Dr. Alexander Gutzmer 03.10.2009 20:18 +Feedback
Pappe statt Pathos
Unglaublich – unser Land scheint die Lust am Großreflektieren seiner selbst verloren zu haben. Ein Feuerwerk der selbstfeiernden Ansprachen hatte ich für heute befürchtet. Das kam aber nicht; der große Einheitsfeierterror blieb uns erspart. Angela Merkel forderte das Land zu „produktiver Unruhe“ auf – ein bemerkenswert unpathetischer Claim, angenehmer und auch interessanter als das Geraune früherer Jahre. Spiegel Online feiert 30 Jahre Titanic prominenter als 20 Jahre Mauerfall. Wir sind offenbar der großen Worte überdrüssig.
Vielleicht kommt mir das aber auch so vor, weil ich den Tag mit einem Künstler befasst habe, der das Konzept des Nationalpathos komplett unterminiert: Thomas Demand. Der befasst sich in der Ausstellung „Nationalgalerie“ zwar auch mit Deutschland. Aber die große nationale Geste geben seine Stillleben von Wohnzimmern oder Büroräumen der Lächerlichkeit preis.
Dabei geht Demand durchaus an Orte deutscher Historie. Doch es sind oft Unorte der Geschichte wie Barschels letztes Badezimmer in Genf. Demand sucht Kontra-Locations, die sich unfreiwillig im kollektiven Gedächtnis festbeißen. Diese baut er aus Pappe nach, leuchtet die Modelle hyperreal aus und lichtet sie ab. Menschen kommen nicht vor; ebenso wenig sprachliche Zeichen. Nur gelegentliche Kaffeebecher brechen die schmerzhafte Nüchternheit auf.
Zunächst wirkt die Sterilität vor allem gruselig. Bleibt man aber länger und lässt sich ein auf die minutiös gearbeiteten Papierwelten, dann entdeckt man in ihnen so etwas wie die Schönheit des Schlichten. Demand liefert so das Gegenstück zum 3. Oktober-Berlin draußen, das sich zwar nicht pathetisch, aber umso freizeitparkmäßig überdrehter gibt.
Sein Ansatz erinnert an den anderen Ort, an dem die Kunst gern deutschen Nationalcharakter thematisiert, den Deutschen Pavillon in Venedig. Im Rahmen der Biennale zeigt Liam Gillick dort eine radikal schlichte Referenz an die modernistische Küche – und damit an die Seelenlagen, die die Optimierungsmaschine modernen Lebens produziert. Demand geht ähnlich vor, wenn er die kulturellen Konnotationen von Gummibäumen oder Kopierräumen offenzulegen versucht.
Die Untiefen deutscher Moderne verhandelt er damit auch. Doch diese Untiefen haben am Ende etwas versponnen-Humorvolles. Humorvoller jedenfalls als sämtliche Einheitsfeier-Routinen sind sie allemal.
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Kategorie(n): Kultur


