Unterstützung für Achgut

  30.09.2009   06:32   +Feedback

Not quite tight in the head

Die Bundestagswahl ist gerade einmal ein paar Tage her, die neue Legislaturperiode hat noch nicht richtig begonnen, und schon haben wir den ersten Skandal: Der designierte Außenminister Guido Westerwelle hat sich doch tatsächlich erdreistet, auf einer Berliner Pressekonferenz Deutsch zu sprechen.

Manche Kommentatoren halten dies für eine unglaubliche Arroganz des FDP-Chefs gegenüber einem armen BBC-Reporter, der Westerwelle in englischer Sprache befragen wollte. Andere spekulieren, Westerwelle habe sich nur keine Blöße geben wollen, da er der englischen Sprache nicht mächtig sei.

Ich hingegen habe weniger Zweifel an Westerwelles Umgangsformen oder seinen Sprachkenntnissen, sondern vielmehr am Verhältnis der Deutschen zu ihrer Sprache.

In keinem anderen Land der Welt hätte irgend jemand davon Notiz genommen, wenn ein Spitzenpolitiker sich nur in seiner Muttersprache äußern wollte. Wer es nicht glaubt, der sollte sich nur einmal bei den monatlichen Pressekonferenzen des britischen Premierministers umhören.

Ausländische Journalisten haben in der Downing Street sowieso kaum Gelegenheit Fragen zu stellen, weil ihre britischen Kollegen (gerade von der BBC) stets bevorzugt werden. Sollten die Ausländer es dann auch noch in einer anderen Sprache als Englisch versuchen, könnten sie sich sicher sein, dass dies auf absehbare Zeit ihre letzte Wortmeldung in einer Pressekonferenz auf der Insel war.

Gegen eine solche Praxis spricht auch nichts. Schließlich erspart man dem befragten Politiker holprige und schlimmstenfalls missverständliche Antworten. Gleichzeitig wird dafür gesorgt, dass auch alle übrigen Journalisten in den Genuss kommen, sowohl Frage als auch Antwort zu verstehen. Das sind nun einmal die Spielregeln, an die man sich zu halten hat. So wird in London selbstverständlich Englisch gesprochen und in Paris noch selbstverständlicher Französisch. Wieso sollte das gerade in Berlin anders sein?

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe nichts gegen die englische Sprache. Ganz im Gegenteil: ich liebe sie heiß und innig. Ich arbeite, denke und träume inzwischen auch auf Englisch. Aber Englisch hat seinen Platz nicht auf Berliner Pressekonferenzen deutscher Politiker. Die Arroganz lag in diesem Fall wohl eher auf Seiten des BBC-Korrespondenten, der das Erlernen der Sprache seines Gastlandes offenbar für einen verzichtbaren Teil seines Berufs hielt. Das erklärt im Übrigen auch die Qualität der BBC-Berichterstattung aus nicht-englischsprachigen Ländern.

Dass sich dennoch die Häme nicht auf den offenbar monolingualen Briten, sondern auf den scheinbar nationalistischen FDP-Chef konzentrierte, hat einen einfachen Grund. In Deutschland verwechselt man nämlich allzu gerne alles Englische mit Weltläufigkeit und alles Deutsche mit Provinzialität. In Wirklichkeit ist es aber genau andersherum. Wo Deutsche Englisch benutzen, wird es schnell provinziell peinlich. Und wer als Deutscher wirklich gutes Deutsch spricht, der beherrscht in der Regel auch andere Fremdsprachen, ohne dass er sich bemüßigt fühlte, dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit besonders zu betonen.

Wenn ich an meinen letzten Deutschlandbesuch zurückdenke, dann schaudert es mich noch immer. Da muss man sich in den Fußgängerzonen (nein: Shopping Malls!) mit Werbebotschaften (Slogans!) auf Handzetteln (Flyer!) zumüllen lassen. “Fashion - Living - Genuss”, stand doch tatsächlich auf einem. Warum nicht “Mode und Leben”, oder doch zumindest “Pleasure” am Ende? Und warum heißt es in den deutschen Fernsehnachrichten nicht mehr “Schnelle Eingreiftruppe”, sondern “Fast Reaction Force”? Sind die Kampfverbände dadurch schneller? Und wer bei den pseudo-englischen Sprachverrenkungen aus dem Hause der Deutschen (!) Bahn AG einen Hautausschlag bekommt, für den gibt es zum Glück das Neutrogena Visibly Clear Anti-Mitesser Peeling.

Wer glaubt, auf diese Weise der Welt zeigen zu müssen, wie modern und fortschrittlich er doch ist, der hat wohl auch ein Problem damit, dass designierte deutsche Außenminister vor heimischem Publikum Deutsch sprechen. Aber vielleicht besteht die vermeintliche Offenheit in diesem Falle einfach darin, dass manche Deutsche im Kopf schlichtweg nicht mehr ganz dicht sind. Not quite tight in the head, you know?

(Dr. Oliver Marc Hartwich)


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Inland 

Helfen Sie uns Die ACHSE DES GUTEN noch besser zu machen
und auszubauen!

Spendenkonto
Kontonummer: 4893891
Augusta-Bank, Augsburg
Bankleitzahl 720 900 00
Internationale Bankleitzahl BIC GENODEF1AUB
Internationale Konto-Nr. IBAN DE93720900000004893891

Google-Anzeige