nur wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.“ Von einem einzigen Songtext sollte jedoch nicht auf eine möglicherweise dahinter stehende ideologische Motivation geschlossen werden. Auch damit hat die SPD-Fraktion Recht.
Aber so einfach ist es nicht. „Keine Macht für Niemand“ ist eben nicht nur der Titel eines Liedes, er ist eine Parole, die im anarchistischen Spektrum häufig zitiert – oder skandiert – wird. Wie jedes Wort lässt sie sich unterschiedlich interpretieren. Aber es sollte niemanden überraschen, dass sie benutzt wird, um die Abschaffung des Grundgesetzes zu fordern. Und: „Keine Macht für Niemand“ ist nicht nur der Titel eines Liedes, sondern auch der eines ganzen Albums von „Ton, Steine Scherben“, das unter anderem den „Rauch-Haus-Song“ enthält. Darin spricht ein Vater mit seinem Sohn aus der Hausbesetzerszene und erklärt: „Wenn die das Rauch-Haus wirklich räumen, bin ich aber mit dabei und hau den ersten Bullen, die da auftauchen ihre Köppe ein.“ Ein fiktives Gespräch, das allerdings auf realen Begebenheiten beruht. Der militante linke „Stadtguerillero“ Georg von Rauch war im Dezember 1971 bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben gekommen. Die Reiser-Band und einige ihrer Fans hatten daraufhin ein Gebäude des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg besetzt und in „Georg-von-Rauch-Haus“ umbenannt. So heißt es – weiterhin von linksalternativen Gruppen verwaltet – noch heute.
Die Definitionen für Extremismus unterscheiden sich – auch unter Wissenschaftlern. Aber dass Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele eines der wichtigsten Kriterien darstellt, steht außer Frage. Darüber hinaus lassen „Ton, Steine, Scherben“ aber auch einen ideologischen Hintergrund nicht vermissen. In „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ – ebenfalls aus dem zitierten Album – heißt es: „Aus dem Weg, Kapitalisten, die letzte Schlacht gewinnen wir! Schmeißt die Knarre weg, Polizisten, die rote Front und die schwarze Front sind hier!“ Von den antikapitalistischen Pflichtübungen abgesehen, gilt das Wort „Front“ – sicher nicht als friedlicher Ausdruck. Er ist in Verbindung ihrer politischen Farbenlehre als Synonym für revolutionswillige Kommunisten und Anarchisten zu verstehen.
„Ton, Steine, Scherben“ empfanden sich als Gegner der parlamentarischen Demokratie und stellten demokratisch gewählte Volksvertreter, Presseorgane sowie die demokratisch kontrollierte Exekutive im Lied „Menschenjäger“ mit dem historischen Nationalsozialismus gleich: „[…] NPD, Faschisten, Sadisten, CIA. Neckermänner, Genscher, Springer, Krupp, alle Kriegsgewinnler“. Die Band verband dies mit einer Textzeile, die in Zeiten virulenten menschenverachtenden RAF-Terrors durchaus als Drohung verstanden werden konnte: „Neubauer, Ruhnau, Nixon, Hübner, Schreiber und wie sie alle heißen. Franz-Joseph, Rainer, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, seht die Zeiger auf der Uhr.“
Kunst darf (fast) alles. Das steht nicht zur Diskussion. Sie darf sogar kritisiert werden. Und dass die Gruppe „Ton, Steine, Scherben“ antidemokratische Texte verfasst hat, sollte auch jedem Sozialdemokraten einleuchten (selbst der Name der Band lädt zum Nachdenken ein). Die SPD darf jede Initiative der CDU/FDP-Bundesregierung kritisieren. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, nicht die Art der Broschüre ist der Aufreger, sondern die Tatsache, dass überhaupt eine Broschüre gegen Linksextremismus erstellt worden ist. Professoren wie Christoph Butterwegge und Wolfgang Wippermann versuchen bereits seit langem, eine Beschäftigung mit dem Thema zum Teil mit fadenscheinigen Begründungen („Linksextremismus gibt es gar nicht“) zu verhindern. Es verwundert nicht, dass DIE LINKE inzwischen auf den Zug aufgesprungen ist und am 21. Dezember eine eigene Kleine Anfrage zur Zeitbild-Broschüre gestellt hat. Für diese Partei ist Linksextremismus nämlich ebenfalls ein nicht-existierendes Phänomen.
Dass die Bundesfamilienministerin eine eventuell an einigen Stellen verbesserungswürdige Broschüre über Linksextremismus mit einem Vorwort unterstützt, eignet sich wahrlich nicht zu Skandalisierung. Die Frage ist eher, warum ausgerechnet die Bundeszentrale für Politische Bildung Musik-CDs mit linker Hassmusik verbreitet und warum sich die SPD-Bundestagsfraktion hinter eine linksextremistische Gruppe wie „Ton, Steine, Scherben“ stellt. Bye-Bye Junimond!
Der Autor (*1977) ist Extremismusforscher und promovierte 2011 mit einer Arbeit über das linksautonome Zentrum „Rote Flora“ in Hamburg.
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Kategorie(n): Kultur


