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  24.03.2009   17:24   +Feedback

Neunzehnhundertachtundsechzig

Der Artikel von Götz Aly zu 1968 und der Vergangenheitsbewältigung der 68er findet hier soviel Zustimmung, dass er gleich zweimal verlinkt wurde. Das erste Mal - von Hannes - verbunden mit einer Frage, die ich - vielleicht aus Größenwahn - auf mich bezog. Nun mag ich Götz Aly, er hilft mir gerade bei der Recherche zu einem geplanten Buch, und er war so nett, mir das Manuskript des Artikels zu zeigen. Deshalb will ich hier etwas milder sein als in meiner Mail an den Autor, dem ich vorwarf, den Fehler der 68er zu wiederholen, bei der Analyse gesellschaftlicher Prozesse vor lauter Prozess die Menschen nicht zu sehen. Ich zum Beispiel (da ist sie wieder, diese maßlose Selbstüberschätzung) hatte nicht das Gefühl, ein “Getriebener” zu sein, irgendwie aufgescheucht durch die Entlarvung der Verbrechen der Vätergeneration. Ich wusste ziemlich genau, was mein Vater im Krieg getan hatte, nämlich in der britischen Armee gegen die Faschisten und Nazis gekämpft;

und er, trotz seiner Meinung, dass ich lieber zuerst einen Beruf haben und dann die Revolution machen sollte, während ich meinte, Berufsrevolutionär sei doch auch was Schönes, war ein Sympathisant der Studentenbewegung, von der er in seinen Memoiren sagte, erst sie habe ihn, den Exilanten, mit Deutschland versöhnt. Was auch ein klein wenig gegen die These spricht, hier hätte eine Generation sozusagen die Sünden der Väter wiederholt. (Und, wohlgemerkt, wäre das so gewesen, so hätte hier das Diktum Marxens gegolten, dass sich die Geschichte zwar wiederholt, aber dann als Farce.)

Also, dass der eitle Peter Schneider bei Götz Aly sein Fett weg bekommt, finde ich richtig. Allerdings kann nicht derselbe Peter Schneider, den Aly der Lüge in Bezug auf seine Rolle in den Diskussionen zur “Organisationsfrage” überführt, nicht gleichzeitig als Kronzeuge dafür herhalten, dass Rudi Dutsche den “Judenmord” nicht thematisieren wollte. Das Gegeifere der Lewitscharoff finde ich weniger amüsant, und ich weiß nicht, woher ihr Hass kommt. Ich war zu der Zeit, als sie Oberschülerin war, in Baden Württemberg für den Kommunistischen Oberschülerverband organisierend unterwegs, auch wenn ich mich nicht als Mitglied jener Gruppe wiedererkenne, die sie schildert, und ich kann nur sagen: Es wurde ja niemand gezwungen, mitzumachen. Überhaupt waren es oft die schlimmsten Stalinisten und Flintenweiber, die sich später als Opfer stilisierten - DAS freilich erinnerte an gewisse Dinge, aber wie mir mein Vater versicherte (und wie er schrieb), war das beim “Deutschen Umbruch” - 1914, 1919, 1933, 1945, 1989 - immer so. Da Wolfgang Kraushaar von Götz Aly direkt angegriffen wird, möchte ich hier einen Text von ihm abdrucken, der ebenfalls den Versuch einer Erklärung beinhaltet. Kraushaar deutet 68 als “romantisch aufgeladene Revolte”. Da es ja Verbindungslinien von der Romantik zum Nationalsozialismus gibt, ist es klar, dass Kraushaars Ansatz dem Ansatz Götz Alys nicht völlig widerspricht. Bedeutende Bewegungen sind immer überdeterminiert, was heißt, dass verschiedene Individuen (um zum Ausgangspunkt zurückzukommen) sie verschieden erleben können. Hier also der Text:

