David Harnasch 27.07.2011 01:07 +Feedback
Norwegischer Terror: Ankereffekt oder konservative Katastrophe?
Ein paar (ziemlich unstrukturierte) Gedanken zum Massenmord in Norwegen:
Alan Posener merkt in einem klugen Artikel völlig richtig an: “Ideen haben Konsequenzen. Worte haben Folgen.”
Bis zum vergangenen Freitag schien es mir undenkbar, dass ein Terrorist sich auf John Stuart Mill berufen würde. Schlicht, weil dessen Werke im Gegensatz beispielsweise zum Koran von einem einigermaßen aufgeräumten Leser nicht im Ansatz als Rechtfertigung für einen Massenmord interpretiert werden können. Das entmenschte Stück Dreck aus Norwegen hat genau das offenbar getan. Bisher bestand für mich also nicht der geringste Anlass, mich von irgendeiner Untat zu distanzieren, die unter Berufung auf meine liberalen Idole verübt wurde - was ich hiermit selbstverständlich tue. Wie übrigens meiner Erkenntnis nach absolut jeder, der in des Drecks Manifest zitiert wurde, sich von ihm distanziert.
Ebenfalls richtig beobachtet Posener dies: “Unter ‘ethnozentrischen’ Organisationen versteht Breivik die Alte Rechte, die explizit rassistisch und explizit antisemitisch ist. Als Beispiel nennt er die British National Party / National Front. Solche Organisationen würden nie mehr als 10 Prozent der Bevölkerung hinter sich vereinen können.
‘Man kann Rassismus (Multikulti) nicht mit Rassismus bekämpfen’, schreibt er. ‘Der Ethnozentrismus ist also genau dem entgegengesetzt, was wir erreichen wollen.’ Stattdessen müsse man die ‘Wiener Schule’ als ‘ideologische Basis’ wählen: ‘Das bedeutet Widerstand gegen Multikulturalismus und Islamisierung (aus kulturellen Gründen). Alles ideologische Argumente, die auf Antirassismus beruhen.’
Dies ist eine äußerst interessante Stelle. Denn wir wissen ja, dass Anders B. als Ziel ein ethnisch homogenes, ideologisch auf einem strengen Christentum und einem ausgeprägten Nationalbewusstsein beruhendes Gemeinwesen vorschwebt – also etwa das Gleiche, was die Alte Rechte will. Jedoch hält er es aus taktischen Gründen – weil expliziter Rassismus nicht mehrheitsfähig ist – für sinnvoller, gegen Islamisierung und Multikulturalismus zu argumentieren, und zwar ‘aus kulturellen Gründen’, ja den Kampf als ‘Antirassismus’ hinzustellen und den Muslimen und Multikulturalisten einen – gegen die Europäer gerichteten – Rassismus vorzuwerfen.
‘Dies hat sich als sehr erfolgreich erwiesen und erklärt, weshalb die moderne kulturkonservative Bewegung bzw. kulturkonservative Parteien, die die Wiener Denkschule anwenden, so erfolgreich sind: die (norwegische) Fortschrittspartei, Geert Wilders und viele andere.’
Damit hat Breivik das schmutzige kleine Geheimnis dieser Leute ausgeplaudert. Ihr Ziel ist das gleiche wie jenes der alten Neonazis. Aber sie halten es für geschickter, sich als Antirassisten, Verteidiger der Demokratie, Freunde Israels usw. zu tarnen.”
