David Harnasch 19.05.2012 11:52 +Feedback
Piraten, Urheberrechte und die totale Überwachung
Ich mag falsch liegen und mein Gedanke schon hundertmal abgehandelt sein. Dann freue ich mich über Links per Leserbrief.
Mir scheint, dass das grundlegende technisch-philosophische Problem der Urheberrechtsfrage selten diskutiert wird: Wenn alle Kommunikation übers Internet stattfindet (also jetzt), bedeutet der effektive Schutz von Urheberrechten zwangsläufig die totale Überwachung aller Menschen zu jeder Zeit.
Wer einen neuen Internetanschluss, womöglich mit breitbandigem Pay-TV (aus Urhebersicht sehr löblich) bestellt, der telefoniert anschließend im “Festnetz” eben nicht in einem festen Netz, sonder automatisch über “Voice over IP”, also über ein Datenübertragungsprotokoll übers Internet. Die Technik ist die gleiche wie bei Skype, über das Millionen Menschen gratis Kontakt zu ihren Lieben in fernen Ländern halten. Kaum jemand würde wollen, dass diese privaten Gespräche überwacht, protokolliert und sanktioniert werden.
Genau das ist aber notwendig, um Urheberrechte im Netz effektiv zu wahren. Und es würde furchtbar schiefgehen. Denn wo Algorithmen zur Überwachung eingesetzt werden, bauen sie notwendigerweise Mist, und nicht mal die Stasi hatte genug Manpower, um alle Kommunikation durch Menschen überwachen zu lassen.
Ein Beispiel: Ich habe vor einigen Jahren aus privatem Spaß an der Freude Fernsehkritiken gedreht und auf youtube (Google) veröffentlicht. (Und schlauerweise auf Blib, weswegen hier noch einige davon zu sehen sind.) Da ich Fernsehsendungen kritisiere, zeige ich exemplarische Ausschnitte. Diese Praxis ist absolut hundertprozentig konform mit deutschem Urheberrecht, sie fällt unter das Zitatrecht. Wenn ein Urheber seine Rechte bei youtube verletzt sieht, bekommt der vermeintlich verletzende das mitgeteilt. Er kann dann theoretisch widersprechen. Praktisch lief das bei mir so: Algorithmen von Musik- und TV-Rechteinhabern durchsuchen den Bestand von youtube auf “Treffer”, also erkennbare Muster. Ob die Inhalte dem Zitatrecht gemäß eingesetzt werden, erfassen sie naturgemäß nicht. Ich bekam also drei “Abmahnungen”, denen ich jeweils unter Bezug aufs Zitatrecht widersprach. Das wurde ignoriert und seitdem ist youtube für mich gesperrt. Das ist ärgerlicher als man denkt, da auch Android-Smartphones nur dann komplett nutzbar sind, wenn man über ein google-Konto verfügt - was ich tue, was aber eben mit youtube verknüpft ist. Ich kann also - ohne JEDE rechtliche Grundlage - auf meinem Telefon viele Videos nicht ansehen. Ich habe inzwischen sicher zehn Mal bei Google um Entsperrung gebeten (ebenfalls ein Formular, dessen Eintragungen niemals ein Mensch zu Gesicht bekommt), erfolglos.
Nun sind Inhalte bei youtube per definition zur Veröffentlichung bestimmt, Inhalte privater Mails, Telefonate und Videochats hingegen nicht. Das Problem: Es ist technisch kein Unterschied, ob ich mit jemandem telefoniere und im Hintergrund ein urheberrechtlich geschütztes Musikstück läuft, oder ob ich es ihm direkt übermittle. Das selbe Protokoll über den selben Weg kann für beides genutzt werden. Woher soll eine Software wissen, ob ich mein Gesicht in die Webcam halte und meinen Kindern ein Gutenachtlied singe, oder ob Avril Lavigne in einem Musikvideo singt? Im einen Fall wäre es mir doch sehr recht, wenn diese Unterhaltung privat bliebe, im zweiten Fall hat das Label von Avril Lavigne ein massives Interesse, das zu unterbinden. “Megaupload” und “kino.to” waren dabei technisch vergleichbar mit youtube, ein torrent-Download hingegen ist de facto eine private Kommunikation zwischen zwei Computern. Entweder ein dummer Algorithmus überwacht meine privaten Gutenachtlieder, weshalb mir (wahrscheinlich zu unrecht) der Telefonanschluss gesperrt wird, oder Avril Lavinge geht leer aus. Das ist der Stand der Technik.
Die Antwort der Piraten - “So isses und damit müssen sich die Urheber abfinden” - ist zweifelsfrei nicht befriedigend, zumal sie jede konkrete Alternative, die ein wirtschaftliches Überleben der Urheber ermöglichen würde, vermissen lassen. Ich habe auch keine schlaue Idee. Deshalb freue ich mich über Zuschriften: Wie können Urheberrechte im Internet gewahrt bleiben, ohne, dass eine Big-Brother-Software alle privaten Unterhaltungen verfolgt und zwangsläufig fürchterliche Kollateralschäden verursacht?
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Kategorie(n): Inland Wissen Wirtschaft