Wolfgang Kraushaar: Die romantisch aufgeladene Revolte

Die 68er-Bewegung war vermutlich keine romantische Revolte in einem unmittelbaren Sinne. Denn der von den Romantikern betriebene Ästhetizismus stand dem Wunsch nach möglichst direkter politischer Aktion diametral entgegen. Die blaue Blume, jenes wohl am häufigsten für die Romantik genannte Symbol, sollte nicht zitiert, sondern eingefärbt und damit – wie eines der damaligen Modewörter lautete – “umfunktioniert” werden. Nicht ohne Grund lautete daher eine der eher gruseligen Parolen: „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot!“ Für einen bloßen Träumer wollte niemand gehalten werden. Es sollte gerade nicht darum gehen, auf irgendeinem Traumpfad der Welt zu entfliehen, sondern eher umgekehrt dem Geträumten zur Wirklichkeit zu verhelfen.
Der Romantizismus hatte allerdings verhindert, ein politisches Realitätsprinzip zu entwickeln. Was die konservative Kulturkritik vom ersten Moment an wahrnahm, das traf in einer bestimmten Hinsicht also durchaus zu. Die damalige Revolte war hochgradig romantisch aufgeladen. Über “68” schwebte eine überdimensionale romantische Wolke. Die Phänomene, in denen sie sich zeigte, waren kaum zu übersehen. Sie zeigte sich in den unterschiedlichsten Formen der Begeisterung für ein Gegenbild zur bestehenden Gesellschaft: Für die Anormalität, das Abenteuer, den Rausch und das Fest; für die Aktion, die Diskussion, die Introspektion und das ewig andauernde Gespräch; für den Traum, die Phantasie und die Utopie; für die Ferne, exotische Länder wie Völker, ob in Lateinamerika, Afrika oder in Asien, insbesondere China und Vietnam. Und nicht ganz zufällig waren für eine kurze Zeit die sogenannten Randgruppen als das vermeintlich einzig übrig gebliebene revolutionäre Subjekt auserkoren worden.
Als die Bewegung vorüber war, hat sich diese Wolke wie bei einem starken Regenguß entladen und eine romantische Blüte nach der anderen ans Tageslicht befördert. Auch diese Phänomene konnten kaum jemandem verborgen bleiben. Sie verrieten sich in der Faszination für die Arbeiter, die Proleten, bis hin zur Renaissance des Zwanziger-Jahre-Proletkults in der Literatur; für die Ausgegrenzten, die Loser, die Kriminellen und die psychisch Gestörten, ja die im klinischen Sinne Geisteskranken; für das Psychische, die neue Subjektivität und die neue Innerlichkeit; für ein ursprünglicheres, alternatives Leben, das Landleben und das Heimatgefühl; für eine vermeintlich erste Natur im Gegensatz zu einer hochgradig vermittelten, differenzierten, von Institutionen und deren Bürokratien durchzogenen Gesellschaft.
Ohne ein eigenes Bewußtsein davon zu haben, schloß die 68er-Bewegung an die romantische Bewegung an, die nach 1770 entstanden war, im Anschluß an die Französische Revolution ihre Hochzeit erfuhr und sich in den beiden Jahrhunderten darauf als antimodernistisches Reservoir immer wieder aufs Neue zu aktualisieren vermochte. Auch die deutsche Romantik resultierte aus dem Freiheitsimpuls, der sich 1789 in Paris mit dem Sturm auf die Bastille Bahn geschaffen hatte. Sie begann als “Protest der Jugend gegen die Normen der älteren Generation” (Gordon A. Craig) und begehrte in Kunst und Literatur vor allem gegen die Vertreter der Klassik auf. Die Protagonisten der Frühromantik hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts an einer revolutionären Umwälzung partizipieren wollen, jedoch nicht eingreifend, sondern nur sublimiert im Sinne einer auf die geistige Sphäre beschränkten Idealisierung. Der Romantik wohnte nicht von ungefähr eine grundsätzliche Ambiguität inne; sie stellte die Gleichzeitigkeit eines Vor und Zurück dar. Sie versuchte die von ihr erlebte Krisenstimmung durch eine Fluchtbewegung, einen Rückgriff auf die Vergangenheit, zu lösen. Sie war auf eine ganz eigentümliche Weise revolutionär und reaktionär zugleich.
