Dr. Oliver Marc Hartwich 15.08.2007 17:20 +Feedback
Nie wieder Deutschland!
Am letzten Freitag hatte ich mich zum Lunch mit meinem Bekannten Detlev Schlichter getroffen. Detlev ist Deutscher, hat (wie ich) in Bochum Wirtschaftswissenschaft studiert (allerdings ein paar Jahre vor mir) und arbeitet seit nunmehr elf Jahren in London. Was als lockerer Gedankenaustausch zwischen zwei Expats begann, wurde schnell immer grundsätzlicher.
Meiner Meinung nach, die ich ja nun auch schon häufiger auf Achgut dargelegt habe, wird Großbritannien (leider!) immer deutscher, während die Lebensqualität auf der Insel (leider!) immer weiter abnimmt. Ich kann mir daher vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzuziehen, obwohl es beruflich für mich in London bislang sehr gut gelaufen ist.
Detlev sah das anders. Ganz anders. Nach nunmehr elf Jahren im Ausland stelle er sich immer häufiger die Frage, ob er überhaupt noch Deutscher sein wolle. Und vor allem, ob er sich noch vorstellen können, einmal wieder in Deutschland zu leben.
Heute erreichte mich dann eine lange Email von ihm mit der Betreffzeile: “Nie wieder Deutschland!”. Der Text hat mich nachdenklich gemacht, und während ich noch dabei bin, mir eine passende Antwort zu überlegen, stelle ich Detlevs Email hiermit - und mit seiner Zustimmung natürlich - ins Tagebuch ... sozusagen als Kontrastprogramm zu meiner ewigen Nörgelei an England:
“Ich musste in den vergangenen Tagen noch öfter an unser Gespräch von letzten Freitag denken. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich meine Abneigung gegenüber Deutschland gar nicht klar genug ausgedrückt habe.
Ich will Dir nicht Deinen Rückzug nack Deutschland vermiesen. Und, wie wir besprochen haben, kann man über die ‘Lifestyle’-Gründe überhaupt nicht streiten. Diese sind subjektiv. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welches Lebensumfeld ihm am angenehmsten ist. Und wer weiss, vielleicht wird es auch mich eines Tages nach Deutschland zurückverschlagen. Ich hoffe aber nicht. Ich hoffe, Deutschland für immer verlassen zu haben. Denn eigentlich bin ich mit den Deutschen fertig. Als Libertärer kann ich dort nicht sein.
Dies ist keine neue Empfindung für mich. Ich fühle so seit Jahren. Immer wieder frage ich mich, ob das nicht eine zu harte Position ist, und immer wieder komme ich zu dem gleichen Schluss: Die Deutschen sind ein zutiefst illiberales Volk. Ich kann mich dort nicht zu Hause fühlen.
Joachim Fest zitiert einen Philosophen der Neuen Linken in Frankreich, der sagt: “Die Freiheit hat in Deutschland keine Heimstatt!” Voila! So ist es! Es bedarf eines Franzosen, eines linken noch dazu, um es auf den Punkt zu bringen. Die Deutschen haben keine historisch-kulturelle Beziehung zur Freiheit. Sie sind zutieftst staatsgläubig, anti-individualistisch und antikapitalistisch. Kein anderes europäisches Volk hat im 20. Jahrhundert so lange sowohl unter rechtem wie linkem Totalitarismus gelebt wie das deutsche. Ein Zufall? Und was wollen die Deutschen heute? Die Freiheit? Nein! Sie wollen die DDR mit Reisefreiheit.
Am Samstag morgen habe ich zufällig ‘Die Zeit’ am Kiosk gesehen. Sie gehört nicht zu meiner regelmäßigen Lektüre. Die Titelgeschichte interessierte mich aber diesmal und daher habe ich sie gekauft. “Deutschland rückt nach links”. Eine Umfrage im Auftrag der Zeit hat ergeben, dass linke Positionen immer deutlicher mehrheitsfähig sind. Drei Viertel der Befragten wollen, dass der Staat mehr für die ‘soziale Gerechtigkeit’ tut. Die Mehrheit will den Mindestlohn (einschließlich die Mehrheit von CDU- und FDP- (!) Wählern). Die Mehrheit will Rente mit 65. Die Mehrheit will staatlich finanzierte Kinderbetreuungsplätze. Im ganzen Artikel wurde nicht einmal das Wort ‘Freiheit’ erwähnt. Und dann diese ekligen Erklärungen: DDR-Nostalgie. Wie bitte? Die Deutschen haben Sehnsucht nach Totalitarismus? Warum nicht auch Sehnsucht nach Drittes Reich? Die steuerliche Begünstigung der Nachtschichtarbeit geht ja schließlich auf die Nazis zurück!
