07.09.2007   11:35   +Feedback

Navigare necesse est

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 07.09.2007:

Taxifahren ist auch nicht mehr was es einmal war. Wir erinnern uns an lebhaft an Zeiten, als wir am Bahnhof Zoo regelmäßig auf freundliche aber völlig orientierungslose Aushilfsfahrer trafen. Diese fuhren meist zügig los und baten an der ersten Ampel um eine gewisse Arbeitsteilung: „Du sagen, ich fahren.“ Die gemeinsame Zielsuche führte uns dann meist weit in dunkle Randbezirke, wo schließlich der Taxameter abgeschaltet und der Stadtplan aufgefaltet wurde. Heutzutage befindet sich praktisch in jeder Droschke ein elektronisches Navigationssystem. Das spart Zeit, Nerven und funktioniert fast immer.

Davon beeindruckt hat Miersch seinen Opel Zafira (Spottname „Windelbomber“) mit einer solchen Orientierungshilfe nachgerüstet. Vorbei die Zeiten des Stadtplan-Studiums. Vorbei die Zeiten ausgefeilter Wegbeschreibungen. Vorbei die Zeiten der Lotsendienste, die ortskundige Menschen übers Handy leisteten. Alles geht wie von selbst, welch ein Fortschritt. Problematisch wird die Sache nur, wenn man plötzlich wieder in einem Auto ohne elektronischen Lotsen sitzt, beispielsweise in einem Leihwagen der untersten Kategorie. Huch, ein Auto ohne „Navi“ ! Das ist fast so, als habe einem jemand ein Sinnesorgan amputiert.

Der Mensch lernt langsam und verlernt schnell. Zum Beispiel sich in einer fremden Stadt zu orientieren. Anstatt sich Wegmarken und Fahrstrecken einzuprägen, vertraut er blind auf den kleinen Kasten und pflegt die Konservation mit seinem Beifahrer. Mit dem Ergebnis, dass beide keinerlei Vorstellung mehr davon haben, wo sie sich eigentlich befinden. Die urmenschliche Fähigkeit sich an den Himmelsrichtungen zu orientieren ist ja schon lange verloren gegangen. Jetzt verlässt uns auch die zivilisatorische Befähigung aus eigener Erinnerung an der zweiten Ampel rechts und dann hinter dem Kaufhof links abzubiegen. Es soll ja sogar Verkehrsteilnehmer geben, die sehenden Auges in einen Fluss donnerten, nur weil das fehlgeleitete Navigationssystem es ihnen so befahl. Mierschs Navi bestand neulich auf der Brennerautobahn gar darauf, er müsse sofort wenden.

Und damit sind wir beim kulturellen Navigationssystem, auf das sich der moderne Mensch in Form der Medien verlässt. Fernsehen beispielsweise heißt ja nichts anderes, als dass jemand anderer für einen die Augen aufmacht und die Bilder dann ins heimische Wohnzimmer schickt. Nur hat das Bild, das in den Medien gezeichnet wird, mit dem richtigen Leben oft nicht viel zu tun. Das zeigt beispielsweise die Einschätzung der Deutschen über den Zustand der Umwelt. Auf die Frage ob die Umwelt in der eigenen Region in Ordnung sei, antwortete die ganz große Mehrheit (78 Prozent) mit “ja“. Für ziemlich zerstört hält sie nur eine kleine Minderheit von 12 Prozent. Wenn man die gleichen Leute nach dem Zustand der Umwelt in ganz Deutschland fragt, dann ist freilich mehr als jeder Dritte (35 Prozent) fest davon überzeugt, sie sei ziemlich zerstört. Daraus ergibt sich die Frage: Wie kann die Umwelt im ganzen Land erheblich zerstört sein, wenn sie in jeder einzelnen Region bestens in Schuss ist? Das Institut Allensbach vermutet ein „medienvermitteltes Pauschalurteil, das fast immer negativ verzerrt ist.“

Dort wo sich die Menschen auf ihr eigenes Navigationssystem verlassen, ist ihr Bild der Welt offensichtlich ein anderes als dort, wo sie auf mediale Lotsen und Schleusenwärter angewiesen sind. Die operieren allzu oft in einer selbstbezüglichen Parallelwelt. Wobei es bei es nicht nur Verzerrungen ins Negative gibt, sondern auch ins Positive: Denken wir nur an die jahrzehntelange Multikulti-Seeligkeit, die überall herrschte, nur nicht in den betroffenen Stadtvierteln.

Die Aussage „die Menschen sind klüger als man glaubt“ liegt wohl darin begründet, dass sie sich vielfach noch an ihren eigenen Wahrnehmungen im Alltag orientieren. Hoffentlich verlernen sie es nicht, dann ist die Gefahr geringer, dass sie bei der nächsten Wahl falsch abbiegen.


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Kultur  Bunte Welt