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  26.08.2009   20:15   +Feedback

Nathan Warschawski: Hakenkreuze gegen Rechts

Jedes Mal, wenn ich in Israel bin, besuche ich Jerusalems frommes jüdisches Viertel. Mea Shearim zeichnet sich durch Hitze, Schmutz und fehlende Grünflächen aus. Fromme Juden in spätmittelalterlicher Tracht, die dem rauen osteuropäischen Klima angepasst ist, laufen geschäftig, schwitzend und ziellos umher. Unzählige Synagogen und Gebetsstuben fordern die Vorübereilenden zum Beten auf.

So also überlebten meine Vorfahren in Europa. Ich bin froh und dankbar, heute zu leben.

Die Modernität hat sich in Mea Shearim Eintritt verschafft. Ich meine nicht Handys und Zigaretten, sondern die vielen Hakenkreuze, die sich auf den wenigen freien Flächen drängen. Sie werden zuweilen weggewischt, erscheinen bald aufs Neue. Hakenkreuze sind in Mea Shearim nicht ein Symbol für das Böse, sondern das Böse selbst. Die Nachkommen der Überlebenden des Holocaustes suchen die Schuldigen. Warum haben einige wenige Juden überlebt und sind so viele gute und fromme Juden umgekommen? Die Nachkommen schmettern den überlebenden Juden mit ohnmächtigem Zorn das Hakenkreuz entgegen. Die g`ttlosen Juden sind Schuld. Statt G`tt zu danken, dass sie überlebt haben, haben sie den jüdischen Staat gegründet. Nur der Messias hat das Recht dazu. Die Zionisten sind schlimmer als die Nazis. Die Nazis haben den Juden das Leben genommen, die Zionisten stehlen den Juden die Seele. Hoch lebe Arafat!

Jedes Mal, wenn ich im Finanzamt vorspreche, eine neue Brille oder einen neuen Haarschnitt brauche, suche ich die Bezirkshauptstadt Düren auf. So war ich Mitte August 2009 in Düren. Sofort fiel mir Mea Shearim ein. Nicht wegen der Hitze und des Schmutzes. Sogar Grünflächen sind für den Hund vorhanden. Die Einwohner spazieren zwar ziellos umher, aber sie sind keine schwitzenden Juden. Denn die wenigen Juden Dürens haben Angst, sich zu outen. Selbstredend gibt es keine jüdische Gemeinde und schon gar keine Synagoge, die die Vorübereilenden zum Beten auffordert.

Mea Shearim fiel mir ein, als ich die vielen Hakenkreuze in Düren sah. Nun sollte man wissen, dass Kommunalwahlen vor der Tür stehen. Die Mitglieder des Dürener Bündnisses gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt befürchten, dass die NPD in den Stadtrat einziehen wird. Deshalb stellten sie Plakate auf, die ihrer Meinung nach die Wahlbürger vom Wählen der NPD abhalten würden. Hakenkreuz-Plakate.

http://www.duerener-buendnis.de/2009/plakataktion-gegen-die-neonazis/

Das Plakat, welches mir sofort auffiel, zeigt ein graues, leicht verbogenes Hakenkreuz mit roten (Blut?)Flecken. Darüber fliegt eine Taube, bei der es sich um eine Friedenstaube handelt, die jedoch einem Teil der christlichen Dreieinigkeit gleicht, besser: entsprechen würde, wenn da nicht die Exkremente der Taube in Richtung Hakenkreuz und ein vulgärer Satz wären. Über Kunst darf man streiten. Das Verbreiten nationalsozialistischer Symbole regelt das Strafrecht.

Im Dürener Bündnis gegen Rechts sind viele Organisationen vertreten: Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, sogar die Antifa. Wie konnten all diese Organisationen, insbesondere die letztgenannte es zulassen, Hakenkreuze zu verbreiten? Die Antwort findet sich in Mea Shearim:

Hakenkreuze sind in Düren nicht ein Symbol für das Böse, sondern das Böse selbst. Die Nachkommen der Täter des Holocaustes suchen die Schuldigen. Warum haben so viele Täter überlebt und sind so wenige Juden davongekommen? Die Nachkommen schmettern den Passanten mit ohnmächtigem Zorn das Hakenkreuz entgegen. Die gottlosen Nachkommen sind Schuld. Statt Gott um Vergebung zu bitten, unterstützen sie die überlebenden Juden, die Zionisten, die den jüdischen Staat gegründet haben, um die Palästinenser zu unterdrücken. Die Zionisten sind schlimmer als die Nazis. Hoch lebe Arafat!

