Maxeiner und Miersch 09.06.2012 22:48 +Feedback
Postintelligente Maschinen
Egal ob der Mensch mit seiner Bank, dem Energieversorger oder einer Versicherung etwas besprechen will: Den persönlichen Sachbearbeiter gibt es nicht mehr, statt dessen kommuniziert er mit einem fernen Callcenter, vorausgesetzt seine Geduld erlahmte nicht schon in der Warteschleife. Daran sind wir inzwischen alle gewöhnt worden, unter 20 Jährige haben gar nie etwas anderes kennengelernt. Die verschärfte Version, die mittlerweile schon wieder so manches Callcenter überflüssig macht ist die Kommunikation mit Maschinen. Besonders die Internet-Multis wie Apple, Google, Amazon, Facebook, Wikipedia oder Youtube überlassen ihre Kommunikation weitgehend Rechnern und ihren Algorithmen. Das funktioniert prima, solange man nicht antworten will oder eine Rückfrage hat. Da verstehen die meisten Maschinen nämlich nur Bahnhof. In den Erzählungen von Franz Kafka gibt es oft ein verborgenes Gesetz, gegen das der jeweilige Protagonist unwillentlich verstößt. Ihm nicht ersichtliche Codes bestimmen die Abläufe, denen er hilfs- und machtlos ausgeliefert ist. Im Internet passiert gerade Kafka 2.0.
Als Autoren, die auch im Internet publizieren, machen wir mit der Kommunikations-Kompetenz von Maschinen derzeit immer neue Erfahrungen. Etwa, wenn so ein Elektronengehirn einen Verstoß gegen irgendwelche Vorschriften vermutet, die nur ihm bekannt sind. Ein penibler Beamter ist gegenüber diesen anonymen Kontroll-Instanzen eine Ausgeburt an Flexibilität und Transparenz. Sehr nett sind auch die von Maschinen ausgewählten Anzeigen, die von den Google-Rechnern neben Texten platziert werden. Bei einer Kolumne etwa, die sich kritisch mit Zwangsheiraten auseinandersetzt, versteht der Computer nur „Islam“, „Frau“, „Heiraten“. Folgerichtig stellt er dann automatisch Anzeigen von Herstellern islamischer Brautmode oder von Kopftüchern neben die Texte, was darauf hindeutet, dass Maschinen zwar nix verstehen, womöglich aber subtilen Humor besitzen. Die Computer des amerikanischen Department for Homeland Security verstehen allerdings garantiert keinen Spaß. Was uns Sorge bereitet, weil wir viel über Umwelt und Klima schreiben. Worte wie beispielsweise „Hurrikan“, „Tornado“, „Erdbeben“, „Flut“, „Tsunami“, „Blizzard“ oder „Extremwetter“ lösen dort den Verdacht auf konspirative, terroristische Mitteilungen und in der Folge die Beobachtung entsprechender Online-Kommunikation aus.
Erschienen in DIE WELT am 08.06.2012

