Wolfgang Röhl 27.09.2012 07:38 +Feedback
Noch’n Schwedenkrimi: „Vergebung“ für Ulrike Meinhof
An Weißwäschern der RAF im Allgemeinen und der Ulrike Marie Meinhof im Besonderen besteht in Deutschland kein Mangel. Auswärtige dürfen aber fleißig mitwaschen. Der Klett-Cotta Verlag hat jetzt den 16 (!) Jahre alten Roman „Theres“ des Schweden Steve Sem-Sandberg übersetzt, der die im linksbürgerlichen Milieu beliebten Mythen stark verspätet aufwärmt. Ulrike M. war demnach eigentlich eine Grundgute; gegen den Vietnamkrieg, für marginalisierte Heimkinder. Eine tapfere Moralistin, der man leider durch eine - Zitat „Deutschlandradio Kultur“ -„maßgeblich von der Springer-Presse ausgelöste Massenhysterie fälschlicherweise die Rolle zuschrieb, der ‚eigentliche Motor der Gewaltmaschinerie’ zu sein“.
Das „kluge Buch“ zeichne das „Panorama einer ganzen Gesellschaft in Panik“, glauben die öffentlich-rechtlichen Funker. Eine im linken Milieu noch immer handelsübliche Betrachtung der RAF.
Sie suggeriert, ein grundlos panischer Staat sowie die hetzerische Springerpresse trügen an der Mord- und Terrorserie der RAF „irgendwie“ genau so viel Schuld wie deren reale Urheber.
Hätten sich beide Seiten nicht arrangieren können? Jadoch, wenn der Staat es nur gewollt hätte!
Sem-Sandberg, 1958 geboren, weiß gar nichts über Ulrike Meinhof. Aber in seinem Oberstübchen steht ein verstaubtes Billy-Regal, voll mit dumpfen Klischees über die Bundesrepublik der frühen 1970er. Sein „Dokumentarroman“ (dradio) ist eine nette Weihnachtsgabe für Leute, welche die Bücher von Stefan Aust und Bettina Röhl zum Thema RAF aus verstehbaren Gründen nie zur Kenntnis nehmen wollten. Nostalgiefutter zum Beispiel für publizistische (und nicht selten auch praktische) Handlanger der RAF, von denen einige noch leben. Alte Genossen aus Sendeanstalten, Verlagen und Unis, kommod vom Schweinesystem alimentiert, die in kleinem Kreis bei gutem Rotwein zuweilen zum Besten geben, wie sie „der Ulrike“ und anderen Genossen mal Obdach gewährt hatten. Ohne dass es dazu einer vorgehaltenen Knarre bedurft hätte, versteht sich.
Für die Kundschaft von „taz“, „Freitag“ und des linksextremen Medienunterholzes ist „Theres“ sicher ganz erbaulich. Doch wie, bitte, kann es angehen, dass in einem angeblichen Qualitätssender ein nachgerade euphorisches Gespräch über das Buch eines nordischen Irrlichts ausgestrahlt wurde? Zwei Feuilletonisten, ebenso RAF-kenntnisfrei wie Sem-Sandberg, schwadronierten da, Ulrike M. habe bandenintern als „zurückhaltende, vorsichtig auftretende Person“ agiert. In der dem Gespräch vorangegangenen Buch-Rezension auf dradio hieß es bereits hübsch exkulpierend:
„Ulrikes Ausbeute (an Banküberfällen, WR) fiel am geringsten aus“.
Ulrike M., zurückhaltend, vorsichtig? Sicher, eine Ma Baker war die Intellektuelle nicht. Sie war im Ergebnis schlimmer. Genau diese, im linken Kulturbetrieb hoch angesehene Publizistin* hatte das Manifest der RAF verfasst, in dem sie auch Schießerlaubnis erteilte (per Tonband, im „Spiegel“ vom 15. Juni 1970 abgedruckt).** Auf die sich Killer aus allen RAF-Generationen berufen konnten:
„Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.”
Nicht gewusst, dradio-Redakteure?
Tatsache ist: Ohne die „zurückhaltende“ U.M. Meinhof (schon bei ihrer ersten Untergrund-Aktion, der Baader-Befreiung im Mai 1970, wurde ein argloser Angestellter durch einen Schuss schwer verletzt), ohne jene von Heinrich Böll und anderen Kulturgrößen verständnistriefend gehätschelte Gallionsfigur der RAF hätte sich die Gründergeneration der Terrortruppe nicht über zwei bleierne Jahre halten können. Ulrike Meinhof war es ja, die der Baader-Meinhof-Bande den Anfangskredit bei linken Journalisten, Schöngeistern und Hochschullehrern besorgt hatte. Die Unterstützer- und Sympathisantenszene, welche den RAF-Begründern Unterschlupf gab und auch mal mit Geld aushalf, sie existierte hauptsächlich wegen „der Ulrike“, nicht wegen des arroganten Kaufhauszündlers Baader oder der durchgeknallten Pastorentochter Ensslin. Wie geschichtsfern beziehungsweise ideologisch verblendet muss man sein, um diesen Zusammenhang zu ignorieren?
Mannomann. Und für so was müssen wir Rundfunkgebühren zahlen.
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/09/24/drk_20120924_1032_e17a3494.mp3
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1874196/
*meine Ex-Schwägerin
**http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44931157.html
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Kategorie(n): Kultur