Lieber Leser, Sie glauben, dass ich übertreibe? Dann empfehle ich Ihnen die Leserbriefe, die während des letzten Gaza-Krieges in der Dürener Zeitung und in den Dürener Nachrichten veröffentlicht wurden und sich nicht einmal in der Wortwahl von Artikeln der National-Zeitung unterschieden. Sie meinen, dass Ihre Regionalzeitung genau solche Leserbriefe abdruckte? Düren ist überall! Hängen in Ihrer Stadt auch Hakenkreuze?

Sie können auch die Seiten von pax christi lesen, einem Stützpfeiler des Dürener Bündnisses gegen Rechts. Nach Berichten der Friedrich-Ebert-Stiftung sind bis zu 25% der deutschen Bevölkerung Antisemiten. Glauben Sie, dass Bündnisse gegen Rechts eine antisemitismusfreie Zone darstellen?

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende und wird es niemals sein. Gestern war ich wieder in Düren: Finanzamt, Brille, Haarschnitt. Und was sehe ich? Eigentlich, was sehe ich nicht? Bis auf einen kleinen verschämt übersehenen Rest sind sämtliche Plakate des Bündnisses verschwunden, inklusive der Hakenkreuze. Haben etwa die Philosemiten im Bündnis, die aus ihrem wohlverdienten Sommerurlaub zurückgekehrt sind, die daheim gebliebenen Antisemiten überstimmt, sogar überzeugt? Das wäre ein schönes Happy End. http://klarmann.blogsport.de/2009/07/23/rechts-haller-stellt-strafanzeige-gegen-bgr-wegen-nutzung-von-nazikennzeichen/

Der Grund ist ein anderer: Die NPD hat Anzeige erstattet! Wegen Verbreitung nationalsozialistischer Symbole und weil insbesondere unsere jüdischen Mitbürger bei flüchtiger Betrachtung, beispielsweise im Vorbeifahren auf der Straße, beim Betrachten der bloßen Symbolik an die Schrecken der Vergangenheit erinnert werden könnten.

Sie meinen, lieber Leser, dass diese geheuchelte Wahrheit nicht zu überbieten ist? Dann studieren Sie die Kommentare unter dem Artikel. Es ist herzergreifend zu lesen, wie NPD und Bündnis gegen Rechts sich gegenseitig beim Wohl der nicht vorhandenen Dürener Juden übertrumpfen.

Und bedenken Sie: Düren gehört zu den größten Städten Deutschlands, die bis heute keine Jüdische Gemeinde beherbergt. Und daran ist nicht die NPD schuld.

PS:
Aus den beiden Überschriften auf der Seite des Bündnisses

Plakataktion gegen die neoNazis (Do 06.08.2009)
Die Plakataktion geht weiter (Di 11.08.2009)

und der Tatsache, dass die Plakate aus dem Stadtbild verschwunden sind, schließe ich, dass die Anzeige der NPD von Erfolg gekrönt war.

PPS:
In Düren existieren mehrere Stelen, die an die Deportationen von Juden erinnern. Während an 364 Tagen im Jahr die Stelen zu Befriedigung von Hund und Mann dienen, versammeln sich dort alljährlich zum 9. November die guten Menschen Dürens unter der Ägide des Bündnisses gegen Rechts, oft zwischen zwei Karnevalssitzungen, um der guten toten Juden zu gedenken. Zu diesem Anlass werden keine Hakenkreuze mitgebracht, obwohl das Bündnis gegen Rechts nationalsozialistische Symbole zur Aufklärung nutzt. Der Grund liegt darin, dass an diesen Veranstaltungen niemand zugegen ist, der der Aufklärung bedarf: keine bekennenden Nazis und keine lebenden Juden.

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Kategorie(n): Inland 

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