Stimmt vermutlich (bei Wilders bin ich mir nicht sicher, aber bei einigen wird es gewiss der Fall sein). Wenn ein Nazi sich als Liberaler tarnt, kann das für den Liberalen aber nicht bedeuten, deshalb von seinen Positionen abzurücken. Ich bleibe natürlich genuiner Antirassist, Verteidiger der Demokratie und Freund Israels. Und stelle ein für allemal klar: Ich meine stets ganz genau das, was ich sage und schreibe. Ich kritisiere islamisch motivierte Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Gewalt, gesellschaftliche Rückständigkeit NICHT deshalb, weil ich eigentlich Muslime nicht mag, mich aber nicht traue, das zu schreiben, oder es für taktisch sinnvoll halte, es zu verschweigen. Sondern weil es schlicht kritikwürdige Phänomene sind, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn ich jemanden oder eine Gruppe Menschen nicht mag, schreibe ich wiederum genau das. Mitglieder der NPD oder der LINKEN beispielsweise mag ich allesamt nicht. Politessen und Politesseriche mag ich nicht. (Sicher, irgendwer muss den an sich ja sinnvollen und wichtigen Job machen, aber wie muss man drauf sein, um das freiwillig zu tun?) Die muslimische Frau, die vorgestern züchtig im Niqab neben ihrem dahingeflegelten Besitzer Ehemann zwei Tische neben mir im Café in Rom saß, tat mir hingegen einfach nur leid. Welche andere Emotion sollte dieser Anblick auch sonst erwecken?
Bis heute ging ich davon aus, dass das unfassbare Verbrechen des Drecks gleichzeitig einen Supergau für die emanzipatorische Islamkritik bedeuten muss. Schließlich gibt es wohl kaum einen effektiveren Weg, eine Idee zu diskreditieren, als vorgeblich in ihrem Namen aberdutzende Kinder abzuschlachten. Die zu erwartenden Reaktionen kamen ja auch pünktlich, wie die Leserbriefe an Henryk Broder beweisen. Nun las ich im stets ganz formidablen Blog “Zettels Raum” von einem Phänomen, das ich so nicht kannte: Dem “Ankereffekt”:
“Ein zweiter, nicht minder wichtiger Faktor ist die Beeinflussung des politischen Spektrums. Politische Verbrecher sind ausnahmslos Extremisten; Menschen, die mit ihren Auffassungen am äußersten Rand stehen. Indem sie durch ihre Propaganda der Tat ihre extremistischen Auffassungen bekannt machen, verschieben sie das politische Spektrum.
Die Psychologen nennen das einen Ankereffekt. In der Bundesrepublik waren bis zum Auftreten der Baader-Meinhof-Bande die Kommunisten die extreme Linke. Nun gab es eine noch viel extremere Strömung. Die Kommunisten rückten in der allgemeinen Wahrnehmung ein wenig in Richtung Mitte.
Extremisten sind selten mehrheitsfähig. Aber darum geht es ihnen auch gar nicht. Sie beeinflussen das gesamte politische Bezugssystem; eben durch einen Ankereffekt.
Es wurde seit der Tat oft geschrieben, daß dieser norwegische Massenmörder der Sache eines selbstbewußter agierenden Europa geschadet hätte (meist wird es drastischer formuliert). Ich sehe das überhaupt nicht. Er hat sein Thema gesetzt. Er hat einen Ankereffekt erzeugt. Er dürfte sich in seiner Zelle über seinen vollständigen Erfolg freuen.”
Ich empfehle dringend die Lektüre des gesamten Artikels, der mich einigermaßen verstört zurücklässt. Ich bin in manchen politischen Fragen eher konservativ, in den meisten liberal bis radikalliberal. Meine kritische Haltung zum Islam beispielsweise speist sich aus meiner Liberalität. Christen mögen dem Islam aus einer konservativen Perspektive kritisch gegenüberstehen, während sie vermutlich in einigen Punkten, die ich kritikwürdig finde, mit dem muslimischen Mainstream völlig d’accord gehen (willkürliches Beispiel: Homoehe). Auch wenn Multikulturalisten jedem Islamkritiker eine konservative Motivation unterstellen (eine praktische rhetorische Waffe), liegt und lag der liberalen Islamkritik nichts ferner. Sie verdient es aus sich heraus ernstgenommen zu werden. Und nicht deshalb, weil sie “weniger extrem” ist, als Kinder umzubringen.
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Ausland