Auch im Mai 1968 schien der Traum von einer anderen Welt für einen Moment Wirklichkeit geworden zu sein. Aus dem von Novalis hinterlassenen Romanfragment “Heinrich von Ofterdingen” stammte die Zeile: “Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt.” Und seine wohl berühmteste Forderung lautete: “Die Welt muß romantisiert werden.” Nirgendwo scheint sie 1968 ernster genommen worden zu sein als in Paris. Parolen wie “Seid realistisch, verlangt das Unmögliche”, “Unter dem Pflaster liegt der Strand” und “Lauf, Genosse, die alte Welt ist hinter dir her” sind seitdem in den Kanon revolutionärer Ausrufe aufgenommen. Nicht wenige der Pariser Graffiti muteten wie Novalis-Übersetzungen an.
Mit Herbert Marcuse hatte sich der wohl einflußreichste Theoretiker der 68er-Bewegung schon viel früher auf Novalis bezogen. In seinem 1957 erschienenen Werk “Eros und Kultur” zitiert er ein weiteres, berühmt gewordenes Novalis-Postulat: “Aus der produktiven Einbildungskraft müssen alle inneren Vermögen und Kräfte deduziert werden.” In seinem Kapitel über Orpheus und Narziß als den beiden “Urbildern” des dionysischen Lustprinzips verteidigt Marcuse Novalis und prägt bereits damals einen seiner Leitbegriffe – den der “Großen Weigerung”.
Auf dem Höhepunkt seiner Popularität erschien er jenen, die ihn im Juli 1967 im Auditorium maximum der Freien Universität in West-Berlin erwartet hatten, in der Tat wie ein Messias. Er sprach dort vom “Ende der Utopie”, nicht etwa, weil er damit seine politischen Hoffnungen aufgegeben hätte, sondern weil er – genau umgekehrt – mit dem entfalteten Kapitalismus eine gesellschaftliche Voraussetzung für die Konkretisierung der Utopien für gegeben hielt. Im Zentrum seiner Überlegungen stand dabei die Herausbildung einer neuen Subjektivität, die durch den materiellen Reichtum des Systems zwar objektiv möglich geworden sei, aber durch eine repressive Organisierung der Bedürfnisse hintangehalten werde. Das Signal lautete: Geschichte ist machbar, die Gegenwart bestimmbar, das Glück liegt – im Gegensatz zur privaten Idylle – als öffentlich-kollektives zum Greifen nahe.
Diese geschichtsphilosophisch anmutende Argumentation stieß bei einer der Diskussionsveranstaltungen auf erheblichen Widerstand. Derjenige, der ihn am deutlichsten formulierte, war mit Richard Löwenthal ein ehemaliger Kommunist, bekennender Marxist und ebenfalls Mentor der kritischen Studenten. Dutschke und Rabehl etwa besuchten seine Veranstaltungen und wurden nicht müde die Bedeutung seines 1947 unter dem Pseudonym Paul Sering publizierten Werkes “Jenseits des Kapitalismus” zu würdigen. Marcuse und den rebellischen Studenten warf er vor, sie würden die Errungenschaften der parlamentarischen Demokratie für eine durch nichts objektivierbare Utopie aufs Spiel setzen. Das Stichwort des sozialdemokratischen Politikwissenschaftlers lautete kurze Zeit später: “Romantischer Rückfall”. Die studentische Rebellion sei in Wahrheit nicht vorwärts, radikalisierte er seine Kritik, sondern rückwärts gewandt. Unter dem Deckmantel von Aufklärung und rationaler Kritik würden die “alten Affekte einer antiliberalen und antiwestlichen Romantik” wieder aufleben. Dabei sei die “Tendenz zum Rückfall in die Unmittelbarkeit der Gewalt und der Utopie” nicht zu übersehen. Die “Neue Linke” sei nichts anderes als eine “neo-romantische Reaktion auf das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den entwickelten Industrieländern und die Herausbildung einer bürokratischen Industriegesellschaft in der Sowjetunion”.
Für Löwenthal , der Deutschland als “Heimatland der Romantik” ansah, drückte sich im romantisch aufgeladenen Protest eine Reaktion auf Industrialisierung, Urbanisierung und Modernisierung aus. Im Wandel von der Gemeinschaft zur Gesellschaft wurzelten seiner Überzeugung nach die utopischen und romantischen Ideen des frühen 19. Jahrhunderts. Die Vorstellung von demokratischen Institutionen, von einer modernen Gesellschaft seien mit den napoleonischen Armeen von außen nach Deutschland gebracht worden – und auf erbitterten Widerstand gestoßen. Resultat der romantischen Protesthaltung seien drei grundlegende Widersprüche: Der zwischen “innerlicher” deutscher Kultur und “äußerlicher” Zivilisation, zwischen “totaler Hingabe an die Gemeinschaft und totaler Entfaltung der Persönlichkeit”, zwischen einem “Kult der politischen Gemeinschaft und dem Kult des genialischen Individuums”. Daraus speisten sich tiefe Vorbehalte gegen den Liberalismus, den Parlamentarismus und die Demokratie insgesamt.
