14.05.2008 12:52 +Feedback
Postmoderne antizionistische Agitation
Am 13. Mai kam im Morgenjournal der Ö1 „Nahostexperte“, der 63jährige
Lehrbeauftragte der Wiener Universität Dr. John Bunzl zu Wort. Es ging um
die bösen Amerikaner, die Israel wieder Waffen schenken. Doch gar so böse
waren sie nicht immer, denn - so Dr.Bunzl - das State Department hat sich
gegen die Gründung Israels ausgesprochen, weil sie doch voraussahen, dass
dies zu Kriegen führen würde. Was Dr. Bunzl nicht sagt: Das State Department
war von araberfreundlichen Experten beeinflusst und die Öl-Lobby hatte dort
einen entscheidenden Einfluss. Was Dr. Bunzl - die Zeit ist zu knapp -
ebenfalls nicht erwähnte: Im State Department glaubten einige tatsächlich,
ein entstehendes Israel würde kommunistisch und Flugzeugträger der
Sowjetunion werden. Das hat auch die arabische Propaganda damals
herausposaunt. Aber das sind Kleinigkeiten. Es kommt wie das Amen im Gebet,
dass doch die Palästinenser den Preis bezahlen mussten.
Das ist Determinismus, wie er bei Vulgärmarxisten zu finden ist, die daran
festhalten, dass ihr Glaube eine Wissenschaft sei und die Geschichte nur so
und nicht anders ablaufen kann.
In Wirklichkeit gab es seit 1937 viele, sehr viele Alternativen. Die
palästinensische Führung wählte immer die schlimmste, um dann zuerst die
Zionisten und Kommunisten, dann die Zionisten und Imperialisten zu
beschuldigen am Unglück schuldig zu sein. Sie stilisierten sich - im Kampf
um Sympathie - als die eigentlichen Opfer des Massenmordes an Juden auf, und
das ist auch was Dr. Bunzl damit suggeriert.
Schon 1937 schlug die Peel-Kommission eine Teilung des Landes vor, und zwar
in einen großen arabischen Staat und einen winzig kleinen jüdischen rund um
Tel Aviv. Doch sie lehnten ab, und was dann wirklich zur Katastrophe für ihr
Volk wurde, sie lehnten auch den Beschluss der UNO Generalversammlung vom
29. November 1947 kategorisch ab. Einig waren die arabischen Führungen, dass
die damals dort lebenden 600.000 Juden lediglich eine Religionsgemeinschaft
seien und kein Recht auf einen eigenen Staat hätten. Denn auf Grund von
Religion dürfen nur Muslime ein Land spalten und einen Staat gründen, wie
das fast gleichzeitig am indischen Subkontinent geschah, wo Pakistan
lediglich auf Grund von Religion entstand und es zu zehn Millionen
Flüchtlingen und einer Million Toten kam.
Doch das Ö1 Morgenjournalist war nur ein Vorspiel zu einer Sendung, die
knapp nach 9 Uhr in der Früh begann.
Den Israelbashern im Ö1 mangelt es an Phantasie. Sie lassen die Sendung mit
einem Spruch beginnen, der witzig sein soll: „Jude zu sein ist sehr komplex,
frage zehn Juden und du bekommst zehn Antworten.“ Würde man zehn Nichtjuden
fragen, würden da nicht auch zehn Antworten kommen?
Es folgt ein trivialer Bericht über die Jewish Agency und einige Zitate von
Theodor Herzl, dann kommt unvermeidlich der antizionistische Stehsatz vom
„Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.“
Antizionisten zitieren diesen Satz als eine perfekte Zusammenfassung des
grundlegenden Unrechts des Zionismus, unterstellt wird damit den frühen
Zionisten, sie glaubten, das Land wäre nicht bewohnt, ja sie leugneten -
und weisen noch immer zurück - die Existenz einer besonderen arabischen
Kultur in Palästina. Der Spruch dient aber auch als Beweis, die Zionisten
hätten schon bei Geburt ihrer Bewegung eine „ethnische Säuberung“ der
arabischen Einwohnerschaft geplant.
