Dr. Alexander Gutzmer 06.06.2010 22:36 +Feedback
Nichts gegen Joachim Gauck, aber…
Die Floskel ist beliebt: Die unübersichtliche Welt, heißt es oft, verunsichert die Menschen; folglich brauchen wir an der Spitze Persönlichkeiten, die Orientierung liefern. Diese müssen ganz anders sein als wir Normalsterblichen: Charakterlich integer, unangreifbar, ernsthaft, souverän, irgendwie „groß“.
Nun hat die öffentliche Meinung mal wieder so jemanden gefunden – Joachim Gauck. Der Mann elektrisiert alle. Der Spiegel singt morgen eine verliebte Hymne.
Ich habe nichts gegen Joachim Gauck, grundsätzlich auch nicht als Präsident. Aber muss dieses ganze Unsicherheit-Heroen-Geraune sein? Man kann den Menschen Verunsicherung auch einreden. Vielleicht sind wir gar nicht alle so chronisch angsterfüllt, dass wir uns nichts so sehr wünschen wie einen gütigen Übervater, der uns die Seele streichelt.
Die Sehnsucht nach der moralischen Oberinstanz, auf die die Gauck-Mania reagiert, ist medial konstruiert. Dabei funktoniert sie als Self-Fulfilling Prophecy: Je mehr über die Sehnsucht geschrieben wird, desto mehr glauben die Mächtigen, sie seien berufen, sie zu befriedigen. Diese Überschätzung der eigenen Rolle führte zu den unnötigen Rücktritten von Horst Köhler und Margot Käßmann. Köhler saß der irrigen Ansicht auf, die „Würde“ des Präsidenten müsse den Niederungen der politischen Kampfzone komplett enthoben sein. Und Käßmann phantasierte sich in die Rolle einer Moralikone hinein, für die andere Regeln zu gelten hätten als für Normalos. Sie wollte moralische Leitfigur sein für die Menschen; ob diese überhaupt eine Leitfigur haben wollten, hatte Käßmann nicht gefragt.
Das Schöne an der Logik der Leitfigur: ist diese einmal weg, geht es ganz gut ohne sie. Lernen kann die Politik dies, wie so vieles, vom Fußball. Traditionell pflegte gerade der deutsche Nationalfußball ja die Legende des Spielführers, der vorneweg stapft, eine Vision vorgibt und hinter der sich der Rest der Crew versteckt: Walter, Seeler, Matthäus, Kahn – und zuletzt Ballack. Dessen WM-Ausfall stürzte das Land kürzlich in kollektive Angstzustände. Aber dann kam das Bosnien-Testspiel. Und da sahen wir so schlecht nicht aus – ohne Ballack.
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Kategorie(n): Inland


