Dr. Benny Peiser 20.08.2007 15:08 +Feedback
Plus ca change, plus c’est la meme chose
Der Briefwechsel zwischen den beiden in London weilenden D-Engländern Detlev Schlichter und Oliver Marc Hartwich über Leben und Denken im Vereinigten Königreich - im Vergleich zu Deutschland, also über individuellen Pessimismus vs Optimismus (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/nie_wieder_deutschland1/) - erinnerte mich an einen kleinen Aufsatz, den ich vor 20 Jahren in einem publizistischen Vorläufer von Achgut, dem Pflasterstrand, geschrieben habe. Gestern fand ich ihn den Artikel auf dem Dachboden unseres Hauses, unter meinen Frankfurter Unterlagen. Plus ca change, plus c’est la meme chose.
IST HENRYK BRODER EIN RASSIST?
Pflasterstrand 17 Oktober 1987
Von Benny Peiser
Wenn eine deutschsprachige Zeitschrift im Jahre 1987 Henryk Broder dafür angreift, er habe nicht nur mit Deutschen abgerechnet, sondern er halte alle Menschen (außer Juden) für Antisemiten; wenn Broder vorgehalten wird, er bediene sich biologistischer Kategorien, um eine offenbar rassistische Antisemitismustheorie zu inaugurieren; wenn ihm unterstellt wird, er setze heutige antijüdische Bemerkungen mit Auschwitz gleich, und wenn ihm zuletzt vorgeworfen wird, er beschwöre ein »Vor-Vemichtungsszenario« herauf, dann vermutet der interessierte Leser wohl zunächst den wuchtigen Racheakt eines berühmten Broder-Opfers. Wenn hingegen solcherlei Vorwürfe der Zeitschrift »Babylon« entstammen, jener jungen deutsch-jüdischen Publikation, die es sich Aufgabe gemacht hat, durch den intellektuellen Diskurs aufklärerisch auf die bundesdeutsche Antisemitismusdiskussion einzuwirken, muß man nach dem Warum einer solch unlauteren Attacke fragen.
In Heft 2 von »Babylon« findet sich auf den letzten Seiten eine Rezension von Susann Heenen-Wolff über Broders 1986 erschienenes Buch »Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls«. Susann Heenen-Wolff, Mitbegründerin der Frankfurter Jüdischen Gruppe, ist Psychologin und Mitherausgeberin von »Babylon«. Sie behauptet zu Anfang ihrer Rezension, Broder porträtiere den »ewigen Antisemiten« mit »der Biologie entlehnten Bildern« und bezichtigt ihn schon im Titel ihres Artikels, »Judenhaß als biologische Konstante« festschreiben zu wollen. An anderer Stelle schreibt sie: »Er spricht vom Antisemitismus als einer ‘anthropologischen Konstante’, wenn gleich er immerhin feststellt, daß es wohl keine ‘antisemitischen Gene’ gebe. Aber: ‘Auch Besitzstreben, Neid und Eifersucht gehören zur sozialen Natur des Menschen, ohne daß sie genetisch definiert wären.’ Mit dieser Sicht der Dinge kann es keinen von Antisemitismus freien Menschen geben - außer Juden selbst.«
Ist Broder also wirklich ein verkappter Rassist, wie Susann den Eindruck zu vermitteln sucht, der bei der Beurteilung von Antisermtismus eher Stammbäume zu untersuchen pflegt als kulturelle, soziale und politische Determinanten? Was bewog sie dazu, Broders zentrale Gedanken entstellt und ins Gegenteil verkehrt wiederzugeben? Denn tatsâchlich spricht Broder in Anlehnung an zwei jüdische Wissenschaftler von einer »anthropologischen Konstante«, aber gerade nicht in dem Sinne eines ihm unterstellten Biologismus: »Der Antisemitismus ist eine anthropologische Konstante der abendländischen Kultur und Zivilisation, ein integraler Teil der historischen Erbmasse«, eine These im übrigen, die lange vor Broder von Dan Diner vertreten wurde. »Gerade wenn man unter ‘Vererbung’ nicht einen biologischen Mechanismus versteht, sondern die Pflege und Weitergabe gemeinschaftlicher Haltungen, kann man von einem ‘antisemitischen Erbe’ sprechen, ist der Begriff ‘anthropologische Konstante’ genau und richtig.« (S. 216/ 217). Warum aber wird Broder genau das Gegenteil dessen, was er sagt, untergeschoben?