Das hat nichts mit wirklicher Geschichte zu tun. Denn nachweisbar haben die
Gründer der zionistischen Bewegung gewusst, es leben Araber im Land. Der
Spruch geht auch von der falschen Annahme aus, dass die Araber im Heiligen
Land vor mehr als 100 Jahren eine feste eigenständige nationale Identität
hatten, doch diese entstand erst als Reaktion auf die jüdische
Einwanderung. Diana Muir hat in einem gründlichen Artikel u.a.
nachgewiesen, die frühen Zionisten haben diesen Satz selten benützt und der
amerikanisch-ägyptische Literaturwissenschaftler Edward Said irrte sich, als
er behauptete, der jüdische Schriftsteller Israel Zangwill hätte diesen Satz
geprägt. Es waren christliche Schriftsteller, die dies taten. [1]
Dann nach Lob für die „Neuen Historiker“ und Ö1 lässt gleich drei
israelische Postzionisten zu Wort kommen. Oren Yiftachel, der an der Ben
Gurion Universität in Beer Schewa Geographie lehrt, der von einer Siedler
Ethnokratie in Israel phantasiert, was natürlich von Ö1 mit „Blut und Boden“
in Verbindung gebracht wird. Israel hätte eine demokratische Fassade, wozu
wahrscheinlich gehört, dass ein akademischer Lehrer, der den Staat
abschaffen will, von dem er Gehalt bezieht, seinen Unsinn von der
„Homogenisierung des Landes“ verzapfen kann. Immerhin wurde in Israel nie
der Versuch unternommen, die arabische Minderheit ihrer Sprache und ihrer
Kultur zu berauben. Fakt ist auch: Die Araber Israels müssen nicht um
zweisprachige Ortstafeln kämpfen wie die Slowenen in Österreich. Aber
Yiftachel hat sich auch in Australien aufgehalten und weiß: Beide Länder
sind Siedler Ethnokratien und benützen die Demokratie nur als Fassade für
die schreckliche Wirklichkeit. Das ist wahrscheinlich der Grund weshalb so
viele Muslime in beide Länder einwandern möchten. Typisch für die
israelische „Ethnokratie“ ist die Tatsache, im israelischen Parlament gibt
es arabische Parteien und Arafats ehemaliger Berater Dr. Ahmed Tibi ist
sogar stellvertretender Vorsitzender dieses Parlaments. Alles zionistische
Augenauswischerei!
Yiftachel wurde erst international bekannt als er mit seiner eigenen Medizin
behandelt wurde. Er befürwortet nämlich den Boykott der akademischen
Institutionen Israels. Als er vor einigen Jahren einen mit einem arabischen
Akademiker gemeinsam geschriebenen Artikel an eine linke britische
Zeitschrift sandte, lehnte diese die Veröffentlichung ab, weil sie aus
Israel kam. Als ihr aber erklärt wurde, dass doch Yiftachel ein „guter Jude“
sei, befürworte er doch die Abschaffung Israels, wurde der Artikel
veröffentlicht. Auch Ö1 bevorzugt solche „gute Juden“.
Ein anderer aus diesem Kreis, ist der sich selbst als linksextrem
bezeichnende Anthropologe Jeff Halper, der ein von der EU finanziertes
Komitee gegen die Demolierung von Häusern betreibt.[2]
Doch das war alles nur Vorspiel zu den Aussagen des Lehrbeauftragten der Ben
Gurion Universität in Beer-Schewa Amnon Raz-Krakotzkin. (ARK)
„Der jüdische Staat ist ein gefährliches Konzept. Ein jüdischer Staat wird
nicht funktionieren, kann nicht funktionieren. Nicht nur wegen der
Palästinenser, sondern weil er auf messianisches Gedankengut aufbaut. Die
öffentliche Debatte neigt dazu Israel in zwei Lager einzuteilen, in ein
linkes säkulares, das mit dem Friedensprozess assoziiert wird und in
religiös-orthodoxe Gruppen, die als vormodern und messianisch gelten und
jedem Kompromiss mit den Palästinensern verwehren. Das ist ein Trugschluss,
denn der säkulare Zionismus selbst begründet sich auf einer messianischen
Idee, auf der Idee von der langersehnten Rückkehr in die biblische Heimat,
das ist ein religiöser Mythos, kein säkularer. Der Nationalismus in Israel
markiert also nicht wie in Europa die Abkehr von Religion zugunsten einer
nationalen Identität, sondern auf der Interpretation religiöser
Vorstellungen. Die bedrohliche Seite des Zionismus verkörpern daher nicht
die religiös-orthodoxen Siedler. Die Siedler sind die logische Konsequenz
des säkularen Zionismus, der besagt, Gott existiert nicht, aber er hat uns
das Land versprochen.“
Ein linker Professor an der Universität New York führte ein bahnbrechendes
Experiment durch, er sandte einen vollkommen widersinnigen Artikel mit
Phrasen und in einer fast unverständlichen Sprache, wie sie linke
Theoretiker oft verwenden, an eine linke Zeitschrift, die diesen auch als
Sonderausgabe veröffentlichte, eines der Sätze war „Realität ist eine
bürgerliche Illusion“.[3] Dieser Ansicht hängt anscheinend auch ARK an. Der
Staat Israel kann nicht funktionieren behauptet er, und da ja die Realität
nicht seiner „Narrative“ entspricht, wird dies auch vom Ö1 ausgestrahlt.
