31.05.2012   07:58   +Feedback

Oh, Germania!

Siebzig Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass Israel seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker verfolgt. 60% sagen,  Deutschland habe keine besondere Verpflichtung gegenüber Israel. 59% bezeichnen Israel als „aggressiv“, nur 36% finden Israel „sympathisch“, 13% sprechen dem Judenstaat das Existenzecht ab.

Das ist der aktuelle Stand der deutsch-israelischen Beziehungen, wenn man einer Umfrage glauben darf, die der „Stern“  am Vorabend der Israel-Reise des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck durchführen ließ. Dennoch will Gauck mit seinem Besuch „ein Zeichen der Solidarität mit Israel in schweren Zeiten setzen“, seine Botschaft lautet: „Wir Deutsche stehen an Eurer Seite…“

Gauck, dessen Wahl zum Bundespräsidenten von einer großen Mehrheit der Deutschen begrüßt wurde, ist ein aufrechter Protestant, kein Taktiker, kein Opportunist. Ein Pastor, den es in die Politik verschlagen hat. Nach Christian Wulff wollten die Deutschen einen Präsidenten haben, zu dem sie hinaufschauen, den sie als moralische Instanz akzeptieren können, der ihnen sagt, wo das Gute aufhört und das Böse beginnt.

Wenn er allerdings erklärt: Wir Deutsche stehen an Israels Seite, dann spricht er nur für sich und für eine Minderheit der Deutschen.

„Wir Deutsche“ nämlich können uns vieles vorstellen, nur nicht, dass die Bundesrepublik Israel im Falle eines Falles Israel zu Hilfe kommt,  schon gar nicht militärisch. Grass hat mit seinem „israelkritischen“ Gedicht „Was gesagt werden muss“ die Vox populi sehr verlässlich artikuliert. Für die meisten Deutschen ist Israel der ewige Störfaktor, eine Gefahr für den Weltfrieden. Die Art, wie Israel die Palästinenser „behandelt“, erinnert sie daran, wie die Juden von den Nazis „sonderbehandelt“ wurden.

Umgekehrt klingt die Musik ganz anders. Die Israelis lieben „Germania“, vor allem Berlin. Sagt man einem Israeli, man käme aus der deutschen Hauptstadt, bekommt er gleich glänzende Augen. Er war auch schon da oder will unbedingt bald hin. Berlin steht für vieles, nur nicht für das Dritte Reich.

Die Israelis haben den Deutschen ihre Sünden längst vergeben, die Deutschen aber nehmen den Juden noch immer übel, was sie ihnen angetan haben.

Erschienen in der Weltwoche vom 321.5.12

(Henryk M. Broder)


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Kategorie(n): Inland 

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