13.04.2007   12:35   +Feedback

Orange Revolution Reloaded

Der ukrainische Journalist Mykola Rjabtschuk gibt in der Berliner Zeitung einen lesenswerten Überblick über die Lage in Kiew:

Abschied vom Cargo-Kult
In Kiew wird eine Revolution als Farce nachgespielt. Aber es gibt weiter Grund zum Optimismus
[...]
Die Obrigkeit bestreitet natürlich jegliche Zahlungen an die Demonstranten, aber Parteiführer gestehen auf Nachfrage, dass nicht näher bestimmte “Parteimittel” für Reisekosten und Tagesspesen verwendet werden. Die Zahl der “Protestierer”, ihre Passivität, ja das völlige Fehlen von Enthusiasmus verraten viel über ihre Beweggründe. Warum, rätseln Fachleute, versuchen die anti-orangenen Mächtigen den orangenen Majdan so öde und so einfallslos zu imitieren? Vermutlich glauben die Verantwortlichen immer noch, dass die Orangene Revolution mit Geld organisiert wurde. Und dass man nur mehr Geld investieren muss, um dasselbe Ergebnis zu bekommen. Volodymyr Scht-scherbyna, Kolumnist der Zeitung Gazeta po-ukrayinsky, nannte das treffend einen “Cargo-Kult”.
[...]
Im Grunde spiegelt der Konflikt die Ergebnisse einer “unabgeschlossenen Revolution” wider, die das Land nicht gründlich und umfassend entsowjetisiert hat - weder 1991, als die Ukraine unabhängig wurde, noch 2004, nach der orangenen Erhebung. Nun waren die Chancen für einen radikalen Wandel 1991 gering: die demokratischen Kräfte waren damals schwach, sie erhielten nur ein Drittel der Stimmen in Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Aber 2004 standen die Chancen gut. Es waren Ungeschicklichkeit, Schäbigkeit und Zwiste der orangenen Führer, die ihre Niederlage im Parlament 2006 und Janukowitschs Rückkehr brachten.

Diese Rückkehr, so deprimierend sie für wahre Demokraten ist, hätte an sich noch kein Problem dargestellt - wenn das politische System schon verändert gewesen wäre, und wenn schon neue Spielregeln gegriffen hätten.
[...]

A propos Cargo-Kult: Eine großartige Reportage mit wundervollen Bildern dazu gab es in der mare, dem Katalog für mechanische Uhren in Gestalt einer bildungsbürgerlichen maritimen Zeitschrift. Dankenswerterweise auch online. (Was in diesem Fall aber niemals Ersatz für die Printausgabe sein kann.)


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Kategorie(n): Ausland