05.06.2008   23:21   +Feedback

Nahles und der Golfstrom

Wissen Sie, was Andrea Nahles 1989 gemacht hat? Sie hat den SPD-Ortsverein Weiler gegründet. Weiler bei Mayen. Mayen-Koblenz. Das sage ich nicht, weil es so anschaulich bedeutungslos daherkommt, sondern weil es ein Licht auf die westdeutschen Belange wirft. Da kann an unseren Grenzen eine ganze Welt untergehen, der Ostblock, und in Deutschland eine neue entstehen, im Rheinland gründet man Ortsvereine. Andrea Nahles war 1989 neunzehn Jahre alt und bereits seit einem Jahr SPD-Mitglied.

Seither ist eine Menge Zeit vergangen, und es ist auch eine Menge geschehen. Nicht zuletzt in der SPD. Willy Brandt ist gestorben, Lafontaine kam, sah und ging wieder, Schröder auch, aber anders und mit Müntefering, dem es ebenfalls reichte, und bald war es in den höheren Etagen der ehemaligen Arbeiterpartei so leer, dass ein Kurt Beck ganz unauffällig erste rhetorische Dehnübungen machen konnte, als müsse er das Appellieren lernen.

Dem Tanker SPD fehlt nicht nur das Tempo sondern auch die Mannschaft. Andrea Nahles ist heute stellvertretende Parteivorsitzende. Das aber ist mehr etwas für die Presse. Die Macht in der Partei folgt in Wirklichkeit, wie man spätestens seit dem Schicksal Münteferings weiß, nicht der Amtsautorität sondern einem informellen Golfstrom.

In der SPD agieren, neben den drei Kategorien, die es in allen Parteien gibt, Karteileichen, Basissprecher und Alphatiere, von den Langweilern des Netzwerks Berlin einmal abgesehen, zwei weitere Gruppen, die Parteilinke und der Seeheimer Kreis. Diese beiden Gruppen verstehen sich, im Unterschied zu den drei anderen, ausdrücklich als Minderheiten. Entsprechend lautstark gebärden sie sich. Wenn sie auf der Parteibühne erscheinen, reden sie mit einem Pathos, das sich aus der gefühlten Notwendigkeit der Selbstverteidigung speist.

Andrea Nahles ist natürlich links. Sie vertritt die linke Minderheit in der SPD gegen fast alles andere, ist aber, wie regelmäßig betont wird, durchaus zum Pragmatismus fähig. Jakobinerin mit Papiermesser. Beispielsweise wenn es ums Geld geht. Nahles in den Ruhr-Nachrichten: „Wir erhöhen die Steuern für Reiche – ich glaube nicht, dass das in der Bevölkerung schlecht ankommt“. Klub Donnersberg? 1849?

Selbst das Castro-Foto, das angeblich ihr Büro ziert, soll ein Jugendfoto des Diktators sein, das sie von einem Kuba-Urlaub mitgebracht hat. Auf die Frage der Westdeutschen Zeitung, ob sie damit eine politische Aussage verbindet, antwortet sie mit einem deutlichen Nein. Sie mag Kuba. Ähnlich wie Gerhard Schröder, sagt sie. Der hat immer kubanische Zigarren geraucht. Sie aber rauche nicht. Und kubanische Verhältnisse will sie sicher auch nicht, fügen wir hinzu. Nur dieses Jugendfoto hat es ihr angetan. Wie die Sonnenenergievereinigung Eurosolar, die IG Metall und Attac. Da ist sie jeweils Mitglied. Ob das eine Rolle spielt, die gleiche wie Castro, als Gag, wie sie in Bezug auf ihn sagt?

Andrea Nahles lebt im übrigen auf einem alten Bauernhof in der Eifel. Das ist weit weg von allem, auch von Deutschland. Macht nichts. Es ist ohnehin nicht viel zu tun. Das meiste, was zu tun ist, regelt der Golfstrom. Früher, als alles noch seine Ordnung hatte, wollte man vielleicht Rosa Luxemburg sein. Nur so. Andrea Nahles aber ist Andrea Nahles. Heute genügt das. Für heute reicht es sogar.


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Inland