Susann Heenen behauptet allen Ernstes, »bei Broder (werden) alle Menschen, vor allem Linke, zu Antisemiten«. Warum diese Feindseligkeit, woher die blinde Angriffslust, wieso diese, für jeden ersichtlich falschen Unterstellungen, gegen einen Juden, der in seinem Buch von Menschen spricht, die »sich vom ‘antisemitischen Erbe’ befreien, indem sie es erst mal als existent anerkennen«.
Broders Buch ist zugegebenermaßen zutiefst pessimistisch und zeichnet ein erschreckendes Bild international anwachsender Judenfeindschaft. Daß er nicht jahrelang Beispiele »zu horten« brauchte, um »findig« zu werden, beweisen die täglichen Nachrichten - von Wien, über Vatikanstadt, bis nach Washington, von Brücks Eiertanz um den Börneplatz ganz abgesehen.
Ein Hauptkritikpunkt lautet, Broder lege den Schluß nahe, »es gebe eigentlich keine prinzipiellen Unterschiede’ zwischen 1933 und heute«, und er stelle anti-jüdische Bekundungen von heute mit Auschwitz gleich. Ein schlimmer Ausrutscher, daB Susann ihm vorwirft: »Er beschwört ein Vor-Vernichtungsszenario herauf«. Susann hat wohl sagen wollen, Broder male die Lage der Juden zu schwarz, aber so impliziert ihr Satz ebenso, daß er ein solches »Szenario« herbeireden wolle.
Einmal abgesehen davon, daß Broder diese Vorwürfe zurecht als unhaltbar zurückweisen wUrde, scheint hier doch der eigentliche Kern der Auseinandersetzung zu liegen, der vielleicht auch die Heftigkeit des Ausbruchs und die Unsachlichkeit der Argumentation zu erklaren vermag. Die seit langem unterschwellig erkennbaren Animositaten jüdischer Intellektueller gegen Broder rühren her von seinem zutiefst pessimistischen Geschichtsbild bei gleichzeitiger Verhohnepiepelung und Infragestellung aufklärerischer Wissenschaftstraditionen. Erschwerend kommt noch sein Weggang aus dem Land der Henker hinzu, der allen »Zuhausegebliebenen« das unbewußte Gefühl von Inkonsequenz, Scham oder gar Verrat beschert.
Broder ist kein Wissenschaftler, sondern einer unserer besten jüdischen Seismographen, der auch noch die kleinsten Erschütterungen und Unregelmäßigkeiten registriert. Derzeit schlägt der Zeiger auf der Skala wieder einmal verstärkt aus; mag sein, daß uns in den nachsten Jahren und Jahrzehnten kein erneutes Erdbeben überrascht - wer aber hat die Chutzpe, kommende Katastrophen auszuschließen und dem Seismographen die Schuld für eigene Angste zuzuweisen?
Natülich wird Broder auf Dauer auch langweilig, und selbstverständlich geht er uns schon mal auf die Nerven mit seinen ständigen Klagen über unaufhörlich scheinende Mißstände (obgleich wir ja alle immer wieder gespannt auf neue Artikel warten). Wer ertappt sich nicht das eine oder andere Mal beim Wunsch nach Normalität - gerade auch in diesem Land? Daher wohl auch die Vehemenz der Polemik gegen Broder. Die Entscheidung seines Weggangs, der ja verknüpft war mit einem publizistischen Verbleiben, muß von ihm stets und aufs Neue legitimiert werden durch die drastische Veranschaulichung deutscher Verhältnisse. Wer hingegen in deutschen Landen sitzen blieb, bemüht sich seither, diese Verhaltnisse für sich und andere so düster auch wieder nicht erscheinen zu lassen - oder zumindest auf »prinzipielle Unterschiede« zu pochen, die den heutigen Antisemitismus von dem der 30er Jahre trennt.
Was aber nutzt uns die Gewißheit, der Judenhaß nach Auschwitz unterscheide sich prinzipiell von dem davor?
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