Hannes Stein 19.05.2009 03:38 +Feedback
Politically Correct
In der lockeren Serie „Freunde Israels, die uns gestohlen bleiben können“ richte ich heute mein Augenmerk mal nicht auf die radikale Linke, sondern scharf nach rechts.
Mir ist aufgefallen: Im Internet tummeln sich allerhand Angehörige einer Sekte, die sich selbst für Konservative halten (was immer das heißen mag, siehe hier). Wie jede Sekte hat auch diese einen Guru: einen gewissen Hans-Peter Raddatz, über den Martin Riexinger schon vor Jahren in der WELT das Nötige gesagt hat.
Jene rechtsradikale Internet-Sekte zeichnet sich durch folgende fünf Merkmale aus:
1. Extreme Islamfeindlichkeit. Muslime sind allesamt böse und durchtrieben, auch, nein: gerade die Moderaten unter ihnen. Der Bannstrahl trifft aber vor allem jene Liberalen, die sich mit Muslimen einlassen. Wer einen Muslim nett oder auch nur nicht ganz so schlimm findet, der muss ein Idiot sein. Oder ein „Dhimmi“, ein Kollaborateur, der davon träumt, sich im künftigen Kalifat ein kuscheliges Plätzchen zu ergattern.
Muslime sind nach dieser Auffassung so etwas wie grunzende Orks, die im Auftrag des finsteren Mordor in das idyllische Mittelerde einfallen, um es zu verwüsten. Man fragt sich ernsthaft, warum diese Kritiker des Islam 2003 nicht Saddam Hussein gegen die Amerikaner unterstützt haben – schließlich hat Saddam doch, weiß Gott, das Seine zur Dezimierung jener Orks beigetragen. Doch dies nur nebenbei.
2. Extreme Schwulenfeindlichkeit. Schwule gelten als ekelhaft und widernatürlich, außerdem haben sie sich beim Fummeln in ihren Darkrooms miteinander verschworen, um die Moral des Abendlandes zu untergraben. Sie sind also quasi Verbündete der islamischen Orks—die das nur noch nicht kapiert zu haben scheinen, da sie ja ihrerseits Schwule auch nicht besonders leiden können.
3. Christlicher Fundamentalismus. Jede noch so leise Kritik am amtierenden Papst, an Robert Spaemann, an konservativen kirchlichen Würdenträgern treibt diesen Leuten sofort flockigen Schaum vor den Mund. Johannes Paul II. hingegen darf munter drauflos kritisiert werden. Warum? Er gilt in dieser Szene als Agent der islamisch-schwul-freimaurerischen Weltverschwörung, weil er mal öffentlich einen Koran geküsst hat.
4. Hass auf Obama. Hier handelt es sich um das exakte Spiegelbild von jenem blindwütigen Hass, mit dem die Linke bis grade gestern auf George W. Bush angesprungen ist: Der neue Präsident gilt als Verräter, als Kryptomuslim (mindestens!), außerdem ist er schwarz, nein, noch schlimmer: Er hat nur vorgegeben, schwarz zu sein, um die Wahl zu gewinnen. Dieses ironisch gemeinte Titelblatt des „New Yorker“ gilt Angehörigen der antimuslimischen Sekte als Abbild einer Wahrheit, die nur europäische „Dhimmis“ nicht wahrhaben wollen.
5. Unbedingte Solidarität mit dem Staat Israel. Die Solidarität gilt allerdings nicht konkreten Israelis – im Zweifel eher säkularen Juden, die am Strand Matkot spielen –, sie gilt dem heroischen Idealbild des jüdischen Staates als einer belagerten Festung vor den Toren Europas.
Das Grundproblem bei diesen Leuten ist, dass sie nicht von Liebe (Liebe zum Westen, zur Freiheit, zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, zum deutschen Grundgesetz, zum Lincoln-Memorial in Washington, zu Moses, zu Jesus, zur Strandpromenade von Tel Aviv, zu Chummus in der Altstadt von Jerusalem, zu jenem kunterbunten Durcheinander von Meinungen und Traditionen, das Amerika heißt) angetrieben werden, sondern vom Hass. Nicht von der Wut, wohlgemerkt – die kann ja, wie bei Oriana Fallaci, ihren eigenen Charme entfalten (hier ein schöner islamophober Text von Alan Posener). Nein, was einem auf diesen Internetseiten entgegenschlägt, das ist schwarzer, zeternder Hass. Ich habe übrigens den Verdacht, dass auch das Bekenntnis solcher Leute (nee, keine Namen) zum Christentum nicht echt ist. Die christliche Religion ist hier nur insofern gut, d.h. nützlich, als sie das Abendland mit den notwendigen Werten versorgt.
Ist diese rechtsradikale Sekte wichtig? Einerseits: nein. Ich fresse einen Mullah samt Minarett und den ganzen Petersdom dazu, wenn mehr als hundert Leute in Deutschland so ticken. Andererseits: nun ja. Die Webseite „Politically Incorrect“ etwa – bei deren Lektüre man sich gelegentlich wünscht, für einen Blog zu schreiben, der „Politically Correct“ hieße – gehört zu den beliebtesten deutschen Internetadressen.
Ich sehe die Gefahr, dass Europa sich über kurz oder lang in eine verregnete Variante des Libanon der Achtzigerjahre verwandelt: dass radikale Muslime und Verteidiger des Abendlandes also anfangen, aufeinander zu schießen, während der liberale Rechtsstaat höflich in sich zusammenbricht. Die Ideologen der europäischen Kata´ib stünden für den Ernstfall schon mal mit flotten Sprüchen bereit. Vorläufig handelt es sich freilich um weitere Vertreter der Gattung „Kohlhäschen“, über die Maxeiner und Miersch neulich geschrieben haben.
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