19.01.2013   00:47   Leserkommentare (0)*

Nieder mit Wumbaba!

Axel Hacke beschwert sich, dass er Opfer der neuen deutschen Büchersäuberungen zu werden droht, die auch schon Pippi Langstrumpf und die kleine Hexe erwischt haben. Aber warum soll es seinem weißen Neger Wumbaba besser gehen als Enid Blytons Negerprinzessin und Ottfried Preußlers Chinesenmädchen? Der weiße Neger Wumbaba. Es mag Leute geben, die finden sowas komisch. Aber müsste nicht auch Hacke inzwischen bemerkt haben, dass in einer politisch korrekten Welt der Humor ein Konzept von gestern ist? Dass, wer lacht, im Grunde seines Herzens ein Rassist, ein Antifeminist, ein Homo- oder Islamophob ist? Dass eine politisch reine Seele nun mal nichts zu lachen hat?

Hacke redet sich darauf hinaus, dass er den weißen Neger Wumbaba nicht selbst erfunden sondern einem Gedicht von Matthias Claudius entnommen hat. Er reicht also die Verantwortung an einen toten Dichter weiter. Aber der Tod kann kein Freibrief für politisch unkorrektes Sprachverhalten sein. Oder glaubt irgendjemand, dass der ebenfalls verblichene Mainzer Karnevalssänger Ernst Neger heute noch mit diesem empörenden Namen auftreten könnte? Sicher nicht. Ernst Neger würde heute zweifellos unter dem sprachlich unbedenklichen Namen Alice Schwarzer ans Mikrophon zu treten. Damit würde er nicht nur einem gestrigen Rassismus eine Absage erteilen sondern zugleich der Frauenemanzipation eine Bresche schlagen.

Nein, Matthias hin, Claudius her, ein weißer Neger Wumbaba hat in der Welt von heute nichts mehr zu suchen. Es sagt ja auch keiner mehr: Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie. Sicher, der Neger scheint hier unverzichtbar, damit man diesen Satz von vorn und von hinten gleichlautend lesen kann. Aber muss man einen Satz unbedingt von vorne und von hinten lesen können? Ist dieses billige Vergnügen es wert, einen diskriminierenden Begriff zu verwenden?

Hacke, um Ausreden nie verlegen, zieht sich darauf zurück, dass es sich bei seinem weißen Neger Wumbaba lediglich um ein akustisches Missverständnis handele. Gemeint sei eigentlich der weiße Nebel wunderbar, den Claudius aus den Wiesen steigen lässt. Das mag ja sein. Aber hätte man den weißen Nebel nicht auch anders missverstehen können? Muss es unbedingt ein Neger sein? Ein weißer Neger Wumbaba? Hätte es nicht auch der weiße Weber Hundertmal sein können? Oder der weiße Eber und Papa? Es gibt so viele politisch korrekte Möglichkeiten des Missverstehens. Aber nein, bei Hacke muss es ein Neger sein.

Anderen gelingen ihre Missverständnisse doch auch ohne Diskriminierungen. Wenn im Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“ Kurt, der Engel erwacht, so ist das für den Chor der Engel zwar nicht unbedingt schmeichelhaft. Aber es ist doch ein harmloses, politisch sauberes Vergnügen. Allenfalls könnte man bemängeln, dass Kurt sexistischerweise unterstellt, dass der Chor der Engel ein reiner Männerchor sei. Dass man also korrekter läge, wenn man den Chor der Engel als Kurt und Inge missverstehen würde. Also: Bald ist Heilige Nacht, Kurt und Inge erwacht. Das wäre zwar grammatikalisch nicht ganz sauber, dafür aber ein überzeugender Beitrag zur zeitgemäßen politischen Sprachreinheit.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Vetter Klee. Auch er ist ein Missverständnis des schönen Volksliedes „Ein Schäfermädchen weidete“. Wo weidete es? Auf einer Flur, wo fetter Klee und Gänseblümchen stand. Hier hat man gleich freiwillig auf grammatikalische Korrektheit verzichtet, weshalb man dem Vetter Klee im Sinne der Emanzipation ohne weiteres eine Base Klee beifügen kann, ohne jemandem diskriminierend auf die Füße zu treten.

Kurz: Mit Kurt und Inge sowie Vetter Klee und Base Klee bewegen wir uns auf der sicheren Seite des politisch korrekten Missverständnisses, während wir mit dem weißen Neger Wumbaba einen Sumpf an Unkorrektheit betreten. Es ist ja nicht der Neger allein, er muss auch noch weiß sein. Er wird in einem Akt des gedankenlosen Kulturimperialismus seiner schwarzen Identität beraubt und in einen Pseudoweißen verwandelt. Das kann nicht gelingen. Schon gar nicht, wenn er Wumbaba heißt. Wenn er wenigstens Horst oder Herrmann hieße. Aber Wumbaba? Wie soll ein weißer Neger namens Wumbaba in – sagen wir – Osnabrück jemals heimisch werden? Mit diesem Namen ist Hackes Neger für alle Zeit zu einem Randgruppendasein im bildungsfernen Milieu verurteilt.

Ist es denn wirklich so schwer, auf den weißen Neger zu verzichten und ihn durch einen pigmentreduzierten Afroamerikaner zu ersetzen? Sicher man würde sich damit ein wenig vom Claudius-Gedicht entfernen. Aber wäre das so schlimm? Wissen wir, wie Matthias Claudius heute zur Frage der politischen Korrektheit stünde? Würde er nicht ganz anders, sprachlich viel neutraler dichten, wenn ihm die diskriminierende Verwechslungsgefahr auf so vielen Bereichen des heutigen Lebens bewusst wäre? Vielleicht würde er folgendermaßen dichten:

Der Erdtrabant ist aufgegangen. Die edelmetallfarbenen Himmelskörper prangen am sichtbaren Teil des Weltalls hell und klar. Der Gemütswert Wald steht stark pigmentiert und schweiget, und aus dem Feuchtbiotop steiget, am besten gar nichts. Das wäre wunderbar. 

Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Kultur 

Leserkommentare **

* Leserkommentare werden meist einmal täglich veröffentlicht. Wenn Sie Kommentare vermissen, schauen Sie doch später noch mal vorbei.


Es wurden noch keine Kommentare veröffentlicht.

Kommentar schreiben

Es kann nur innerhalb der ersten drei Tage nach Veröffentlichung eines Artikels kommentiert werden.


** Leserkommentare geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Leserkommentare nicht, gekürzt oder in Auszügen zu veröffentlichen. Anonyme Zuschriften werden nicht berücksichtigt. (Bitte Vor- und Nachnamen angeben!) Leserkommentare sollten zusätzliche Argumente, Gedanken oder Informationen zum kommentierten Beitrag erhalten. Bloße Zustimmung oder Ablehnung sortieren wir aus.



Helfen Sie uns Die ACHSE DES GUTEN noch besser zu machen
und auszubauen!

Spendenkonto
Kontonummer: 4801474
Augusta-Bank, Augsburg
Bankleitzahl 720 900 00
Internationale Bankleitzahl BIC GENODEF1AUB
Internationale Konto-Nr. IBAN DE27720900000004801474