Richard Wagner 30.07.2009 08:38 +Feedback
Ostprodukte (4): Die Leserbriefschreiber und die Securitate
Nicht wenige meiner Landsleute fuhren seinerzeit schon bald nach ihrer Ausreise als Besucher zurück ins Banat. Dabei hätten sie doch endlich ungestört nach Italien reisen können. Heimatliebe? Nicht bei allen, wie sich jetzt, nach der Aktenlektüre herausstellt. Manche fuhren ins Banat, um sich mit ihren ehemaligen Führungsoffizieren zu treffen und sich der gemeinsamen Sache zu erinnern, der gemeinsamen Interessen, und für deren Fortbestand zu sorgen.
Es galt Kunstwerke rauszuschaffen, die unverzichtbaren Belege der schwäbischen Verandamalerei oder Angehörigen zum Sprung in den Westen zu verhelfen. Worum es auch gegangen sein mag, es blieb in der Familie der Geheimen, eine Cosa Nostra. Warum sollte man sich auch aus den Augen verlieren, bloß weil der eine die Staatsangehörigkeit gewechselt hat, wobei der andere wohlwollend ein Auge zuzudrücken vermochte?
Im eigenen Haus war der Weg schließlich noch kürzer, man kam von der Direktion I (Inlandsopposition) zur Direktion III (Spionageabwehr). Dass sich das Vaterland nicht so schnell abschütteln lässt, gilt für die Opfer, aber auch für die Täter. Der Abstand zwischen den beiden Gruppen ist aber der gleiche wie früher. Es ist ein moralische Distanz.
Eine besondere Kategorie unter den Tätern sind die Leserbriefschreiber. Sie begleiteten unsere Ausreise. Die Erzeugnisse der Fälscherwerkstatt der Direktion D, Desinformation, hatten sie im Handgepäck. Sobald einer der rumäniendeutschen Schriftsteller Kritik an rumänischen Interessen übt, treten die Leserbriefschreiber in Erscheinung. Solche und solche. Bis heute. Nützlich Idioten und stille Beauftragte. Einer der, sagen wir, Idioten, seit ewigen Zeiten in Deutschland, pensionierter Studienrat, mit bescheidenen literarischen Versuchen, wiederholt seine Invektiven seit Jahrzehnten.
Ein Beispiel: Er wirft mehreren Autoren vor, den Debütpreis des Verbandes der kommunistischen Jugend angenommen zu haben. Um dem westlichen Leser die Sache drastischer vor Augen führen zu können, zitiert er jedes Mal den angeblich vollständigen Titel des Preises: Preis für Literatur und sozialistische Ethik. Nur, der Titel kommt so in meiner Preisurkunde nicht vor. Dort steht: Debütpreis des VKJ. Punkt. Der Mann wurde mehrfach darauf hingewiesen, ließ sich aber von den Fakten nicht weiter stören. Seine Dauerthemen ähneln im Übrigen aufs Haar denen eines Maßnahmenplans der Securitate zu unserer Verleumdung, aus dem Jahr 1986, kurz vor unserer Ankunft im Westen. Das ist natürlich ein Zufall.
Den sogenannten VKJ-Preis haben Autorinnen wie Herta Müller bekommen können, weil in der Jury Leute saßen, die diese Art Literatur schätzten, Leute aus der Seilschaft der Guten, wenn Sie so wollen. Der Juror im Fall Herta Müller heißt Rolf Bossert, er war der eigenwilligste Lyriker der „Aktionsgruppe“. Mit solchen Preisen versuchte man die Autoren vor dem Geheimdienst zu schützen. Wer in Rumänien gelebt hat, sollte das wissen.
Ein anderer notorischer Leserbriefschreiber ist ein selbsternannter Führer einer Ausreisegewerkschaft. Sein Lebenswerk vollbrachte er bereits mit achtzehn. Nun hat er seine Memoiren verfasst, und sie ähneln mehr Visionen als Erinnerungen. Der Mann war seit 1980 nicht mehr in Rumänien. Das hindert ihn aber nicht daran, sich unentwegt über unsere angebliche kommunistische Vergangenheit aufzuregen, als hätte er persönlich darunter zu leiden gehabt. Herta Müller aber war nie Mitglied der KP, sie wurde vielmehr, wie man heute weiß, in einer konzertierten Aktion von Landsmannschaftsfunktionären und Securitate-Mitarbeitern zur Agentin des ZK erklärt, ein ziemlich origineller Titel, selbst für rumänische Verhältnisse.
Ob der Mann mit unserer kommunistischen Vergangenheit nach Italien fährt, ist mir nicht bekannt. Nach Rumänien, sagt er, fährt er nicht. Und seine Akte will er auch nicht sehen. Er will weder seine Akte sehen, noch unsere. Wahrscheinlich aus sehr unterschiedlichem Grund. Was er bei uns sucht, könnte er es vielleicht bei sich finden? Nein, so weit wollen wir nicht gehen, und so nennen wir auch ihn, der Einfachheit halber, einen nützlichen Idioten.
Der Auslandsgeheimdienst hat die Akten über uns bis heute nicht freigegeben. Was uns zur Verfügung steht, sind Unterlagen des Inlandsgeheimdiensts, während der Auslandsgeheimdienst weiterhin mit den alten Unterstellungen, und vor allem mit den bewährten Zuträgern arbeiten kann, weil sie nicht enttarnt sind. Wie lange müssen wir uns noch dafür beschimpfen lassen, dass wir mit geholfen haben, den Arschlöchern dort, und denen hier, ihren Ceausescu zu nehmen? Es geht nicht an, dass Geheimdienste eines EU-Lands in einem anderen EU-Land Menschen schikanieren und verleumden, indem sie Intrigen spinnen und selbst im Hintergrund bleiben, und den Eindruck erwecken, als würden nur irgendwelche Provinzklons oder nützliche Idioten in Erscheinung treten, arglose Leserbriefschreiber.