Für Löwenthal war es alles andere als Zufall, daß sich unter den radikalsten Teilen der Neuen Linken eine Wiederentdeckung Bakunins abspielte. Der Marx-Kontrahent und Urvater des russischen Anarchismus war für ihn nichts anderes als ein “anti-moderner Gewaltideologe”. Indem er Figuren wie den pauperisierten Bauern, den Gesetzlosen und den Räuber zu “wahren” Revolutionären mache und die “schaffende Lust der Zerstörung” preise, verrate er seine Mißachtung der modernen Welt, die Gegnerschaft zu Arbeitsteilung, Rechtsförmigkeit und zur bürokratischen Rationalität insgesamt.
Und in der Tat, als der SDS im November 1968 in der Mensa der Technischen Universität Hannover seine vorletzte Delegiertenkonferenz veranstaltete, versammelten sich seine Mitglieder unter einem Porträt des russischen Anarchisten. Ein Jahr zuvor hatten Dutschke und Krahl in dem von ihnen gemeinsam verfaßten “Organisationsreferat” verkündet, daß die Marxsche Bakunin-Kritik überholt sei. Der romantische Anarchist war auf dem Höhepunkt der 68er-Bewegung zu einer regelrechten Ikone der Rebellen geworden.
Die Romantik spielte insbesondere in jenen subkulturellen Milieus eine dominante Rolle, die der undogmatischen Linken zugerechnet wurden und sich als “umherschweifende Haschrebellen” oder als Sponti-Szene zu etablieren vermochten. Stärker als irgendein Theoretiker hat eine Rockband dem dort gelebten Traum von einer anderen Gesellschaft Ausdruck verliehen. Die Songs einer Band, die bereits mit ihrem eindeutig-doppeldeutigen Namen Ton, Steine, Scherben ein unmißverständliches Bekenntnis zur Gewalt ablegte, waren jedenfalls Romantik pur. Den undogmatischen Strömungen innerhalb der Linken – denen die unvergleichliche Stimme Rio Reisers Ausdruck verlieh – galten Marcuses Sympathie zweifelsohne sehr viel eher als den K-Gruppen.
Letztlich jedoch scheint der Prophet der “Neuen Sensibilität”, des “Qualitativen Sprungs” und der “Großen Weigerung”, der sich selbst einmal als “unverbesserlicher, sentimentaler Romantiker” bezeichnet hat, nicht nur bedrängten Minderheiten, den Bürgerrechtsbewegungen in den USA und den Randgruppen in der Bundesrepublik den Rücken gestärkt zu haben, sondern auch einer Schwärmerei anheimgefallen zu sein. Der Verfechter einer neuen Subjektivität lieferte die Stichworte für eine Revolte, der es in ihrem radikalen Kern jedenfalls nicht gelang, ein politisches Realitätsprinzip zu entwickeln.
Löwenthal hingegen konnte nicht wenige seiner Prognosen durch die Entwicklung der siebziger Jahre bestätigt sehen. Ein Jahrzehnt lang mühte sich eine nach der anderen aus der 68er-Bewegung entstandene Gruppierung ab, einen Weg aus der politischen Sackgasse und der gesellschaftlichen Isolation zu finden. Erst nachdem sich der Linksradikalismus erschöpft hatte, gelang es über die Ökologie bei den Grünen einen neuen Zugang zum politischen Handeln zu finden. Paradoxerweise war es die Gefährdung der Umwelt, die Bedrohung der Natur durch eine immer maßloser gewordene Industrialisierung, die den Weg zurück ins parlamentarische System und ein politisches Realitätsprinzip gewiesen hat. Doch gerade weil es die Krisenerfahrung im gesellschaftlichen Umgang mit der Natur war, die aus der Sackgasse des Gemeinschaftsradikalismus geführt hat, sind nicht wenige romantische Motive am Leben erhalten geblieben. Diesmal jedoch nicht frei flottierend innerhalb irgendeiner Bewegungsströmung, sondern eingebunden in das parlamentarische System. Wem dies nicht einleuchten mag, der sollte einmal darüber nachdenken, ob es etwa bloßer Zufall ist, daß mit Claudia Roth die ehemalige Managerin von Ton, Steine, Scherben schließlich Bundesvorsitzende der Grünen geworden ist.


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