Der Staat existiert zwar schon 60 Jahre und heute leben 41% aller Juden
dort, aber die leiden anscheinend unter einem falschen Bewusstsein, anstatt
auf die reine Lehre von ARK, die besagt, das „Sein wird vom Bewusstsein
bestimmt“, zu hören, sind die Juden irgendwelchen religiösen Mythen gefolgt.
In Osteuropa lebten Juden bis die deutsch-österreichische Volksgemeinschaft
ihre „Endlösung der Judenfrage“ betrieb in dichten Siedlungsgebieten und die
Mehrheit hielt an der Religion ihrer Väter fest. Es ist zwar angeblich ein
„Mythos“, aber Juden beten in die Richtung Jerusalem (sowie die Muslime in
Richtung Mekka) und die Gebete beinhalten zionistische Ideologie. Das
berufen auf die Bibel war zwar ein Argument der Zionisten, aber es gab ein
viel wichtigeres, die Tatsache, dass gerade dort, wo sich die Juden
assimilierten, in Frankreich, in Deutschland und in Österreich am Ende des
19. Jahrhundert die Antisemiten einen enormen Einfluss auf diese Länder
erhielten.
Es ist wirklich schlimm, entgegen den abstrusen Theorien von ARK gibt es
eine blühende israelische Kultur, eine erfolgreiche Wirtschaft und die vom
Mythos besessene Juden haben sich auch selbst verteidigt. Anscheinend teilt
ARK die Meinung gewisser ultra-orthodoxer Sekten, Gott hätte den Juden
verboten einen eigenen Staat zu gründen.
Raz-Krakotzkins Behauptung „in Europa hätte es eine „Abkehr von Religion
zugunsten einer nationalen Identität“ gegeben ist purer Unsinn, denn die
nationale Identität der Griechen, Bulgaren, Serben und auch Iren wurde durch
Religion bestimmt.
Dann aber folgt das non plus ultra der Israel Basher, was sich so anhört:
„Hanna Arendt [3] warnte bereits in den 1940er Jahren vor der Vision eines
jüdischen Nationalstaats. Emigration war in ihren Augen die falsche Antwort
auf den europäischen Antisemitismus. Sie plädierte für Konfrontation und
nicht Flucht in nationalistische Visionen.“
Auch wenn Hanna Arendt tatsächlich etwas ähnliches sagte, wäre es schon
wichtig gewesen, nicht unbestimmt zu bleiben und das Jahr zu sagen, wann sie
das sagte.
Nehmen wir an, es war in der ersten Hälfte der vierziger Jahre. Meinte also
Arendt, sie selbst hätte ein Fehler begangen, als sie nicht die direkte
Konfrontation mit der deutsch-österreichischen Volksgemeinschaft wagte und
zuerst nach Frankreich, dann in die USA flüchtete? Wenn sie das aber nach
der Befreiung Europas durch die Alliierten sagte, meinte sie dann
tatsächlich, die Überlebenden sollten dorthin zurückzukehren, wo man sie
ausgrenzte, um sie dann zu ermorden, wo es noch nach 1945 Pogrome gab, wohin
wie zum Beispiel nach Österreich man sie nicht zurückrief, wo Regierung und
Gesellschaft - mit sehr wenigen Ausnahmen - sich gegen eine solche Rückkehr
sträubte?