Es bleibt dabei: Die Deutschen wollen den starken Staat. Basta. So ist ihr Denken. Das ist ihr genetischer Code. Die Deutschen, das Volk der Dichter und Denker, haben nicht einen großen liberalen Denker hervorgebracht. Ich will einige Ausnahmen gelten lassen: Goethe war gemäßigt liberal. Von Humboldt, ok. Schopenhauer sah den Staat als notwendiges Übel an. Notwendig, um das Eigentum zu schützen. Was steht dieser Reihe gegenüber: Hegel, List, Schmoller. Alle Anbeter des Staates als höchste Intelligenz, als höchste moralische Instanz, als ordnende Kraft. Das ist der deutsche Geist, damals wie heute.
Dabei ist die Grenze zwischen dem fürsorglichen Kuschelstaat und dem Totalitarismus natürlich fließend, aber man nimmt das in Deutschland gerne in Kauf. Wo gehobelt wird ... So kann dann auch eine führende CDU-Politikerin wie Frau Sehrbrock, immerhin Vize-Chefin der CDA und stellvertetende DGB-Vorsitzende, in einem Zeitungsinterview mal laut über einen staatlichen Zwang nachdenken, Kinder in staatliche Betreuungseinrichtungen zu geben. Jawohl. Chancengleichheit ist nur gewährt, wenn der Staat das Elternhaus ersetzt. Eltern müssen gezwungen werden, ihre Kinder dem Staat anzuvertrauen. Das ist direkt von Trotzki. DDR-Nostalgie jetzt auch in den höheren Etagen der CDU.
Oliver, mach Dir bitte nichts vor. Dahin geht die Reise in Deutschland.
Noch ein Beispiel: Die Sommerposse um Tom Cruise. Es mag ja eine Bagatelle sein, aber sie ist symptomatisch. Tatsache bleibt, deutsche Politiker wollen einem ausländischen Filmteam Drehgenehmigungen verweigern, weil ihnen die religiösen Ansichten des Hauptdarstellers nicht passen. Sieht so das moderne, tolerante Deutschland aus? Der Film handelt ja nicht einmal von Scientology. Cruise hat auch nicht das Drehbuch geschrieben. Dieser Skandal enthält alles, was mir an Deutschland immer wieder aufstößt: Die Intoleranz, die Bereitschaft, wenn man sich im Recht glaubt, jegliche Rücksichten auf Anstand, jegliche Gelassenheit bei Seite zu schieben. Tom Cruise ist ein Weltstar, dessen persönliche Lebenseinstellung vielerorts belächelt wird. Nur die Deutschen schaffen es, daraus ein politisches Thema zu machen. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!
Ich spreche hier von dem ideologischen, geistigen Nährboden auf dem sich alle gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland abspielen. Und das ist entscheidend für mich. Dieser Untergrund gefällt mir nicht. Du hast ja recht, wenn Du von der Abkehr der Engländer vom klassischen Liberalismus sprichst. Viele der Missstände in England hast Du richtig erkannt. Dennoch haben die Engländer immer noch mehr liberales Blut in den Adern als die Deutschen. Du magst von den Engländern ja enttäuscht sein, aber musst Du deshalb gleich ins Heimatland der Staatsgläubigkeit zurück?
Die Staatsquote ist in Großbritannien höher als in Deutschland? Das ist schlimm. Aber wie aussagekräftig ist es nun wirklich? Ist es nicht eine historische Momentaufnahme? Steuersenkungen, Hartz IV und fallende Staatsquote - da hat der Schröder seine Deutschen nicht gekannt. Abgewählt wurde er. Die SPD schämt sich bis heute. Oskar is back! Und die Merkel wird alles tun, um an der Macht zu bleiben. Heißt: Nur keine Reformen. Rauf mit der Staatsquote. Warte nur ab!
Die freie Gesellschaft steht in Deutschland auf dünnem Eis. Das hat Gründe, die weit über die Tagespolitik hinausgehen.
Ok. Ich habe mir hier etwas Luft gemacht. Will mich natürlich nicht in Deine private Lebensplanung einmischen. Es waren aber doch einige Gedanken, die ich Dir mitteilen wollte.”

