Dr. Alexander Gutzmer 20.07.2011 18:43 +Feedback
Neues Opium fürs Volk
Welch eine schöne Geschichte: Eine Reihe edler Wilder („die Menschen“) wird von einer finsteren Macht unterjocht und manipuliert („die Kapitalisten“). Hauptwaffe der Manipulation sind Bilder großer, böser Ungeheuer, die die Kapitalisten vor sich her tragen („die Märkte“). Aber irgendwann durchschauen die Wilden die Trickserei. Dann werfen sie die Fesseln ab, entmündigen die Bösewichter, und ein neues, ehrliches, goldenes Zeitalter bricht an.
In genau dieser Phase stecken wir gerade – zumindest wenn man Politikern und Kommentatoren glauben darf. Viel wird da vom „Ende des Finanzkapitalismus“ schwadroniert und davon, dass die Politik wieder den Steuerknüppel übernimmt. Das ist zwar zumal in Deutschland keine besonders neue Geschichte. Doch sie lässt sich immer wieder neu erzählen. Der Clou dabei: Der jeweilige Erzähler behauptet in seiner Einleitung mit viel Tamtam, er werde jetzt ein paar Urwahrheiten ins Wanken bringen. Dann kommen all jene kapitalismuskritischen Gemeinplätze, auf die sich ohnehin die gesamte Bevölkerung einigen kann, die aber durch obige Rhetorik bei allen Zuhörern das Gefühl auslösen, Teil einer ungemein mutigen Avantgarde zu sein.
Anhand eines Textes, den Alexander Görlach gerade im European veröffentlich hat, lassen sich die Grundpfeiler erfolgreichen Märchenerzählens besonders gut nachvollziehen:
1. Es braucht ein Gefühl der Empörung. Also wird eine Gruppe namens „wir“ definiert, die vermeintlich von einer anderen Gruppe namens „denen“ gründlich an der Nase herum geführt wird.
2. Wichtig sind ein paar einleuchtende, möglichst einfache Gleichungen. Beispiel aus oben erwähntem Text: „Wenn ich Geld gewinne, verliert irgendwo anders jemand Geld.“ Jeder Ökonom liegt an dieser Stelle zwar in der Ecke vor Lachen. Aber damit macht er sich, siehe Regel 1, nur zum Teil von „denen“.
3. Hilfreich sind ein paar lautstarke Entzauberungen. Gut macht sich hier zum Beispiel die Weisheit, „die Märkte“ gebe es gar nicht. Dahinter versteckten sich sinistre Strippenzieher, die à la Orwell „der Markt ist allmächtig“ in die Welt posaunen lassen.
4. Sehr gut tut immer das Gefühl, durch bloßen Willen Kontrolle über einen übergroßen Gegner zu bekommen. Beispiel hierfür ist die Forderung, „die Banken zu enteignen“. Die makroökonomischen Folgen muss man halt ausblenden. Eigentumsrecht? Interessiert nicht. Breit gestreuter Aktienbesitz? Wird auch ignoriert.
5. Wichtig ist, sich die Stimmigkeit der Erzählung nicht durch die Realität zerstören zu lassen. Wenn man den Gesang der letzten Zuckungen des totgeweihten Finanzsektors anstimmt, passt die Tatsache, dass in Londons City längst wieder sehr viele Menschen sehr gut bezahlte Jobs haben, nicht ins Bild. Und wenn man glauben will, dass wohlmeinende Staaten ständig von fiesen Finanzjongleuren reingelegt werden, ist es nicht hilfreich darauf zu verweisen, dass die Politiker Griechenlands, Portugals oder Irlands durchaus im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte waren, als sie anleihefinanziert ihre Wirtschaft ankurbelten.
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Kategorie(n): Wirtschaft