Kann man heute noch implizit behaupten, Juden wären selbst schuld am
Holocaust, denn sie hätten sich nicht gegen den Antisemitismus gestellt?
Welcher abgrundtiefer Zynismus treibt die Macher solch einer Sendung,
solches kommentarlos auszustrahlen?
Ist es nicht der geheime Wunsch, die Phantasie, den Traum der Groß- und
Urgroßeltern endlich verwirklicht zu sehen, dass Juden - soweit sie die
angestrebte Rückkehr derjenigen überleben, die man obwohl in dritter und
vierter Generation außerhalb Israels geboren - palästinensische Flüchtlinge
nennt - wieder schutzlose Objekte werden, die als Subjekte auf Toleranz
angewiesen sind, um als Dhimmis zu überleben?
1)"A Land without a People for a People without a Land”, by Diana Muir
Middle East QuarterlySpring 2008, pp. 55-62
2) http://www.camera.org/index.asp?x_context=8&x_nameinnews=94
3) Aktueller postmoderner Unfug:
4) Hannah Arendt, Philosophin geboren 1906 in Hannover, gestorben 1975 in
New York, flüchtete 1933 nach Paris und 1941 in die USA wo sie 1951 die
Staatsbürgerschaft annahm.
PS Postzionistische Agitation im österreichischen Radio
Am 14. Mai setzte Ö1 die postzionistische Agitation fort. Es ist nicht der
Mühe wert, die Halbwahrheiten und ganzen Unwahrheiten hier zu widerlegen.
Nur ein Detail, wenn es um eine Stellungnahme gegen den Staat Israel und den
Zionismus geht, da begnügt man sich nicht mit israelischen “Postzionisten”,
am 14. Mai ließ man auch die britische Akademikerin Jacqueline Rose zu Wort
kommen, deren Begeisterung für Edward Said in umgekehrter Relation steht zu
ihren Kenntnissen der Geschichte des Zionismus.
Ihr Buch The Question of Zion (2005) - das Said gewidmet ist - möchte sie
nicht weniger erreichen als das Judentum vom Fluch des Nationalismus und
Messianismus zu befreien. Es ist die alte Neture Charta Mantra: Juden haben
kein Recht auf einen Staat.
Kann das Judentum gerettet werden? Ja, meint Rose durch gründliche Abweisung
des Zionismus. Der Zionismus ist ihrer Meinung nach verantwortlich für die
Mobilisierung von zwei Kräften, den unbewussten Messianismus und die
Psychopathologie der Schoa.
Rose unterrichtet Englisch an der Universität London und sie liebt
Konfrontationen. In einem Artikel, den sie drei Tage nachdem ein
palästinensischer Selbstmordattentäter auf einem offenen Markt in Tel Aviv
2004 drei Menschen getötet und 32 verletzt hat publizierte urgierte Rose die
Selbstmordattentäter „ohne Herablassung“ zu verstehen. Sie bezog sich auf
unbearable intimacy shared in their final moments by the suicide bomber and
her or his victims. Suicide bombing is an act of passionate
identification--you take the enemy with you in a deadly embrace. As Israel
becomes a fortress state and the Palestinians are shut into their enclaves,
and there is less and less possibility of contact between the two sides,
suicide bombing might be the closest they can get.
Sie propagiert nicht nur solche esoterische Gedanken, sondern möchte
beweisen, dass Zionismus und Nazismus das gleiche sind, daher war es „laut
einer Geschichte“ so Rose „das gleiche Konzert von Wagner in Paris, das
Herzl zum Schreiben von Der Judenstaat und Hitler zum Schreiben von Mein
Kampf inspirierte.“
Nun war Hitler 1940 zum ersten und letzten Mal in Paris, aber was soll das.
Realität ist eine bürgerliche Illusion. Wichtig ist nur die richtige Theorie
und vor allem die richtige Narrative und die bekommen die Hörer von Ö1 aus
Anlass des 60. Jahrestages Israel reichlich verabreicht.
Niemand erwartet einen uneingeschränkten Lobgesang auf Israel, doch diese
penetrante Berieselung mit postmoderner antizionistischer Agitation ist doch
übertrieben.
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Kategorie(n): Ausland

