Unterstützung für Achgut

  12.10.2007   13:53   +Feedback

Nastrovje Ramadan!

Seit Monaten bastelt man bei uns an einem Hausanbau. Es gibt die üblichen Verzögerungen—wir haben uns darauf eingestellt und ärgern uns nur manchmal noch. Anfangs lag’s an Vermessungsfehlern des Architekten, später an Schludrigkeiten des Bauleiters.

Solange noch Beton fürs Säulenfundament gegossen wurde, erschienen jeden Morgen bis zu einem Dutzend Lateinamerikaner, die kein Englisch sprachen (nicht unwahrscheinlich, daß sie illegal im Land sind); Andy, ihr bulliger, doch immer melancholisch dreinblickender Vorarbeiter, dem leicht verblaßte Tätowierungen aus dem Hemd lugten, erzählte mir, er sei Sohn eines ungarischen Künstlers, der ‘56 in Budapest für Demokratie demonstriert hatte und dann so eben den russischen Panzern über die österreichische Grenze entkommen konnte, und eines Height Ashbury-Hippiemädels, das Mitte der Sechziger aus den Klauen ihrer strikten nordkarolinischen Eltern nach Kalifornien entfleucht war.

Als es an den Holzbau des eigentlichen Gebäudes ging, wurden Andy und seine betongießenden Latinos abgelöst von einer Crew stämmiger, breitgesichtiger Männer, die auf den esten Blick ethnisch schlecht einzuordnen waren und mehr schlecht als recht Englisch sprechen. Jedoch werden sie nicht dichtgedrängt in einem Van antransportiert, sondern fahren in eigenen blitzblanken, wenn auch etwas angejahrten Kleinwagen vor.

“Meet Israel”, stellte mir am ersten Tag Calvin, unser Bauunternehmer, den freundlich grinsenden, vielleicht vierzigjährigen Mann vor, der als Kolonnenführer fungierte. “Das sind Russen. Kannst du Russisch?”

Nein, Russisch kann ich leider nicht. “Sprichst du deutsch?” fragte ich Israel. Er schüttelte den Kopf. “German? No.”

“Also, ihr seid aus Rußland?”

“Kasachstan,” erwiderte Israel.

“Sie wurden mir vor anderthalb Jahren vom International Rescue Committee vermittelt,” sagte Calvin. “Alles legal.”

Billy, der übergewichtige Schreiner mit weit über den Hosenbund hängender Wampe, äußerlich ein täuschend echter Südstaatenredneck und innerlich ein ganz lieber Teddybär, der passenderweise eine Harley Fat Boy fährt, trat hinzu. “Die können arbeiten, die Jungs”, sagte er anerkennend. “Alle von einer Familie. Kommen aus demselben Dorf “da drüben—somewhere over there”: Israel mit Vetter und Neffen.

“Jewish?” fragte ich. Der Name Israel legte die Frage nahe, und, daß sie Asylanten aus dem Gebiet der früheren Sowjetunion sind.

“No,” sagte Israel und schüttelte sanft den Kopf. “Muslim.”

Mein Versuch, mehr über ihr Schicksal zu erfahren, vor allem den Grund, warum sie übers Rescue Committee in den USA gelandet waren, scheiterte an der Radebrecherei. Calvin wußte auch nichts genaueres, nur daß sie “difficulties” in ihrer Heimat gehabt hatten.

“O.k., ich will euch nicht von eurer Mittagspause abhalten”, sagte ich.

“Ach was,” sagte Dave, der drahtige, auch nicht gerade tätowierungsarme Bauleiter. “Die haben doch Ramadan, oder wie das heißt. Einen Monat lang essen die nur nachts.”

Ein paar Tage später war ich mal wieder so gegen Mittag am Bau, um Dave auf Vermessungsfehler an einem Fenster aufmerksam zu machen, und sah, wie Israels Neffe eine Banane verputzte. “Guck mal,” sagte ich zu Dave. “Ramadan ist doch noch nicht vorbei, denke ich?”

“Hey, Israel”, rief Dave, “sind Bananen vom Ramadan ausgenommen?”

Israel lachte, zeigte auf seinen Neffen und schob sich die Hand vor die Augen.

“Ah, du willst nichts gesehen haben”, sagte Dave.

“No, no”, sagte Israel und wies wieder auf den jungen Mann, “look, eyes closed, not see! Dark! Night!”

Tatsächlich, sein Neffe hatte die Augen geschlossen und spielte Nacht, während er lustig draufloskaute.

Für heute, Freitag, sollte eigentlich ein Sattelschlepper den großen Kran bringen, mit dem das vorgefertigte Dachgerüst hochgehievt werden muß. Vor zwei Tagen, bei unserem wöchentlichen Lagegespräch, ließ uns Calvin jedoch wissen, man müsse das auf nächste Woche verschieben, denn er habe seinen Moslems freigegeben, damit sie das Ende des Ramadan feiern können.

“Bis Montag werden sie sich wohl wieder erholt haben”, setzte er hinzu.

“Wovon erholt?” fragte Rita, meine Frau.

“Vom Essen und Trinken”, sagte Calvin.

“Wie, trinken?” fragte Rita. “Ich dachte, sie sind Moslems.”

“Wodka”, sagte Calvin. “Ich hab’s voriges Jahr miterlebt, sie haben mich dazu eingeladen. Ich sag’s doch, das sind Russen! Die wissen ihre Feste zu feiern, und Ramadan, das ist wohl was ganz besonderes. Da fließt der Wodka, was das Zeug hält.”

Nun wissen wir wenigstens, was wir demnächst zum Richtfest ausschenken. Nastrovje!

()


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Kultur 

Helfen Sie uns Die ACHSE DES GUTEN noch besser zu machen
und auszubauen!

Spendenkonto
Kontonummer: 4893891
Augusta-Bank, Augsburg
Bankleitzahl 720 900 00
Internationale Bankleitzahl BIC GENODEF1AUB
Internationale Konto-Nr. IBAN DE93720900000004893891

Google-Anzeige